Der  Klassiker der politischen Literatur als Taschenbuch

Giordano Ralph: „Die zweite Schuld, oder: Von der Last Deutscher zu sein“

„Die Quelle meiner Arbeit ist Empörung", fasst Ralph Giordano sein Leben zusammen anlässlich seines 90. Geburtstags. Ralph Giordano (1923-2014), über Jahrzehnte einer der führenden Intellektuellen in Deutschland, wird als Sohn einer Musikerfamilie in Hamburg geboren. Die Familie, während der NS-Zeit verfolgt, da die Mutter Jüdin ist, überlebt fast verhungert in einem Kellerloch, wird befreit von der britischen Armee. Gerade aufgrund der Erfahrungen im Nationalsozialismus und der Repressionen des Stalinismus macht er es sich zur Lebensaufgabe über totalitäre Systeme, seien sie politischer oder religiöser Natur, aufzuklären. Der Nachwelt wolle er als Aufklärer und Humanist in Erinnerung bleiben, sagt er einmal.

Gewidmet ist das Buch „Die zweite Schuld“  den  Nachgeborenen, den "schuldlos beladenen Söhnen, Töchtern, Enkelinnen und Enkeln", welche laut Autor die eigentlichen Leidtragenden seien. „Jede zweite Schuld setzt eine erste voraus -  hier: die Schuld der deutschen unter Hitler. Die zweite Schuld: die Verdrängung und Verleugnung der ersten nach 1945.“ Im Fokus stehen die sogenannten „kleinen Leute“, ohne die der „Führer“ überhaupt  nichts geworden wäre. Keine „simplen Bösewichter“ seien diese gewesen, sondern hätten eine Art „inneren Kompass“ verloren. Überfordert von der Geschichte, lebten sie doch in einer Zeit der radikalen Umbrüche. Was sie allerdings nicht aus der Verantwortung für ihr Handeln  entlässt.

Faktenreich und akribisch recherchiert legt Ralph Giordano dar, dass  nach dem Ende des „Dritten Reiches“  mit den NS-Tätern,  welche eine individuelle Verantwortung geleugnet haben, der „große Frieden“ gemacht wurde. Nur wenige wurden verurteilt.  Wie auch die alten Funktionseliten rasch wieder in Amt und Würde gekommen sind. Biografien, Rechtsurteile, Beispiele  untermauern seine These. Eine moralische Katastrophe, welche die politische Kultur der Bundesrepublik entscheidend geprägt hat.  Die Verbrechen werden kleingeredet, eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit   findet kaum statt, stattdessen eine Strategie der Verharmlosung und Verleugnung.  

Die üblichen Phrasen der kollektiven Abwehr

 

„Es waren ja gar nicht sechs Millionen Juden, die umgebracht worden sind, sondern …" „ Aber wir haben doch von nichts gewusst.“   „Hitler hat nicht nur Schlechtes, er hat auch Gutes geschaffen, zum Beispiel die Autobahnen …“  "Was konnten wir denn dagegen machen?“ So die üblichen Phrasen der kollektiven Abwehr, welche auch heute noch zu hören sind und welche zeigen,  wie die  humane Orientierung verloren gegangen sei.  Ein Gedanke, der sich durch das ganze Buch zieht und letztlich um die Frage kreist, wie ein Volk so tief habe sinken können.   „Die NS-Oligarchie  wäre nichts ohne die aktiv-willfährige  Mehrheit gewesen.“  Nicht erstaunlich ist folglich, dass bereits  1949 die öffentliche Meinung war, dass unter die Vergangenheit einen „Schlussstrich“  gesetzt werden solle.  „Hier die Nazis, da die Deutschen.“  Die NS-Zeit wird verdrängt,  die Opfer totgeschwiegen, die Überlebenden sollen schweigen. Eine abstruse Schuldverschiebung. Oder man hat einen „Renommierjuden“ in peto.  Zupass kommt, dass die junge  Bundesrepublik im sich verschärfenden  Ost-West-Konflikt als  Bündnispartner gebraucht wird. Ab den sechziger Jahren,  der Auschwitz-Prozess  von 1965 ist der Wendepunkt,  beginnt die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. In den siebziger Jahren stellen die Nachkommen bohrende Fragen nach der Schuld und Mitschuld der Väter und Großväter. Erst 1985 wird das Verleugnen des Massenmordes an Juden unter Strafe gestellt.

