Francesca Schmidt: 1774. Als die jungen Genies die Freiheit suchten

Sturm und Drang und ein wenig Tratsch und Klatsch

Der Sturm und Drang ist eine literarische Jugendbewegung. Beflügelt von Rousseaus Zivilisationskritik und dem Streben nach der Freiheit des Individuums. Nicht nur im alten Europa, wo die absolutistische Herrschaft wie die ständische Gesellschaft im Fokus stehen, rumort es, auch die amerikanischen Kolonien rebellieren gegen die Kolonialmacht. Nach Selbstverwirklichung, Befreiung aus einschränkenden gesellschaftlichen Zwängen strebt die junge Generation: ein Aufstand gegen die Welt der Väter. Leidenschaft, Phantasie, Spontaneität statt strenger Form in allen Bereichen, im Leben wie in der Dichtkunst.

Simone Francesca Schmidt wirft in ihrem Buch mit dem Titel „1774. Als die jungen Genies die Freiheit suchten“ einen Panoramablick auf das „aufregende“ Jahr. Die Namen lesen sich wie ein Who’s who des Sturm und Drang.  Monat um Monat blättert die Autorin auf. Ausführlich und zitatenreich gibt sie  Einblick auf Grundlage unterschiedlicher Quellen, verwoben mit Privatem. Denn Simone Francesca Schmidt  wirft auch einen Blick hinter die Kulissen: Klatsch und Tratsch über die „jungen Wilden“, alle „egozentrisch“ und „nicht pflegeleicht“, zwischen denen es folglich oft gewaltig kriselt, würzen das Erzählte. Intrigen, Liebeshändel, der folgenreiche Fehltritt einer Ehefrau, hinters Licht geführte Mädchen. Das ganze pralle Leben.

So beginnt der Januar mit dem jungen Frankfurter Patriziersohn Goethe, der mit seinem 1773 erschienenen  „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand“, dem „Selbsthelfer in wilder Zeit“  bereits eine Berühmtheit ist. Ein launenhafter „Filou“, ein Revoluzzer aus privilegierten Verhältnissen, ein Frauentyp, amüsant, immer zu Scherzen aufgelegt, sei Goethe. In dem bitter kalten Winter, der Main ist zugefrorenen, schwebt der leidenschaftliche Schlittschuhläufer elegant über das Eis, an seiner Seite die umschwärmte Schönheit Maximiliane, Tochter der Schriftstellerin und Salondame Sophie von La Roche. Maximiliane indes wird an den verwitweten Peter Anton Brentano, ein bedeutender Frankfurter Handelsherr, verheiratet, ist todunglücklich, wird Mutter von zwölf Kindern, darunter die berühmten Romantiker Clemens und Bettine. 1793 stirbt sie mit  nur 37 Jahren nach der Geburt ihres jüngsten Kindes.

 

„Die literarische Szene steht in intensivem Austausch“, betont die Autorin.

 

So werden Briefe geschrieben, getauscht, vorgelesen. Freundschaften bilden sich,  bleiben bestehen oder zerbrechen. Denn die jungen Wilden übten auch untereinander harsche Kritik und verschonten einander nicht. Dabei werden sie rasch persönlich, wie zahlreiche eingeflochtene Zitate belegen.  Goethe, der sein Jurastudium in Straßburg beenden möchte,  trifft dort auf den Theologen und Kultur-Philosophen Herder, einer der einflussreichsten Köpfe seiner Zeit, dessen Gedanken zu Shakespeare (1773) richtungsweisend für die Stürmer und Dränger sind. Herder ist leicht zu kränken und finanziell klamm. Auch der Dramatiker Jakob Michael Reinhold Lenz, der  mit Verve sowohl sein Lesepublikum wie Rezensenten provoziert, der Bühnenautor Friedrich Maximilian Klinger, dessen Schauspiel „Sturm und Drang“ der Epoche den Namen gibt, haben ihren Auftritt. Lenz, zu seinem Leidwesen literarisch als „kleiner Bruder“ Goethes betrachtet, sei ganz durch den Wind, als der Schweizer Johann Caspar Lavater, Theologe und Kultautor, ein sentimentaler Fantast,  seinen Besuch ankündigt. Nach wenigen Tagen darf dieser Goethes Mutter „Mamma“ nennen. Mit Lavater und  dem populären  Pädagogen Basedow, ungehobelt  ist dieser das genaue Gegenteil von dem sanften Lavater, bricht Goethe zu einer  Rheintour auf. „Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten“, kommentiert Goethe.  Das „Weltkind“ ist natürlich er selbst, der selbstbewusste Kosmopolit. Und Friedrich Daniel Schubart wäre gern dabei ein „Mäusgen“ gewesen, bekennt er. 

