Die Buddenbrooks der DDR

Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ spiegelt über vier Generationen die Geschichte einer zum DDR-Establishment gehörenden Familie, die der untergehenden DDR und der Nachwendezeit. Die Zeit-Feuilleton-Chefin Iris Radisch bezeichnet ihn gar als den "großen DDR-Buddenbrooks-Roman".  Der zeitliche Rahmen: zwischen 1952 und 2001, fünf Jahrzehnte. Die Schauplätze: Mexiko, Moskau, Ostberlin.

Erzählt wird sehr einfühlsam aus verschiedenen Perspektiven, nicht in der Ich-Form, sondern in der Distanz schaffenden Er-Form. Realität und Fiktion mischen sich in dem Roman, schaffen ein Mosaik.

Wilhelm und Charlotte, die altkommunistischen Großeltern, sind aus dem mexikanischen Exil in die DDR zurückgekehrt, um beim Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken.
Dort lebt es sich gut in einer großbürgerlichen Villa mit Haushälterin. Der eigene Vater Wolfgang sei, so der Autor Eugen Ruges, Vorbild für Kurt, Charlottes Sohn aus erster Ehe. Der flieht als Jugendlicher 1933 aus Hitler-Deutschland in die Sowjetunion, studiert in Moskau Geschichte, wird in einem Gulag interniert, weil er den Nichtangriffspakt zwischen Stalin und Hitler kritisiert, heiratet dort eine vom Regime abgestrafte russische Frau. Eugen Ruge, der 1954 im Ural zur Welt kommt, kehrt als Vierjähriger mit den Eltern zurück in die DDR. Trotz alledem verliert Ruges Vater den Glauben an den Kommunismus nicht, wird in der DDR ein angesehener Historiker.  Der Sohn Eugen wird Mathematiker, dann Dramatiker.  1988 verlässt er die DDR. "Natürlich sind die Geschichten in Wirklichkeit viel komplizierter als im Buch“, erklärt Ruge.

Im Lichte betrachtet, verformt die Ideologie das Leben

 

Die Lichtmetaphorik spielt in der menschlichen Kulturgeschichte, in der Philosophie, der Religion eine große Rolle, wird auch vom Kommunismus gebraucht. Das Licht symbolisiert das "Gute", welches die Finsternis vertreibt. "Brüder zur Sonne, zur Freiheit Brüder zum Lichte empor", singen Teile der Arbeiterbewegung heute noch gerne. Der Titel des Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ nimmt bewusst diese Metaphorik auf, versinnbildlicht die Geschichte vom Verlöschen einer Ordnung, eines Landes, einer Idee. Vom Verlöschen einer Familie,  so Ruge in einem Interview (Zeit-online).

Der Autor Eugen Ruge erzählt brillant. Sein Stil: schnörkellos, reduziert. Bewusst habe er diese  knappe Sprache gewählt. Der zeitliche Rahmen: 1952 bis 2001.  Ruge setzt Jahrestage - das Jahr 2001 und der 1. Oktober 1989 -, zu denen er immer wieder zurückkehrt, die er mithilfe der dazwischen liegenden Jahre umkreist. Im Vordergrund stehen nicht die politischen Ereignisse, eher dienen diese als roter Faden für die Schicksale der verschiedenen Figuren. Deren Gedanken und Gefühlen zeigen, wie die ideologische Wirklichkeit das Leben verformt.

 

Von Parteikarriere und Hofschranzen

 

