Friederike Manner: "Die dunklen Jahre"

Mehr als nur ein Roman

 „Was um mich herum geschah, war nicht wirklich, war ein böser Traum, aus dem ich nicht mehr erwachen konnte, war Irrsinn.“ Rückblickend erinnert sich die Ich-Erzählerin „Klara“, wie die Welt, die sie kennt, zerbricht. Wie Hiob hadert sie mit Gott, der die Guten schmachten und die Bösen ihn preisen lasse. Wo sie doch nur ein „kleines Menschenglück“ wollten.  Im Unterschied zu dem biblischen Hiob  erbarmt Gott sich ihrer jedoch nicht. Friederike Manner (1904–1956) erzählt In ihrem autobiografischen Roman „Die dunklen Jahre“ ihr eigenes Leben. 1948 wird der Roman bereits unter dem Pseudonym Martha Flora veröffentlicht, allerdings findet dieser großartige Exilroman damals nicht die Resonanz, welche ihm gebührt hätte. Nun wird er durch die Literaturwissenschaftlerin  Eveline Polt-Heinzl zurückgeholt ins literarische Gedächtnis.

Der Roman beschreibt den Leidensweg einer österreichischen Familie in den „dunklen Jahren“ des Faschismus 1934 bis 1945. „Klara“ ist Friederike Manner,   „Ernst“, ihr Mann, der jüdische Arzt Hans Brauchbar, die Kinder Elisabeth und Georg tragen im Roman die Namen  Gottfried und Stella. Die  Handlung setzt ein im Jahr 1934 mit Klaras Ehekrise und dem Februar-Aufstand, dem bewaffneten Widerstand gegen das autoritäre Regime Dollfuß, und endet Silvester 1945.

 

Klara und Ernst  haben sich auseinandergelebt, wollen sich scheiden lassen.  Klara ist unglücklich, leidet an ihrem „liebeleeren Leben“, gibt sich die Schuld. Ernst sei der Gütigste und Beste. Sie organisiert das familiäre Leben, vergräbt sich in ihrer Arbeit als Lektorin, beobachtet im Unterschied zu ihrem weltfremden Ehemann hellsichtig die politischen Geschehnisse. „Die Leiche Österreich stank schon“, diagnostiziert sie, als am 13. März 1938 die deutsche  Wehrmacht einmarschiert.  Sogleich weiß sie, in welcher Gefahr sich ihr Mann und die „halbjüdischen“ Kinder befinden. „Fünf Jahre Nationalsozialismus in Deutschland hatten längst erwiesen, welch giftige Früchte dort reiften.“  

Überall in Wien Hakenkreuze,  Hakenkreuzfahnen, Jubel. „Eine tollgewordene Menschenmenge“.  Ob sie wahnsinnig geworden sei oder die Menschen um sie herum, fragt sich die Erzählerin. Die Gleichen, die den „Usurpator“ gestern noch bekämpfen wollten, bejubeln ihn frenetisch. 

Die Zivilisation ist eine ganz dünne Kruste über einem Vulkan

                                         

 „Als die Gewalt kam, fiel die Firniß ab“, bemerkt  die Erzählerin lapidar. Wie dünn ist doch der zivilisatorische Schleier. Klaras schlimmste Befürchtungen werden wahr. Zügellose Gewalt auf den Straßen. Die Juden entrechtet, erniedrigt, misshandelt. Aus der Öffentlichkeit verdrängt, des Berufs,  des Eigentums, der Wohnungen beraubt. Am Ende Deportation und Ermordung. Das Ganze nennt sich „Arisierung“. Was Jahre zuvor in Deutschland geschehen ist, wiederholt sich in Österreich.  „Der Mensch hat sich auf sein wahres Ziel besonnen und strebt ihm mit Leidenschaft entgegen: den Nächsten zu quälen und zu töten.“. Die meisten ducken sich weg, in der Hoffnung verschont zu bleiben, sodass Klara nur wenig Hilfe findet. Klara, die ihren Mann nicht im Stich lässt, folgt ihm mit den Kindern  1938 in die Emigration über die Schweiz nach Jugoslawien. 

 

Eine ergreifende Odyssee. „Wir kamen aus dem Grauen und fuhren in ein neues Grauen.“  Dem Weltuntergang entgegen.  Von Belgrad aus verfolgt Klara, wie der Zweite Weltkrieg entfesselt wird, „ein Weltbrand ohnegleichen“. Und weiter: „Was tat Hitler? Er schickte sieben Millionen Arbeitslose in andere Länder, um zu plündern – man kann es auch so sehen.“ Deutsche Sondereinheiten jagen in den überfallenen Ländern Juden und Kommunisten,  mit Unterstützung einheimischer Kräfte, zum Beispiel in Jugoslawien durch die faschistischen Ustaschi. Gerüchte von  entsetzlichen Gräueltaten kursieren. „Jede Minute war bedroht, dem Schicksal abgerungen und abgelistet.“ Klaras Gesicht wird zum „Leichengesicht“. Oft denkt Klara an Selbstmord,  fühlt nichts mehr, wird „hart und kalt“, ihr einziges Ziel ist, das Leben ihrer Kinder zu retten. Während Ernst in einem Konzentrationslager ermordet wird, überlebt sie im besetzten Belgrad als Schreibkraft in der deutschen Verwaltung, gefährdet, jedoch unterstützt von einem kleinen Kreis Helfer.

