Gerhard Sawatzky: "Wir selbst"

Das Schicksal der Russlanddeutschen

Während des  Ersten Weltkrieges werden die   Wolgadeutschen, die  Ende des 18. Jahrhunderts von Zarin Katharina der Großen ins Land gerufen worden sind, um die Steppen an der Wolga urbar zu machen,  als „Feinde“ verfolgt. Ihre einst verliehenen  Privilegien haben sie  im Laufe der Geschichte längst verloren. 

Der eintausendeinhundert Seiten starke Gesellschaftsroman „Wir selbst“  des 1901 geborenen Autors Gerhard Sawatzky erzählt chronologisch, in epischer Breite aus dem Alltag dieser untergegangenen Welt in den Jahren 1920 bis 1937. Mit einem Erzählfluss ohne Höhen und Tiefen. In zahlreichen Dialogen lässt der Autor dabei, ohne sich kommentierend einzumischen,  ein vielfältiges Figurenensemble zu Wort kommen. Der von Stalin verbotene Roman  war jahrzehntelang verschollen.

Der Roman beginnt 1920 mit der Flucht des Fabrikanten  Eduard Benkler vor der Roten Armee.    Während Benkler sich in einen „Zug mit fliehenden Bourgeois“ retten kann, verliert er seine totkranke Schwiegertochter Anna und die kleine Enkelin Elly. Anna stirbt, Elly  wird von Rotarmisten in einer Familie untergebracht.   

Die Handlung des Romans  wechselt - ohne konkrete Orts- beziehungsweise Zeitangaben - zwischen der rückständigen Welt der Bauern und der der "progressiven" Proletarier, zwischen Dorf und  „Trikotagenfabrik Clara Zetkin“.    

Schablonenartig gezeichnet wirken die Romanfiguren, geteilt in Kommunisten und  Konterrevolutionäre. Erstere grundanständige Menschen, die Gegner des Kommunismus sind „Schädlinge“, heißt es in der Sprache des Unmenschen.  So schließt sich der einfache Bauer Kempel, der beim Arbeiten schon mal ein revolutionäres Kriegslied pfeift, den Roten an. „Ah“, dachte er vergnügt,  „es ist doch schön, Bauer zu sein, besonders wenn man Kolchosbauer ist.“ Der aufrechte Schlosser Hart, der aufsteigt zum „leitenden Funktionär“,  in den Dörfern hilft,  die Sowjetmacht zu etablieren, ist der Inbegriff des aktiven „positiven Helden“ des Sozialistischen Realismus. Freudig stellt er fest, dass sich im Dorf schon viel verändert habe, aber „noch sah es lange nicht so aus, wie ein Sowjetdorf nach seiner Vorstellung aussehen sollte.“   

 

Mit dem Bewusstseinswandel der Bauern will es nicht so recht klappen, bemerkt er, familiäre oder nachbarschaftliche Bande seien nicht selten wichtiger als  die revolutionäre Gesinnung.

Aber in den Fabriken reife mit der Jugend ein „ völlig neuer Menschenschlag“ heran. Stolz  könne er sein auf sein Volk, auf die kleine autonome Republik, die in der großen Union der Sowjetrepubliken lange nicht auf dem letzten Platz stehe.

Kempels Sohn Heinrich verlässt das Dorf. „Zu Maschinen, an einer Maschine will ich arbeiten.“ Von Hart, dem „alten und erfahrenen Parteimann“,  auch politisch unter die Fittiche genommen. Unter Verwendung von ideologischem Rüstzeug wird alphabetisiert:  Schreiben geübt  mit dem Satz „Lenins Werk lebt“. Traktoren angeschafft, Traktoristen ausgebildet, Grundstücke,  „Produktionsmittel“ wie die  Strickerei verstaatlicht. Die „Genossin Heckmann“ ist „Direktor“ in der „Trikotagenfabrik Clara Zetkin“. Und die Jugend debattiert „im Komsomol“, dem Jugendverband der KP.  Vom  Erzähler ausführlichst und mit Sympathie  geschildert.

 Eine gefühlsselige Liebesgeschichte entwickelt sich zwischen Elly, inzwischen Strickerin in der Fabrik und Komsomolska,  und Heinrich.  Elly, die ihre Herkunft vergessen hat, begegnet unter dramatischen Umständen sowohl dem Großvater wie dem eigenen Vater, einem ehemaligen fragwürdigen  Offizier der „Weißen“, wieder. 

