Gabriele Tergit: "Reportagen aus den Gerichten"

Vom Frühling und von der Einsamkeit

2016 "Käsebier erobert den Kurfürstendamm", 2018 "Etwas Seltenes überhaupt", "Effingers" 2019 und  nun: Gabriele Tergits  „Reportagen aus den Gerichten“. Die Autorin zeigt sich hier als weibliche Pionierin der Gerichtsreportage.

Bis 1933 veröffentlicht Gabriele Tergit Berichte, Feuilletons, Reportagen in verschiedenen deutschsprachigen Zeitungen, wie  dem „Berliner Tageblatt“, der „Vossischen Zeitung“, dem „Prager Tageblatt“. Ein Genre, welches sich in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreut.

Mit 19 Jahren publiziert sie bereits in einer Beilage des „Berliner Tageblatts“ ihren ersten Zeitungsartikel über Frauenprobleme im Krieg. Was  ihrer Familie gar nicht gefällt, denn für ein Mädchen aus gutem Hause schickt sich das nicht.

Else und ihr jüngerer Bruder Ernst wachsen zunächst im Berliner Osten im  Arbeiterbezirk Friedrichshain auf, nahe den Deutschen Kabelwerken, die der Vater seit der Gründung 1894 fortwährend erweitert. Else darf  mit den Kindern der Arbeiter spielen, sie zu Hause besuchen, erkennt, wie privilegiert ihre Familie lebt. Für ein Kind aus gutbürgerlichem Haus höchst ungewöhnlich nicht nur in jener Zeit.

 „Bei meinen späteren Gerichtsberichten für das Berliner Tageblatt hat  mir dann die Kenntnis des östlichen Berlins sehr geholfen. Also die Toiletten auf dem Hof oder die Toiletten auf dem Treppenabsatz, oder daß ich wußte, daß zehn  Mietparteien  nur einen Wasserhahn haben, der auf dem Korridor zu finden ist. Diese unwahrscheinlichen Verhältnisse, fünf Menschen, die in einem Zimmer schlafen, dann noch der Stallbursche, all diese ist für mich nicht fremd gewesen, weil ich eben in der Gegend aufgewachsen bin. Ich habe mich nie als fremd oder anders empfunden“, erklärt die Journalistin Tergit rückblickend.

Nach der Mittleren Reife besucht sie die Soziale „Frauenschule“ von Dr. Alice Salomon. Das Ziel: In der Sozialfürsorge oder Sozialpolitik – im Kampf um die Gleichberechtigung der Frau im Berufsleben – zu wirken. Unterrichtet wird sie von den bekannten Frauenrechtlerinnen Getrud Bäumer, Lily Dröscher, Alice Salomon. „Was  ich dort gelernt habe: nun soziale Fragen. Ich habe danach in einem Kinderhort im Berliner Osten  gearbeitet, die Atmosphäre ist mir unvergesslich, weil ich wirklich gesehen habe, was das für arme Würstchen sind, wie miserabel das ganze Niveau war. Auf diese Weise habe ich doch recht jung gemerkt, dass eine wirkliche Armut in der Welt gibt, eine sehr schwer zu bekämpfende Armut, die große Probleme stellt.“

1919 beginnt sie Philosophie, Soziologie und Geschichte zu studieren und promoviert 1925.

 Tergits Artikel erscheinen  beim „Berliner Tageblatt“,  gelegentlich in der „Weltbühne“ des Carl von Ossietzky.  Die Journalistin  schreibt weniger über die Sensationsprozesse, sondern die kleineren Prozesse interessieren sie, um mit klarem politischen Blick und scharfer Feder soziale und gesellschaftliche Missstände in den Fokus zu nehmen. Treffend  umreißt sie eine Situation, skizziert die Beteiligten wie Akteure in einem Theaterstück, offenbart Machtstrukturen.

 

Gerichtsreportagen  als „politische Chronik und Sozialgeschichte jener Zeit“

 

Die Gerichtsreportagen lassen sich als „politische Chronik und Sozialgeschichte  jener Zeit“ lesen, erklärt die Herausgeberin Nicole Henneberg in ihrem Nachwort, welches  die literatur- und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge erläutert. Im Anhang findet sich zudem ein Verzeichnis aller Gerichtsreportagen, publiziert zwischen 1924 und 1949.  Lebendig, leidenschaftlich und mit viel Sprachwitz erzählt, bildeten diese  bis  heute das Herzstück von Tergits Werk.  Aus deren  Artikeln erfahre man  mehr über das Lebensgefühl und die Gesellschaft jener Jahre als aus jedem Geschichtsbuch.   Gabriele Tergits Artikel sind literarische Miniaturen,  kleine geistreiche Meisterwerke.

In den Prozessen geht es um Heiratsschwindel, Kuppelei, Beleidigungen, üble Nachrede,  Betrug, Diebstahl, Drogenhandel, Meineid, Unterschlagungen, Urkundenfälschungen. Die ganze Bandbreite des Gerichtsalltags. Der Arzt und preußische Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld, Pionier der Sexualwissenschaft, hat als Gutachter seinen Auftritt,  die Autorin Marie Luise Fleißer wehrt sich mit Erfolg gegen die Verunglimpfung ihres Stückes „Die Pioniere  aus Ingolstadt“  als „gemeines Machwerk“ durch den Bürgermeister ihres Heimatortes, auch der Schriftsteller Alfred Döblin kommt vor. Und politische Verbrechen. Auf der Anklagebank sitzen nationalsozialistische Rowdies,  Rotfrontkämpfer, rechte Fememörder. Eine Bande Nationalsozialisten ermordet bestialisch einen jüdisch aussehenden Zeitungshändler, das Gericht zeigt "außerordentliche Milde“. „So zart kann man das Faustrecht, das sich in Deutschland ausbreitet, nicht bekämpfen", stellt Tergit fest.       

 Sie verfolgt den ersten Prozess gegen Hitler und Goebbels wegen eines Pressevergehens und weist auf die unverhohlene Parteinahme des Richters hin. Adolf Hitler betritt wie eine „Majestät“ mit „Gefolge“  den Gerichtssaal.  Hellsichtig stellt sie fest: „Unsichtbar steht ein großes Hakenkreuz vor dem Richtertisch.“

Ein eleganter „Kommunistenführer“, Mitglied des Reichstags, nennt sich selbst andauernd einen „klassenbewussten Arbeiter“, für die Autorin  hingegen ist er „ein kleiner Propagandareisender des großen Glückszuchthauses im Osten“. Über die soziale Situation der Frauen,  über den Abtreibungsparagraphen 218, über Kindsmord schreibt Gabriele Tergit, ergreift eindeutig Position: „Immer noch steht Gretchen, einsam und verlassen, weil sie ihr Neugeborenes mordete, vor dem Schwurgericht.“ In Anspielung auf die berühmte Kindsmörderin aus Goethes „Faust“.

Durch ihre Reportagen über die  Nationalsozialisten gerät Gabriele Tergit in deren Visier.        Am 4. März 1933 versucht ein Überfallkommando der SA, ihre Wohnung zu stürmen.

„Ich hatte dauernd über Nazi-Prozesse berichtet und war also vor allem dem `Sturm 33´ ein Dorn im Auge, weil ich dessen Totschlagekünste mitgeteilt habe. Und wie ich also, am 4. März in der Nacht um drei ungefähr klingelte es Sturm an unserer Wohnungstür und mein Mann rief, nicht aufmachen! Und diese zwei Worte haben mich gerettet“,  berichtet die Autorin 1981 in einem Interview. Am nächsten Tag  verlässt sie Deutschland, flieht nach Prag. Die Familie geht gemeinsam nach Palästina, lässt sich wegen des kühleren Klimas aber ab 1938 in London nieder, wo Gabriele Tergit bis zu ihrem Lebensende 1982 blieb. Unerträglich ist es für die Schriftstellerin und Journalistin, dass die Deutschen nach 1945 einfach zur Tagesordnung übergegangen sind.

 

Gabriele Tergit: Vom Frühling und von der Einsamkeit. Reportagen aus den Gerichten.

 

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Nicole Henneberg.

 

Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2020

 

368 Seiten

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Aalener Kulturjournal