 

Friederike Manners Sprache ist kraftvoll,  ausdrucksstark,  von großer poetischer Schönheit. Ist der Ton zu Beginn in der „Widmung“, einem Prolog, welcher ein selbständiger Teil sein könnte,  wehmütig, verhalten, wenn die Erzählerin zum Beispiel von ihrem privaten Unglück spricht, so  wird er, wenn es um die gesellschaftlichen Umschwung geht,  nicht selten sarkastisch. „Kaiserwetter“ wird zum „Hitlerwetter“, was alles  sagt. Später in den Zeiten der Emigration klingt die Erzählerin oft verzweifelt. Dennoch finden sich in diesem Teil des Romans berührende, geradezu lyrische Naturbeschreibungen oder Bilder voller Zärtlichkeit, zum Beispiel wenn die bedrohte Familie sich kleiner verwaister Katzen annimmt, das Letzte mit diesen teilt. 

Klara und die Kinder überleben, die meisten Schicksalsgenossen nicht.  Durch das Chaos der letzten Kriegsmonate fliehen sie zurück nach Wien, Tag und Nacht in Lebensgefahr, werden denunziert, geraten auch hier ins Visier der Gestapo.

 

 

Sein Fähnchen nach dem Wind hängen

 

 

 „Wir, die Leidenden, können es den andern nicht verzeihen, daß sie uns diese bestialische  Schmach antaten, und die andern könne es uns nicht verzeihen, daß wir da sind und sie mahnen“, bemerkt Klara am Ende. Um  scharf es auf den Punkt zu bringen: „ Was alles nennt sich heute „Antifaschist“ – und so mancher, der heute mit der Widerstandsbewegung prahlt, hat ehedem freudig und flott mit „Heil Hitler“ gegrüßt, hat Nahrung, Kleidung und Luxusartikel aus den besetzten Ländern bezogen  und erst nach Stalingrad entdeckt, daß Hitler ein Hund sei.“ Die Nachkriegsgesellschaft tabuisiert die  NS- Zeit. Die Opfer sollen schweigen, während die Kollaborateure, Opportunisten, Profiteure sich zu Opfern stilisieren, ihre Gesinnung erfolgreich der neuen Lage anpassen. Übrigens nicht nur in Österreich. Friederike Manner, die nach dem Krieg - unter prekären Bedingungen lebend - als Lektorin arbeitet, schweigt jedoch nicht, wird deswegen massiv angegriffen. Zu lesen in dem informativen Nachwort der Herausgeberin Eveline Polt-Heinzl.

Über weite Strecken gleicht der 1948 veröffentlichte „Romanbericht“ – von Eveline Polt-Heinzl treffend so bezeichnet - einer literarische Illustration zu Götz Alys Studie „Hitlers Volksstaat“  aus dem Jahr 2005, in welcher der Historiker darlegt, wie durch Massenraubmord und Ausplünderung der besetzen Länder der  NS-Staat, die „Herrenmenschen“,  „Volksgenossen“  und Kollaborateure sich bereicherten, ihren Anteil bekamen am Raubgut in Form von Geld, Lebensmitteln, Kleidern der Verfolgten und Ermordeten.  Legalisierte Beutezüge. In einem Regime, welches die Moral umdeutet, das Böse belohnt. 

Friederike Manners „Romanbericht“ ist freilich mehr als eine Autobiographie. Dokumentarisches mischt sich mit essayartigen Reflexionen und Exkursen zu philosophisch existenziellen Fragen, Briefen, Gedichten,  Tagebuchnotizen, das Grauen umkreisend, welches der Hitlerismus über die Menschen gebracht hat. Auch über die Zukunft nach dessen Ende. Zerrissen zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.

Am 6. Februar 1956 nimmt  Friederike Manner sich das  Leben. Sie sei  an der „geistigen Verlogenheit, der sie sich nicht beugen konnte, noch wollte, zugrunde gegangen“, wird der österreichische Widerstandskämpfer Oskar Wiesflecker im Nachwort zitiert.

Friederike Manners „Die dunklen Jahre“ ist ein Roman, den man so schnell nicht vergisst.

 

Friederike Manner,  „Die dunklen Jahre“

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl.

edition atelier,

424 Seiten

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Aalener Kulturjournal