"Vienna" - ein Roman der diesjährigen Hölderlinpreisträgerin Eva Manesse 

Lieber aufgeregt als abgeklärt!

"Mein Vater war eine Sturzgeburt." Mit diesem Satz beginnt Eva Menasses Roman. Am Ende kichert  die greise Großmutter: "Mein Sohn war eine Sturzgeburt."  Dazwischen plaudert die Ich-Erzählerin auf über 400 Seiten  höchst unterhaltsam über ihre große Familie. 2005 ist der Roman erschienen. Damals trifft sich die Autorin mit  Volker Weidermann (F.A.Z. 2005) im  Berliner Café Einstein, bekennt, dass es tatsächlich die eigene Familiengeschichte ist. Die  Menasses sind in Österreich eine berühmte Familie. Der Vater Hans, 1930 geboren, ein ehemaliger österreichischer Fußballstar, der Bruder Robert, Evas Halbbruder, ein bekannter Schriftsteller.

Viel österreichisches Lokalkolorit kennzeichnet den Roman. Wien als Schauplatz. In den Kaffeehäusern spielt man Bridge. "Katzi", "Fuchsi" - so die Namen der Frauen. Dazu der humorige, grantelige Wiener Dialekt, der Schmäh. Im Anhang findet sich übrigens eine Liste mit Worterklärungen. 

 

Spurensuche 

 

"Mein Großvater", "meine Großmutter", "mein Vater", "mein Bruder". Mehr nicht, keine Namen. Dafür Exzentriker allesamt.

Die katholische Großmutter, eine Sudetendeutsche, der jüdische Großvater, relativ geschützt durch die sogenannte Mischehe, überleben die Zeit des Nationalsozialismus. Während der Luftangriffe darf er nicht in den Bunker. Anfangs geht die Großmutter allein, bleibt dann aber bei ihrem Mann. Der Vater der Ich-Erzählerin kommt  mit einem Kindertransport nach England, verlernt dort die deutsche Sprache. Der sieben Jahre ältere Onkel geht zur  britischen Armee, kämpft in Burma gegen die Japaner. Tante Katzi, den Nazi-Schergen entkommen, stirbt in Kanada. Die Mutter des Großvaters überlebt den Transport nach Theresienstadt nur drei Wochen. Dass der Vater in England aufgewachsen ist, erfährt Eva Manesse erst mit zwanzig. Denn über die Zeit des Nationalsozialismus wird in der Familie ein Mantel des Schweigens gelegt. Die Ich-Erzählerin begibt sich schließlich gegen Ende des Romans mit dem Vater auf Spurensuche nach England. 

 

Die Wahrheit hinter der Geschichte

 

Das Geschichtenerzählen hat in der Familie Tradition, Eva Menasse  nennt das "M M", "manisches Mythologisieren". Voller Lust wird fabuliert, pointiert, urkomisch, oft übertrieben; dennoch steckt dahinter Wahrheit, nicht selten eine zutiefst traurige.

Ausführlich dargestellt ist das Leben im Österreich der Nachkriegszeit, welches sich rasch als "erstes Opfer Hitlers" entlastet. Von der großen Politik wollen auch die tatsächlichen Opfer wenig wissen, man richtet sich ein, sucht nach dem kleinen Glück.  "Ach, Sie sind wieder da, ich dacht', die hätten Sie vergast!" , bekommen die wenigen  überlebenden Juden zu hören.

Parallel findet allerdings auch die Suche nach Identität vor allem der Jüngeren statt. "Ich soll kein Jude sein?" Ein Familienangehöriger, Mitglied der Kommunistischen Partei, beteiligt sich bei einer Aktion gegen den israelischen Botschafter, der mit Tomaten beworfen wird. Man ist selbstverständlich stramm pro-palästinensisch und ant-israelisch. Als alte Wiener Jüdinnen, Überlebende der Nazi-Barbarei, vor Angst schreiend flüchten, weil sie ein PLO-Attentat vermuten, kann er nicht mehr. "Damals hab ich verstanden, was ein Hitlerjunge ist!"  Sally Perel, der Autor von "Ich war Hitlerjunge Salomon" wird vom  "vergifteten Gehirn" sprechen.

Eva Menasse, die Autorin, hat sorgfältig recherchiert, mit unterschiedlichen Familienangehörigen gesprochen, das farbenprächtige Bild einer Familie mit jüdischen Wurzeln gestaltet. Subjektiv wahrgenommen und erzählt, lässt sie aber die Grenzen zwischen Tatsächlichem und Erfundenem verschwimmen, sodass immer deutlich bleibt, dass sie einen Roman geschrieben hat.
 

Eine unverwechselbare Prosa

 

Die Schriftstellerin Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, erhält   Friedrich-Hölderlin-Preis 2017  der Stadt Bad Homburg. In der Jurybegründung heißt es: "Eva Menasses literarisches Œuvre umfasst ganz unterschiedliche erzählerische Formen. Mit jedem Werk setzt sie neu an. Dem hinreißenden Debüt, einem Roman über eine jüdische Familie im Wien des letzten Jahrhunderts, lapidar mit 'Vienna' überschrieben, folgen streng komponierte Erzählbände und ein Roman, der unter dem Titel 'Quasikristalle' chemische Strukturen in multiperspektivisches Erzählen übersetzt. Eva Menasse schreibt eine unverwechselbare Prosa, die wortgewaltige und zarte Töne, Komisches und Melancholisches, einen forschenden Blick und Empathie mit ihren Figuren verbindet. Ihre Themen von der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die aktuelle Gegenwart mit den Patchworkfamilien, der Reproduktionsmedizin oder der Digitalisierung führt sie unaufdringlich zu den Fragen, was wir sind und was wir wirklich über uns wissen."

Eva Menasse schrieb für die "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" beim Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving in London. In Wien arbeitet sie als Kulturkorrespondentin, seit 2003 als Publizistin und freie Schriftstellerin in Berlin. 

Eva Menasse "Vienna"

btb Verlag

ISBN 978-3-442-73253-1

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Aalener Kulturjournal