Familienroman, Epochenroman und Chronik deutscher Geschichte

Georg Fink: "Mich hungert"

(AK) Die Geschichte spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Ich-Erzähler Theodor König, ein junger Buchhalter, blickt auf sein Leben zurück. Seine Erinnerung setzt ein ab dem Alter von vier Jahren, als er von seinem Vater, einem brutalen kriminellen Alkoholiker,  gezwungen wird, auf der Invalidenstraße, "dem großen Geschäftsboulevard" des Berliner Nordens, zu betteln.  Dem Kind  befiehlt der Vater, sich mit den Worten  "Mich hungert", an die Passanten zu wenden. Daher der Titel von Georg Finks Roman.

Die Mutter des Ich-Erzählers, aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammend, flieht mit Georg König, dem  Knecht ihrer Eltern, aus Schlesien nach Berlin, wird aber nach der Hochzeit enterbt. Zu spät erkennt sie, wie dieser  Mann wirklich ist: "Klein, gemein, haltlos, faul". Er demütigt und prügelt sie. Die Familie lebt im nichtjüdischen Proletariat Berlins in bitterster Armut. Während der Vater säuft und mit Huren herumzieht, schuftet die Mutter, um die drei gemeinsamen Kinder durchzubringen.

Theodor, Teddy genannt, ist das "Mutterkind", ähnelt ihr nicht nur äußerlich. Während die jüngeren Geschwister Henny und Mark nach dem Vater kommen. Die Schwester Henny wird vom Vater zur Prostituierten gemacht, Mark landet  im Gefängnis. Theodor,  begabt und sensibel, wird von einem Fabrikanten gefördert, entdeckt durch ihn eine andere Welt, bleibt jedoch in beiden Milieus ein Fremder. Der Erste Weltkrieg  zerstört alles.

Finks Roman  erinnert an die Kunst von Käthe Kollwitz.  Beide schauen hin, stellen dar, was sie sehen mit großem Mitgefühl.  Der Titel des Romans "Mich hungert" ist das eigentliche Leitmotiv, meint nicht nur den Hunger nach Nahrung, sondern nach einem menschenwürdigen Leben, zu welchem Bildung, Schönheit und Liebe gehören. Eine vergebliche Hoffnung. "Ich denke nicht an das Proletariat, das sich durchsetzt, das mit Würde

da ist, besonnt vom politischen Ideal, sondern an die Armen. An den fünften Stand. Wenn in einem Saal tausend Arme sitzen, vor der Tür stehen immer noch die ärmeren. Ich denke an meine Jugend und die Ungezählten, die diese selbe Jugend immer, immer weiterführen. Niemals höre ich auf zu betteln. Niemals hört Vater auf, sein Geld zu vertrinken und die Familie verkommen zu lassen; niemals Mutter, zu waschen, bis sie umfällt; immer geht die Schwester vor die Hunde und kommt der Bruder unters Rad. Man braucht nicht von denen zu reden, die sich selber helfen. Nur von denen, denen nie geholfen werden kann. Nicht einmal von Gott", sagt am Ende Theodor König resigniert wie verzweifelt.

Als der Roman  1929 erscheint, wird er innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller, über 40000 Bücher verkauft der Verlag. In 13 Sprachen wird er übertragen. Gelesen als Familienroman

und zeitgeschichtliches Sittenbild. Thomas Mann äußert sich begeistert über den Roman. In der "Literarischen "Welt" ist damals zu lesen: "Es ist dringend notwendig, dass dieses Buch in die Hände vieler Menschen kommt! Es ist mehr als ein Roman." 2014 wird das zeitlose Buch wiederentdeckt.

Jahre später wird bekannt, wer sich hinter dem Pseudonym Georg Fink verbirgt. Kurt Münzer (1879- 1944), ein zwischen 1905 und 1930 äußerst erfolgreicher Roman- und Theaterautor. Sein Roman "Mich hungert" ist keine Autobiographie wie ursprünglich angenommen, sondern der aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Schriftsteller erwirbt sich sein Wissen über das Berliner  Proletariat durch gründliche Recherchen. Seine Bücher werden von den Nationalsozialisten verbrannt, er selbst muss in die Schweiz ins Exil, wo er auch stirbt.

 

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Aalener Kulturjournal