Diese Zeit wirke bis heute fort, die  Spuren aus der Vergangenheit haben sich tief eingegraben, betont Giordano. Seine Widmung den „schuldlos Beladenen“, welche in jeder Hinsicht an den NS-Verbrechen -  juristisch, moralisch, historisch – schuldlos sind, wie er immer wieder deutlich macht,  will der Autor nicht als „Blankoscheck“ verstanden wissen. Diese seien keineswegs „entlassen aus der schicksalhaften Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinem Erbe.“ Entscheidend sei  deren Umgang mit der „zweiten Schuld“. 

 

Verantwortung für Gegenwart und Zukunft übernehmen

 

Einen Bogen in die unmittelbare Gegenwart  schlägt  die 1981 in Russland geborene Autorin und Journalistin Lena Gorelik, welche  1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland gekommen ist, mit ihrem Nachwort. Von Zorn, Trauer und Hoffnung sei Ralph Giordanos „Die zweite Schuld“ getragen. Ein mutiges Buch, für das er zum Teil höchst feindselige Reaktionen geerntet habe, so Lena Gorelik. Wie schwierig es auch für sie  sei, die richtigen Worte, um dieses „Geschichtstrauma“ zu beschreiben. „Ein Volk, das schwieg, während in seinem Namen Gräueltaten verübt wurden, das schweigend diese Gräueltaten selbst beging, und das diese Taten in Schweigen verhüllte, als wäre nie etwas geschehen.“  Wie die im Buch aufgeführten Beispiele zutiefst aufwühlen, obgleich man glaubt, bereits alles zu wissen. Wie sie als junge Frau mit denselben  Phrasen der „kollektiven Verdrängung bzw. Abwehrkultur“ konfrontiert worden ist. Hitler habe doch auch die Autobahnen gebaut, zitiert Lena Goreliks bester Freund und Klassenkamerad seine Großmutter in einem lapidaren Tonfall.   Und wie dieser Freund plötzlich in einem anderen Licht erscheint. Oder: „Wir haben alle gelitten.“ Eine Schuldumkehr mit dem Zweck der Relativierung. Wenige Beispiele von vielen. Die Autorin erlebt heute, was Giordano vor Jahrzehnten analysiert hat, nämlich das „Fehlen jeglicher Empathie, ein Umstand, der heute wie damals so schaurig erscheint.“ Worauf alles Kleinreden und Relativieren zurückzuführen sei, diagnostiziert Lena Gorelik. Ob sich in den vergangenen dreißig Jahren wirklich so wenig geändert habe, fragt sie sich. Auch angesichts des wieder aufflammenden Antisemitismus und Extremismus.

Eine kollektive Schuld gibt es nicht. Schuld ist immer individuell. Wie auch niemand im Namen der Ermordeten vergeben kann, vergeben könnten nur diese selbst. Jedoch tragen die Nachgeborenen,  inzwischen lebt die dritte  Generation nach dem Ende des sogenannten „Dritten Reiches“,  Verantwortung,   nicht für die Vergangenheit,  sondern für die Gegenwart und die Zukunft. Deshalb brauchen sie das Wissen über das Geschehene. Dazu kann Ralph Giordanos aufklärerisches  Buch, welches an Aktualität nicht verloren hat, einen wichtigen Beitrag leisten.

Im Anhang findet sich eine Auswahl zum Teil unsäglichen Briefen, welche Ralph Giordano nach der Erstveröffentlichung des Buches erhalten hat.

 

Ralph Giordano

Die zweite Schuld, oder: Von der Last Deutscher zu sein

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

538 Seiten

 

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Aalener Kulturjournal