 

Nicht nur Schubart sind gebildete Frauen suspekt

 

Das Highlight des Jahres 1774 ist der im März Goethes erscheinende  autobiographisch grundierte Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“, Literaturskandal, in ganz Europa  Bestseller und Kultbuch. Die Kestners, welche die Vorlage bilden für das Paar, sind allerdings weniger begeistert. In nur vier Wochen hat Goethe seinen „Werther“ zu Papier gebracht, sich befreit von seinem Weltschmerz, „wie nach eine Generalbeichte, wieder froh und frei, und zu einem neuen Leben berechtigt“ gefühlt. Goethe  sprudelt geradezu vor Kreativität: Im Mai 1774 schreibt er in nur acht Tagen das  Trauerspiel „Clavigo“ und im Oktober das Furore machende programmatische  Gedicht „Prometheus“. Ärger handelt er sich allerdings ein mit der Farce „Götter, Helden und Wieland“, söhnt sich jedoch im Dezember mit dem Geschmähten aus.

Am 31. März startet Christian Friedrich Daniel Schubarts höchst erfolgreiche  „Deutsche Chronik“. Aufklären will er das „Volk“ über das „Narrenhaus Welt“,  erziehen und bilden. Die Verse „Freiheit, Freiheit! Silberton dem Ohre! Licht dem Verstande! Dem Herzen groß Gefühl und freier Flug zu denken!“ umreißen Schubarts Lebensthema. Dem schwäbischen Kleinbürger, vor dem kein Rock sicher ist,  sind indes gebildete Frauen „suspekt“. Wie auch der Protest der „genialischen Kerls“ nicht so weit geht, die von ihnen eingeforderten Rechte dem weiblichen Geschlecht zuzubilligen. Erinnert sei an Goethes Schwester Cornelia, die in einem aufgeklärten Elternhaus gemeinsam mit dem Bruder erzogen, zu einer gebildeten talentierten jungen Frau heranwächst, sich in eine Ehe mit Johann Georg Schlosser, dem Freund ihres Bruders, flüchtet und verkümmert. Am 10. Juni 1777 wird sie im Kindbett sterben. Ein Drittel aller verheirateten Frauen, so Schätzungen, teilen ihr Schicksal. Auch davon  erzählt Simone Francesca Schmidt. 

Die „Jungs“ vom   Göttinger Hainbund, ein deutsch-national gesinnter Dichterkreis des Sturm und Drang,  gegründet von Heinrich Christian Boie, verehren Klopstock, ihren „Vater“ glühend, während sie den weltmännischen Christoph Martin Wieland, der den aufkommenden Nationalismus als Gefahr erkennt , genauso glühend hassen. Bei der Feier von Klopstocks Geburtstag am 2. 7. 1773 verbrennen die Hainbündler Bücher des „aufgeklärten Europäers“ Wieland. Und am 28. August feiert Goethe seinen 25. Geburtstag, während Herder zum ersten Mal Vater wird.

 

Freiheit will errungen sein

 

Im Oktober erscheint  Johann Georg Jacobis literarische Frauenzeitschrift „Iris“, gerichtet an Frauen aller  Schichten; „Nützliches und Unterhaltsames“ soll mitgeteilt werden, „ohne sie von häuslichen Pflichten abzurufen“. Die Auflage kann sich gar mit Schubarts „Chronik“ messen. Unter anderem schreiben Sophie von La Roche, Anna Louisa Karsch oder Johann Wolfgang von Goethe, trotz anfänglicher Skepsis, für die Zeitschrift.

Ein Epilog skizziert die zukünftigen Schicksale der Stürmer und Dränger. Einige Beispiele seien herausgegriffen. Heinrich Leopold Wagner stirbt jung, Christian Friedrich Daniel Schubart kommt ohne Anklage oder Verurteilung in Haft, Lenz geht zugrunde in Russland und Klinger wird nach einigen Wirrungen Kurator in Estland. Die Frauen und Mädchen, welche sich im Umfeld der „jungen Wilden“ bewegten, seien meist die Leidtragenden gewesen. „Frau zu sein ist nicht einfach im Jahr 1774.“  Während  Wieland, Goethe, Herder und Schiller als das Viergestirn der Weimarer Klassik von überragender Wirkkraft in die Literaturgeschichte eingehen. 

Geistreich, profund und gut gelaunt plaudert Simone Francesca Schmidt über die komplexe Epoche des Sturm und Drang, indem sie Fakten wie Kontexte souverän vermittelt, um ein höchst lebendiges Bild entstehen zu lassen. Deutlich wird zudem, dass im Jahr 1774  Weichen gestellt werden für die Welt, in der wir heute leben, dass Freiheit errungen werden muss. Literaturgeschichte  als wahres Lesevergnügen.

Ein ausführliches Personenverzeichnis, Abbildungen und eine Zeittafel  finden sich im Anhang.

 

 

Simone Francesca Schmidt

1774. Als die jungen Genies die Freiheit suchten

Biografie eines aufregenden Jahres

296 S. ca. 10 Abbildungen

2022

Suedverlag

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal