Hans-Jürgen Gaudeck & Eva Strittmatter: Unterm roten Rotdorndach

Zauber und Poesie der Natur

Die 1930 in Neuruppin geborene Eva Strittmatter gilt als  eine der  großen deutschen Lyrikerinnen. Von der es mit Fug und Recht heißt, sie stehe in der Tradition des  frühen Heinrich Heine, Annette von Droste-Hülshoffs, Rilkes oder des von ihr verehrten Puschkin.

Eva Strittmatter studiert Germanistik, Romanistik und Pädagogik, um nach dem  Studium beim Deutschen Schriftstellerverband der DDR zu arbeiten. Seit 1954 ist sie als freie Schriftstellerin tätig. Bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 2011 lebt sie im brandenburgischen Schulzenhof, wohin sie 1954 mit ihrem Mann, dem  ostdeutschen Großschriftsteller  Erwin Strittmatter, gezogen ist, als Muse, Lektorin und Bauersfrau.

"Ich will lieber nicht schreiben, ich will dich lieber lieb haben ... Deine Arbeit wird immer der Mittelpunkt unserer Tage und Quelle für unsere Liebe sein",  verspricht die junge Eva bald nach dem Kennenlernen.  Konflikte bleiben während der langen Ehe nicht aus. Obgleich Eva Strittmatter ihm in Liebe verbunden bleibt, leidet sie, fühlt sich überfordert, im eigenen Schaffen behindert.  Das Leben in ländlicher Einsamkeit zwischen Haushalt, Kindern und der Arbeit ihres Mannes, der sich das ganze Leben unterzuordnen hatte,  habe sie mitunter verwünscht, sagt die Dichterin einmal. Geholfen haben die Gedichte.

Zur Wiederkehr des  90. Geburtstages widmet der Berliner Maler Hans-Jürgen Gaudeck, der bereits zwei Bände über die Ausnahmelyrikerin  veröffentlicht hat, Eva Strittmatter seine Hommage „Unterm roten Rotdorndach“. 40 wunderbare Gedichte wählt er aus ihrem umfangreichen poetischen Werk, um mit seinen bezaubernden Aquarellen einen stimmungsvollen Dialog aufzunehmen. Gestaltet ist das  Buch in gewohnter Gaudeckscher Manier:   Als Zusammenspiel von Bild und Gedicht. Auf der linken  Seite findet sich das Gedicht, rechts das Aquarell, welche zu einem Gesamteindruck verschmelzen.

Das Neuruppiner Arzt-Ehepaar Almut und  Karl-Heinz Götz, das mit Eva Strittmatter persönlich befreundet gewesen ist und sich verdient gemacht hat um  deren posthume Würdigung erklärt  im Vorwort zu dem Buch, was die Autorin so bedeutend macht: „Es ist die sprachliche Präzision der Naturbeschreibungen, wie der Landschaft, Tiere und Pflanzen und Jahreszeiten in Verbindung mit ihren eigenen Gefühlen.“  Gefasst in schlichte Verse, in denen jeder Mensch die eigene Lebenswirklichkeit wieder erkennen könne.

Gaudecks Auswahl der  Gedichte wird zu einem poetischen Gang durch Landschaft und

Jahreszeiten. Suggestiv, voller Magie, alten Volksliedern ähnelnd wirkt Eva Strittmatters  Lyrik. Erlebnisdichtung, in welcher  Ängste,  Zweifel, Hoffnungen und Sehnsüchte sich in Verse verwandeln. Die Natur um Schulzenhof, ein Weiler mit wenigen Häusern umgeben von Wiesen und Wäldern dient als Inspiration , ist  ein „Assoziations- oder Kristallisationspunkt“ für ihre Poesie,  so Eva Strittmatters selbst. Ihr  Bereich sei verhältnismäßig eng, vielleicht fünf, sechs Kilometer um Schulzenhof herum gewesen, erinnert sie sich. „Aber diese Landschaft habe ich mir mit Gedichten durchstichelt.“ Viele ihrer Gedichte entstehen so auf Spaziergängen.

  „Antarktische Gefühle“ treiben das  weibliche lyrische Ich hinaus in den „Schneesturm“, der sie schüttelt. „Ich steh“, hält sie dagegen. Das  Wandern ziehe nur Kreise um das Haus, getrieben von einem unbestimmten Sehnen nach einem anderen Leben, nach Freiheit. Um dann doch zu bleiben. Eine einsame schemenhafte Gestalt  in  Gaudecks Aquarellen spiegelt  dieses Empfinden. Mal umgeben von dem kühlen Grau-Blau des winterlichen Waldes, mal vom  zarten lichten Grün des Frühlings, den  leuchtenden Farben des Sommers  oder der gedämpften Buntheit des Herbstes. „Und das Abendblau singt sich um einen Halbton höher“, wenn der Winterhimmel zerschmilzt.

Ein leises Wiesengrün, die Erde ist wieder zu fühlen und die Stare kommen heim. In stille verträumte Landschaften, geprägt von  „Wacholder und Wind“.  Wunderbar riecht der Waldboden nach dem ersten Regen. Die Geräusche der Natur. Das lyrische Ich erlebt die Natur mit allen Sinnen.   

An den Rotdorn der Kindheit, dem „Straßenbaum der kleinen Stadt, die ich liebte, die mich liebte, die mich aufgezogen hat“, erinnert das Gedicht, welches dem Band den Titel gibt. Gaudecks Bild hierzu schwelgt in wundervollem Rot. Im dunklen verwunschenen Garten, in welchem sie „Worte der Stille erwarten“, bricht das lyrische Ich Tränendes Herz und weiß nichts von Leid.

Der selig machende Duft des Holunders, der „Möwenschrei“, die „Sehnsuchtsfarbe Lerchenblau“ der Lupinen. Die „Abschiedsvorstellung“, des „letzten Schmetterlings“: „Und eines Tages septembert es ohne mich“, ahnt das lyrische Ich. Ein „zärtlicher Regentag ohne Liebe“. „Ich mache ein Gedicht, das aus Schweigen besteht.“  In der Natur findet das lyrische Ich Kraft, Halt und Trost. „Ich kann mich einfach fallen lassen. Sein, wie ich bin, und vergessen vergessen.“  Poetische Reflexionen über das Leben. Dunkle kalte wie lichte warme Farben. Die Blautöne des

Wassers, des Himmels, der Wolken, die Grün-, Rot-, Gelb-, Brauntöne der Blumen, der Wälder, der Landschaft, welche einst auch einen Fontane inspiriert hat. Der Maler  Hans-Jürgen Gaudeck bedient sich des ganzen Spektrums der Farben, um mit seinen  zarten träumerischen Aquarellen die Stimmung in  Eva Strittmatters Versen kongenial einzufangen.

Malerei trifft Poesie!

 

 

Hans-Jürgen Gaudeck | Eva Strittmatter

Unterm roten Rotdorndach

84 Seiten | 40 farbige Abbildungen | Festeinband mit Leinenstruktur

Steffen Verlag Berlin

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Aalener Kulturjournal