Nach dem mehrjährigen blutigen Bürgerkrieg zwischen den „Roten“ und den „Weißen“, den Kommunisten und ihren Gegnern, liegt die Wirtschaft des Landes  darnieder.    Zwischen den Menschen herrscht unversöhnlicher Hass. „Verlumpte Jammergestalten“ überall, der Hunger ist so entsetzlich, dass es zum Kannibalismus kommt, registriert Kempel zu Beginn, als er in sein Dorf zurückkehrt.  Gegen den  Widerstand der KP setzt  Lenin  1921 die Neue Ökonomische Politik  durch, die Bauern dürfen wieder mehr Land besitzen , die Erträge aus dem privaten Anbau verkaufen, um der Hungersnot gegenzusteuern. Für den Funktionär Hart ein Rückschritt.

 

Radikal verändert sich die Welt. Ende der 20er Jahre unter Stalin wird mit großer Brutalität die Landwirtschaft vollkommen neu organisiert.

Viele Bauern sind nicht  überzeugt von den Vorteilen der Vergesellschaftung von Ochs, Pferd und Ackergerät, leisten erbitterten Widerstand. Lieber schlachten sie ihre einzige Kuh, als diese ins  Kollektiv zu geben. Sogenannte „Kulaken“  werden auf Anordnung von  Josef Stalin, dem „Stählernen“,  als Klasse, um den Jargon der Bolschewiken zu verwenden,  liquidiert. Im Roman werden die vier reichsten Familien, durchweg als abstoßende Charaktere gezeichnet, „entkulakisiert“, das heißt enteignet und vertrieben.  In einem der requirierten Häuser leben die   Kollektivisten in einer Art Kommune. „Wir machen Ordnung im Dorf“, heißt es lapidar. Notwendig sei  "ein sowjetischer Ordnungssinn und eine bewusste Arbeitsdisziplin".

Der Begriff "Kulak",   wörtlich „Faust“, meint ursprünglich  jemand, der Notleidende ausbeutet, fokussiert sich nach der Oktoberrevolution auf Großbauern. Wobei 1932 mitunter der Besitz einer Kuh genügt, um als  „reich“ zu gelten. Das rückständige Russland soll rasch industrialisiert werden. Obwohl die Ernte knapp  ausfällt,  nicht einmal das Inland kann versorgt werden, wird Getreide requiriert und exportiert, um die Industrialisierung zu finanzieren. „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, lautet die Losung Lenins bereits 1920. Die Zeche zahlt die Landbevölkerung, welche die gesamte Ernte zu einem Spottpreis  an den Staat abgeben muss. Die Folge:  1932/33  kommt es zu einer  noch entsetzlicheren Hungersnot,  „Holodomor“,  mit nach Schätzung des britischen Historikers Robert Conquest etwa 14 Millionen Toten.

Gerhard Sawatzkys   Zeitroman „Wir selbst“  blendet  das  Elend der Zwangskollektivierung und sogenannten Entkulakisierung, den Großen Terror des Stalinismus aus, erzählt  stattdessen ideologisch eingefärbt  einen utopischen Traum, in welchem die Menschen brüderlich zusammenleben.  Für uns Nachgeborene, die wir die Gräuel des 20. Jahrhunderts überblicken können, wirkt das Erzählte mitunter recht naiv.

In einem mehr als 150 Seiten umfassenden informativen  Anhang gibt der der Germanist Professor Carsten Gansel, der das  Buch wieder aufgespürt hat, einen Überblick über die wechselvolle Geschichte der Russlanddeutschen und ihrer Hoffnungen angesichts der  Gründung der  „Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ im Jahr 1924, die  1941 nach dem Überfall Hitlerdeutschlands  auf die Sowjetunion endgültig zerschlagen worden  sind.

Der Lehrer, Journalist und Schriftsteller Gerhard Sawatzky leitet bis zu seiner Verhaftung 1938 die  Zeitschrift „Der Kämpfer“, ein wichtiges Publikationsorgan, auch  für die vor den Nationalsozialisten ins sowjetische Exil geflohenen deutschen Schriftstellern, von denen nicht wenige in Stalins Lagern enden. Obgleich loyal trifft Sawatzky selbst die Grausamkeit des Regimes. In einem  Schauprozess wird er verurteilt und geht 1944 in einem sibirischen Gulag elend zugrunde. Heute gilt er als wichtigster Literat der Wolgadeutschen.

 

Gerhard Sawatzky: Wir selbst

 Roman

Galiani Verlag Berlin, Berlin 2020

ISBN 9783869712048, Gebunden, 1088 Seiten

Herausgegeben, mit einem Nachwort und dokumentarischen Material zur deutschen Wolgarepublik und ihrer Literatur von Carsten Gansel

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Aalener Kulturjournal