Gabriele Tergit: "Effingers"

Politischer Zeitroman und Familienchronik

Die Handlung umspannt 70 Jahre, von 1878 bis 1948, „vom gemütlichen Bismarckschen Deutschland bis zur Hitlerepoche, vom Handwerk zur Industrie, vom Fortschrittsglauben zum Aufruhr der Jugend und ihren Schlagworten `Führertum und heroisches Leben´, vom preußischen Spartanertum zum Luxus der wilhelminischen Epoche, Frauenstimmrechtskampf und Kampf gegen die bürgerlichen Begriffe des 19. Jahrhunderts. Er spielt im Berlin der  Industrialisierung, im stillen süddeutschen Städtchen, im Weltkrieg in Frankreich, auf dem Balkan, in Polen.“ Mit diesen Worten umreißt die Autorin Gabriele Tergit die Handlung ihres Romans, in welcher viel von ihrer eigenen Familiengeschichte zu finden ist. Die  Stammbäume der weitverzweigten Familien Goldschmidt, Oppner und Effinger sind dem Buch hilfreich vorangestellt, sodass der Leser sich gut orientieren kann.

Begonnen hat Gariele Tergit den opulenten 885 Seiten starken Roman, von ihr selbst „Wälzer“ genannt,  der 151 kurze Kapitel umfasst und in dem ständig Schauplätze und Perspektive wechseln, bereits in Berlin. "In Dutzenden von Hotelzimmern, in Prag, Jerusalem, Tel Aviv und schließlich ab 1938 in London entstand dabei die Chronik einer untergegangenen Welt, die Tergit über alles geliebt hat", schreibt Nicole Henneberg, die Herausgeberin der Neuauflage von Tergits Büchern, in dem informativen Nachwort, in welchem auch viel über die Biographie der Schriftstellerin zu erfahren ist.

Das erste Kapitel  spielt in der fiktiven beschaulichen Residenzstadt Kragsheim, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Die Gegenwelt zu dem umtriebigen Berlin. Die fromme Uhrmacher-Familie Effinger wird vorgestellt. Die Söhne Karl und Paul gehen nach Berlin,   werden Fabrikanten, produzieren zuerst Schrauben, später Automobile. Typische Selfmademen jener Zeit. Der älteste Sohn Benno geht nach London, weil er den Deutschen misstraut, macht dort Karriere,  der jüngste Sohn Willy bleibt in Kragsheim. Zwei Töchter Helene und Bertha vervollständigen die Familie.

 

Der Glaube an das Gute, ein verhängnisvoller Irrtum

 

Die  Handlung setzt 1878 mit einem Brief des siebzehnjährigen Lehrlings Paul Effinger an seine Eltern ein, in welchem er begeistert vom "großen Aufschwung"  in Berlin berichtet. Der Roman endet mit einem 1942 verfassten erschütternden Brief  des 81-jährigen Paul an Kinder, Enkel und Nichte, die nach Palästina emigriert sind,  kurz vor der Deportation in ein Vernichtungslager. Deutschland hat er nicht verlassen, wie seine Frau Klara es wollte. „Ich habe an das Gute im Menschen geglaubt. Das war der größte Irrtum meines verfehlten Lebens.“

Gegen den Willen seiner Frau Selma, die "immer für das Einfache" ist, kauft Bankier Oppner ein großes Haus, das den Wohlstand des  Bürgertums repräsentiert, welches die wirtschaftliche wie die kulturelle Führung in der Gesellschaft übernimmt. Es ist Gründerzeit. Nach dem Sieg im Krieg über Frankreich prosperiert die Wirtschaft. Der internationale Handel blüht auf. Deutschland bricht auf ins Industriezeitalter, wandelt sich vom Agrar- zum Industriestaat, was von einigen männlichen Romanfiguren durchaus als problematisch gesehen wird, obgleich sie hierbei eine maßgebliche Rolle spielen. Für die Damen hingegen ist weder Politik noch Technik ein Thema. Nach dem neuesten Geschmack wird das Anwesen renoviert, bestückt mit eindrucksvollen Möbeln, weg vom lichten  klassizistischen Stil hin zum schweren dunklen Teutonischen. Vorbild für das Haus ist für Gabriele Tergit das Haus der Großeltern ihres Mannes in der Viktoriastraße, wo heute die Philharmonie steht. Ein großbürgerliches kosmopolitisches Milieu, das sich in Nichts vom christlichen unterscheidet, in dem man Bismarck, den Kaiser verehrt, geschäftliche wie familiäre Beziehungen weit über Deutschland hinaus pflegt. Patriotisch, liberal, modern. Ausführlichst und kenntnisreich beschreibt die Autorin  Esskultur, Moden, Architektur und Innenausstattung jener Zeit. „Was ich mir wünsche ist, daß jeder deutsche Jude sagt: ja so waren wir, so haben wir gelebt zwischen 1878 und 1939, und daß sie es ihren Kindern in die Hände legen mit den Worten: damit ihr wißt, wie´s war“, erklärt Gabriele Tergit.