Im Roman besucht Alexander, für den die   Wende der Beginn einer neuen Zeitrechnung ist, im September 2001 kurz nach einer Krebsdiagnose seinen dementen Vater Kurt, den "alten pedantischen Hund", einen ehemaligen Professor, der nun "wie ein Geist" durch die Welt irrt. Seine dem Alkohol verfallene russische Frau Irina hat er überlebt. "Halbwahres und halbherziges  Zeug"  habe dieser als Professor für Geschichte fabriziert, die Familie tyrannisiert,  wirft ihm Alexander vor. Ein verfehltes Leben. In Kurts Wohnung findet Alexander Erinnerungen, die das Material für die Geschichte liefern. Die Großmutter Charlotte, die  nur vier Klassen Haushaltsschule besucht hat, wird in der DDR Leiterin  eines Instituts für Sprachen  und Literatur. Eine typische Parteikarriere.  Charlotte schikaniert ihre russische Schwiegertochter Irina, behandelt sie wie "Dreck". Der Stiefgroßvater Wilhelm, "was Höheres" in der DDR, vor dem Krieg Arbeiter, scheitert als Verwaltungsdirektor, missachtet, drangsaliert sein Umfeld mit  Partei-Geschwätz. Noch als "Skelett mit Schnurrbart" kurz vor der Wende wird er von seinen Schranzen in "speckig grauen Anzügen"  hofiert. Eine Figur, die wenig Sympathie weckt, die keinen Widerspruch duldet, wenn es um die "revolutionären  Leistungen" des Regimes geht. Kritisches Hinterfragen gilt als Verbrechen. Ein unbelehrbarer Altstalinist wie seine Ehefrau Charlotte. Die restlichen Angehörigen sind  in der DDR nicht heimisch, arrangieren, verbiegen sich, zahlen dafür einen hohen Preis. Bei Irinas Beerdigung (nach dem Ende der DDR) wird ihr Enkel Markus, der aus  der Ferne zuschaut, weder vom Großvater noch vom Vater erkannt.  Markus ist völlig desillusioniert, kifft sich die Wirklichkeit schön. Seine Weltsicht: Sowieso ist alles "Beschiss". Eine zerbrochene Familie.

 

„Die Partei, die Partei, die hat immer Recht.“

 

Höhepunkt des Romans ist das Familienfest 1989 zum 90. Geburtstag Wilhelms, zu  dem die Familienmitglieder sich versammeln. Der Patriarch darf nicht erfahren, dass sein Stiefenkel Alexander, russisch Sascha genannt, kurz vor der Wende aus der DDR flieht, seine Frau  samt Sohn Markus zurücklässt. Spürbar ist die nahende Veränderung, die  ausgeblendet wird. Wie jedes Jahr erhält Wilhelm seinen   Orden, Jubelreden werden gehalten. Dazu summt er: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht.“ Das Regime feiert sich selbst. Eine paradoxe Szene, die merkwürdig komisch, gar grotesk wirkt, vor allem auch da Wilhelm  am Ende seines Geburtstages stirbt. Das letzte Kapitel des Romans spielt wieder im Jahr 2001, nun in Mexiko, wo Alexander sich auf den Spuren der Großeltern aufhält. Das Leben hat sich auch dort verändert: Kriminalität, Zivilisationsmüll. Hoffnung, dass die Menschheit sich ein wenig zum Guten verändern könne, macht ihm  aber, dass mexikanische Wasserschildkröten  inzwischen unter Naturschutz stehen. Taten, so klein sie auch sein mögen, statt große Worte, Alexander, innerlich ermüdet, beginnt sich in Mexiko frei zu fühlen. Der Klang der Natur, "das gleichgültige, ferne Rauschen des Meeres"  lässt ihn  die Wirklichkeit anders empfinden. Er spürt eine Ausweitung des Lebens - wie nie zuvor.

Leise, melancholisch, versöhnlich endet der Roman. Ruge  liegt es fern,  die Vätergeneration anzuklagen. Ideologien kommen und gehen, zurück bleiben gezeichnete Menschen. Und wohl die Mahnung, wie zerstörerisch  Ideologien auf menschliche Beziehungen wirken. Nicht die Bedürfnisse des Menschen sind von Bedeutung, sondern der Mensch wird der Idee angepasst, notfalls mit Terror.

Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wird rasch zum Weltseller. 2009 erhält der Autor dafür den Alfred-Döblin-Preis, 2011 den Aspekte-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis. Von Matti Geschonneck wurde der Roman  2017 verfilmt.

 

Eugen Ruge

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Roman 

Rohwolt Taschenbuch Verlag 


 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal