Gabriele Tergit: „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“

Ein Klassiker - wiederentdeckt und aktuell wie nie

Gabriele Tergits literarisches Debüt „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, eine Berliner Gesellschaftssatire,  erschienen im Jahr 1931,  macht die Autorin mit einem Schlag  berühmt und wird in der Presse als „bester  Zeitroman“ gefeiert.

Gabriele Tergit ist  das  Pseudonym der Journalistin und Gerichtsreporterin Elise Hirschmann, die 1894 in Berlin als Tochter eines assimilierten jüdischen Industriellen geboren wird. Sie studiert Geschichte, Philosophie, schreibt für das  „Berliner Tageblatt“ und die „Weltbühne“.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ist Gabriele Tergit als Jüdin und kritische Berichterstatterin über deren Umtriebe in Lebensgefahr. Am 4. März 1933 flieht sie nach Prag, dann nach Palästina, schließlich nach London, wo sie 1982 stirbt.

 „Heute sah’s böse aus im Reichstag. Ich glaube die Regierung fällt, es kommen die Rechten“, erfährt man bald zu Beginn des Romans, der 1929 im Berlin der  Wirtschaftskrise handelt.  Die  Zeiten sind äußerst unruhig: Soziale  Konflikte, Pleiten,  Straßenkämpfe zwischen den Rechten und Linken. Dennoch oder gerade deshalb feiert das vergnügungssüchtige Berlin die Nächte durch. Eine Gesellschaft im freien Fall.       

Den Roman beginnt in der fiktiven Redaktion der  Berliner Rundschau.  Redakteur Miermann, gebildet, ein „Freigeist“  alter Schule, der junge  Journalist Emil Gohlisch suchen nach einem Aufmacher: Toilettenverhältnisse an Berliner Schulen, die neuen Cafés, Korruption im Rathaus? „Alle  wirklich guten Sachen kann man nicht schreiben.“  Denn: „Mit Geist lockt man keinen Hund vom Ofen. Wer will Geist? Tempo, Schlagzeile, Sensation, das wollen die Leute. Amüsement.“  

 

Qualitätsjournalismus versus  Boulevardjournalismus?

 

Die vermeintliche Rettung: Gohlisch entdeckt in einem billigen Varieté  in der Hasenheide den Volkssänger Georg Käsebier.  Ein mittelmäßiger Mensch von mittelmäßigem Talent, kein „Adonis“, laut Erzählerin, sondern „blond, dick und quibblig“. Mit rührseligem Repertoire: „Mensch, ist Liebe schön“, „Wie soll er schlafen, durch die dünne Wand?“, „Wer mit mir will, der komme mit, wer mich nicht will, der jeht alleene“.  Das Publikum ist hin und weg.  Als dann  der umtriebige und skrupellose  Reporter Frächter  auf ihn aufmerksam wird, beginnt  ein riesiger Medienhype. Die „Damen der Gesellschaft“ planen Ausstellungen, die Herren wittern „fette Beute“. Auch über Berlins Grenzen hinaus berichten die Zeitungen über Käsebier. Je nach politischer Richtung des Blattes  ist er mal ein „Zwischending von  Hofsänger und Volksdichter“,  mal ein Agent der „jüdischen Presse“  oder ihm fehlt schlicht das Klassenbewusstsein. Dennoch  wird Käsebier Kult.  Und vermarktet.  Käsebier-Schuhe, -Füllfederhalter, -Zigaretten. Das absolute Highlight – eine aufziehbare singende Käsebier-Puppe. Schließlich wird auf dem Kurfürstendamm eigens für ihn ein Theater gebaut. Mit von der Partie sind ein windiger Bankier, ein verantwortungsloser Bauunternehmer, große und kleine Spekulanten. Es kommt, wie  es kommen muss. Jeder Hype ist von kurzer Dauer. Käsebier scheitert nur wenige Monate später kläglich, mit ihm stürzen viele ins Bodenlose. Jedoch: „Die Lumpen schwimmen nach oben und die Anständigen gehen unter“, weiß die Erzählerin lakonisch. Käsebiers Schicksal ist für seine einstigen Gönner nicht von Interesse.

In nur sechs Wochen soll die Autorin die schwarzhumorige Gesellschaftssatire geschrieben haben. In einer wundervoll klaren lebendigen Sprache. Der Roman lebt von spritzigen frechen Dialogen, welche wie der Inhalt nach Jahrzehnten  in keinster Weise angestaubt wirken. Im Gegenteil!  Bemerkenswert sind auch die  auffallend modernen Frauen, welche im  Roman eine Rolle spielen, durchaus mit Brüchen gezeichnet.  

 

"Käsebier" steht in einer Reihe mit Kästners "Fabian" und Falladas "Kleiner Mann"                                                                                                                                               

Als Hintergrundrauschen:  erhellende Plaudereien aus dem journalistischen Nähkästchen, von den Eitelkeiten des Kulturbetriebs, der gesellschaftlichen Gemütslage. Nichts ist mehr von Wert, alles wird verramscht, seien es Bildung, Handwerk, Mobiliar der Gründerzeit. "Käsebier" ist ein Gesellschaftspanorama der  Endjahre der Weimarer Republik mit all ihren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spannungen.  In ihrem Nachwort bescheinigt  die Herausgeberin Nicole Henneberg der Autorin mit Fug und Recht ein außerordentlich feines politisches Gehör. “Tergit, das scheint im Roman immer wieder durch, glaubte an eine liberale Gesellschaft, getragen von aufgeklärten, nicht korrumpierbaren Bürgern. Und so ist der innerste Glutkern des Romans - der den Leser bis heute mitreißt – der verzweifelte Zorn darüber, wie bereitwillig das ganze  Gestern, samt seinem tatsächlichen und metaphorischen Hausrat, vor ihren Augen verramscht wurde.“

Nicole Hennebergs Forderung, dass Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ in der Literaturgeschichte endlich den ihm gebührenden Platz  neben Erich Kästners  „Fabian“ und Hans Falladas „Kleiner Mann – was  nun?“ erhalten müsse, kann man sich nur ohne Wenn und Aber anschließen.

1931 erschienen und immer noch hochaktuell.

 

Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm.

Roman. Schöffling & Co, Frankfurt a. M. 2016.

400 Seiten

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Aalener Kulturjournal