Bankier Ludwig Goldschmidt, geboren 1845, „der Stadtrat, der gute Mensch, der Mäzen, der Gründer wohltätiger Anstalten“, ist verheiratet mit der eleganten aus Russland stammenden  Eugenie. Beide gehören zu den führenden Wohltätern der Stadt. Sein Bruder Waldemar, Privatdozent und Rechtsgelehrter, dem die akademische Laufbahn verweigert wird, weil er nicht zum Protestantismus übertritt. Nicht aus Glaubensgründen weigert er sich, sondern weil das in seinen Augen "ein Kotau vor der Macht" wäre. Ein Kunstsammler, der sich für den damals umstrittenen Impressionismus begeistert. Für ihn sind Freiheit und Vernunft  verschwistert. „Wichtig ist die Freiheit, die die letzten Jahrzehnte dem Menschen erkämpft haben. Die Forschung sollte frei sein, niemand zuliebe und niemand zuleide.“ Dunkle Wolken sieht er aufziehen.

 

Kein Roman jüdischen Schicksals, sondern ein Berliner Roman

 

Und schließlich der  fünfzehn Jahre älterer Schwager Emmanuel Oppner, der in  der Revolution 1848 für die Bürgerrechte der Juden kämpft, deshalb für einige Jahre Deutschland verlassen muss. Ein liberaler aufgeklärter Mann. Seine Tochter, die schöne achtzehnjährige Annette Oppner, die „einmal sehr vornehm leben will“, heiratet den jungen Fabrikanten Karl Effinger, der obwohl nicht ganz standesgemäß den Vater aufgrund seiner Tüchtigkeit überzeugt. Eine „Luxusdame“, so der Schwager Paul, den ihre Schwester, die sanfte Klara, heiratet. Sofie, die  Jüngste, von den Geschwistern als „überspannt“ charakterisiert, heiratet, um dem Vater zu gefallen, einen Offizier, der sich als Hochstapler entpuppt. „Man kann diese Welt nur verachten“, weiß der junge Theodor Oppner, der bei seinem Vater in die Lehre geht, ein Straßenmädchen heiraten will, sich dann  aber doch dem Verdikt des Vaters beugt.

Zwischen 1880 und 1930 wandelt sich Wirtschaft und Gesellschaft rapide. Zusammenhänge, die unauflöslich erscheinen, zerbrechen. Der Antisemitismus erlebt eine neue Blüte, befeuert vom Nationalismus. Aus jedem Satz spricht die Historikerin Tergit, die mit außerordentlich klarem Blick die Geschehnisse in Szene setzt. Die nächste Generation „Effinger“ muss sich den eigenen Weg suchen. Marianne ist in der Frauenbewegung, kümmert sich um „gefallene Mädchen“, Lotte studiert. Erwin ist begeistert vom Zionismus, Fritz militarisiert sich. „Wir haben geglaubt, dass man über die ethischen Grundsätze nicht streiten kann. Aber jetzt ist nicht mehr Wille zur Wahrheit, sondern Selbstsucht und Herrschsucht die echte Tugend. Der Wille zur Macht stellt die Menschen jenseits von Gut und Böse“, mahnt Waldemar voller Sorge angesichts der allgemeinen Radikalisierung.

1914 beginnt der Erste Weltkrieg: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche",  ruft Kaiser Wilhelm II. vor dem Berliner Schloss einer begeisterten Menge zu.  Ein  Verteidigungskrieg sei es. Auch Effingers sind patriotisch gesinnt. Viele junge Deutsche melden sich freiwillig zum Kriegsdienst. Reinigung, Befreiung, eine neue Welt würde kommen, hoffen die jüngeren Romanfiguren. Nur Waldemar bleibt wie immer reflektiert distanziert. „Der Krieg wurde Zustand.“ Und mit ihm Hunger und Not. Selbst die begüterten Effingers bleiben nicht verschont. Söhne geraten in Gefangenschaft, sterben im Krieg, an der Influenza. Denn 1918  „tritt“ die Spanische Grippe „auf den Kriegsschauplatz“. In klugen Dialogen lassen die Romanfiguren Zeitgeschichte lebendig werden. An seine Tochter Lotte schreibt Paul Effinger 1920: „Von der Jugend, die im Krieg verwildert ist, will ich nicht sprechen, aber es herrscht allenthalben eine Rücksichtslosigkeit, Gemeinheit und Unkultur, ein Mangel an Ehrlichkeit und Ehrgefühl, daß man sich davon angewidert fühlt.“  

 

Umwertung der Werte

 

Nach dem Ersten Weltkrieg machen wirtschaftliche und  finanzielle Probleme wie zum Beispiel die galoppierende Inflation den Effingers zu schaffen. In München erlebt Lotte eine Rede Adolf Hitlers. „Das ist ein ungewöhnlich verrückter Fisch, dieser Hitler. Einen Spinnerten haben ihn seine Kameraden im Feld genannt.“ Seine Hetze gegen Juden kommt jedoch an, auch bei einer Freundin Lottes.

Die Handlung bewegt sich immer näher in Richtung NS-Zeit. Der Antisemitismus zeigt seine hässliche Fratze. „Die Straßen frei den braunen Bataillonen“, brüllt es auf den Straßen. Werte werden umgewertet: „Hitler aber nannte das Böse gut und das Gute böse.“  Der Terror gegen die jüdische Bevölkerung beginnt. Ausgrenzung, Schikanen, Verhaftungen, Plünderungen, Beraubungen, „Arisierung“ genannt. Zerstörung der Existenzgrundlage. So verliert Marianne ihre Stelle im Erziehungsministerium, Paul die Fabrik, den Platz besetzen Parteigenossen. Und am Ende folgt die physische Vernichtung. „Der Tod wartete an jeder Straßenecke.“ Schicksal der  Romanfiguren, von denen zahlreiche in Vernichtungslager verschleppt und bestialisch ermordet werden. Die wenigen Überlebenden sind in alle Winde zerstreut. Der Roman endet 1942. Ein Epilog handelt 1948 in der zerstörten Familienvilla im Tiergarten.

"Effingers" werden gern  die  "jüdischen Buddenbrooks" genannt. Vorbild für den Roman sind in der Tat die „ Buddenbrooks“ von Thomas Mann. Bei Gabriele Tergits Roman handelt es sich jedoch um einen politischen Zeitroman, der fundiert von einer ausgelöschten Welt erzählt. Nicht aufgrund einer  biologisch-kulturellen „Degeneration“ gehen die „Effingers“ zugrunde, sondern ihr Leben  wird zerstört durch eine menschenverachtende Ideologie.

 „Was meine „Effingers“ angeht, so ist es nicht der Roman des jüdischen Schicksals, sondern es ist ein Berliner Roman, in dem sehr viele Leute Juden sind, so wie im „Käsebier“ viele Leute Juden waren. Das ist etwas ganz anderes, und ich bin der Meinung, dass man einen großen Fehler machen würde, wenn man ein so stark deutsch kulturgeschichtliches Buch als jüdisch anzeigen würde“, schreibt Gabriele Tergit 1949 an den Verleger Ernst Rowohlt.

1951 erscheint der Roman zum ersten Mal. Das Interesse war allerdings gering, man wollte nicht an die Verbrechen des Nationalsozialismus  erinnert werden. Bis 1978 erscheinen weitere, teils gekürzte Ausgaben. 2019 endlich wird dieser großartige Roman ungekürzt wiederaufgelegt.

 

 

Gabriele Tergit, „Effingers“

Roman

Schöffling  & Co

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Aalener Kulturjournal