Neuauflage von Gottfried Kellers "Ursula"

Eine tragische Liebe zu Zeiten der Reformation

„Wenn die Religionen sich wenden, so ist es, wie wenn die Berge sich auftun; zwischen den großen Zauberschlangen, Golddrachen und Kristallbegeisterten des menschlichen Gemütes, die ans Licht steigen, fahren alle hässlichen Tazzelwürmer und das Heer der Ratten und Mäuse heraus. So war es zur ersten Reformationszeit auch in den nordöstlichen Teilen der Schweiz und sonderlich in der Gegend des schweizerischen Oberlandes, als ein dort angesessener Mann, der Hansli  Gyr genannt, aus dem Krieg heimkehrte.“

Mit diesen Worten beginnt Gottfried Keller die Novelle "Ursula", welche vom Schicksal zweier Menschen erzählt, die in den Wirren  der Reformationszeit im 16. Jahrhundert zwischen die Fronten geraten und fast daran zugrunde gehen.

Der Söldner Hans Gyr kehrt nach acht Jahren „müde vom Krieg“  in seine Heimat zurück, um feststellen zu müssen, dass die Menschen sich  verändert haben, polarisiert durch die Lehre des Züricher Reformators Huldrych Zwingli und die Täuferbewegung im Schweizer Oberland.

Hansli ist überzeugt, dass er die Nachbarstochter Ursula,  die er schon lange liebt, bald heiraten wird. Diese erwartet ihn tatsächlich, allerdings um in wilder Ehe mit ihm zu leben. Ein Verhalten, das so gar nicht zu der Ursula, die er gekannt hat,  passen will.

Der Grund:  Deren Vater Enoch Schnurrenberger ist inzwischen ein Parteigänger der Täufer, einer radikalreformatorisch-christlichen Sekte. Auf Erden soll ein Täuferreich,  ein Gottesstaat, verwirklicht werden: das „Tausendjährige Reich“, das „Neue Jerusalem“. Mit Gütergemeinschaft und Polygamie. Allen gehöre alles, lautet die Botschaft.  Ihren Ursprung haben die Täufer in den Niederlanden, breiten sich dann im süd- und mitteldeutschen sowie österreichischen Raum aus.  Brutal verfolgt von der Obrigkeit, da sie als herrschaftsgefährdend  gelten, aber auch von konkurrierenden reformatorischen Bewegungen wie den Lutheranern, Zwinglianern und Calvinisten.

Hans Gyr weist Ursula zurück, denn erst wolle er heiraten, da alles seine Ordnung haben müsse. Hans fragt Ursulas Mutter, ob sie denn damit einverstanden sei, dass ihre Tochter ohne Pfarrer und Obrigkeit seine Frau werden solle.  Seit dem 12. Jahrhundert wertet die kirchliche Trauung die Ehe als geheiligte Einrichtung Gottes auf, die Reformation nochmals, verlangt sie doch, dass  der Klerus heiraten solle, um dem Konkubinat und der Unkeuschheit ein Ende zu bereiten. Ursulas Mutter, eine „gebeugte und zerknisterte“  Frau, antwortet: „Ja, das ist auch meine Meinung, weil es der Wille Gottes  und meines Mannes ist.“ 

Zudem  gedenke Enoch,  selbst ein Oberhaupt zu werden in der „neuen Zeit“, lässt sie wissen.  In dessen Haus treffen sich die Täufer-Aktivisten: Heilige, Unheilige, selbsternannte Propheten. „Schalksnarren“, von der  „Wahnkrankheit“ Befallene, so der Erzähler, der wenig Sympathie für diese hegt. Die Bauern stellen aber auch konkrete politische und ökonomische Forderungen wie die Abschaffung des Zehnten, des Frondienstes,  der Unfreiheit, berufen sich auf die Heilige Schrift.  Die Stimmung ist aufgeheizt, voller Hass. Der Gedanke, „göttliches Recht“ mit Gewalt durchzusetzen, nicht fern.

 

Willkür- und Schreckensherrschaft

 

Enochs Motive sind freilich nicht nur spiritueller Natur.  Fleißig lasse er seine Augen umhergehen und spähen, was er sich nach dem Umsturz aller Dinge aneignen könne, erklärt der Erzähler.  Wie  auch Hans bemerkt, dass Enochs „neugierige Augen mehr von irdischen Dingen als vom Reich Gottes zu funkeln schienen“. In Erwartung  des „Tausendjährigen Reichs“ will  dieser Hans für einen kleinen Kaufpreis dessen Bauernhof abkaufen, sei doch Eigentum in der „neuen Zeit“ nichts mehr wert.

Tief gespalten ist die Welt in Arm und Reich. Die Willkürherrschaft  der alten Kirche, die keine geistliche Orientierung mehr geben kann,  habe für diese Auswüchse den fruchtbaren Boden bereitet, erklärt der Erzähler. Und die Willkür sei nun in die Armen gefahren. Die Not der Bauern im frühen 16.Jahrhunderts schafft großen Unmut und Unsicherheit, macht anfällig  für religiösen wie politischen Wahn.

Tatsächlich kommt es 1534 / 1535 zu einer  Schreckensherrschaft der Täufer im westfälischen Münster mit einem „König über das Neue Israel“ an der Spitze. Nach dem Vorbild der alttestamentarischen Patriarchen  wird die  Vielehe eingeführt – selbstverständlich nur für Männer. Der selbsternannte König hält sich gar  einen Harem, eine Hauptfrau, dazu dreizehn oder vierzehn „Kebsweiber“, wie die Quellen berichten. „Sie verlangten, dass die Weiber der Willkür jedes Mannes, der ihre Liebe verlangte, bei Strafe der Hinrichtung zur Verfügung stehen sollten.“ Selbst Mädchen mit elf, zwölf Jahren.

Auch Ursula, die sich unter dem „ Banne des Wahns und der stechenden Blicke des Vaters“ beugt, erlebt religiös verbrämte sexuelle Gewalt. „Das arme Mädchen“, kommentiert der Erzähler voller Mitleid.  Erschütternd die Szene, als Hans, der sich Zwingli  angeschlossen hat, bei seiner Rückkehr auf eine völlig verwirrte  Ursula trifft, die in ihm den Erzengel Gabriel zu erkennen glaubt. „Was habt  ihr mit eurer Tochter angefangen?“, stellt er die Mutter zur Rede.

Enoch, der sich  immer mehr in einer religiösen  Wahnwelt verliert, zieht als Prophet umher. lässt den Hof verfallen, bringt Unheil über seine Familie. Bedrohungsgefühle, tatsächliche wie vermeintliche,  beherrschen den Alltag.

Ausführlich schildert  die Novelle  historische Fakten, verknüpft mit Hansli Gyrs Schicksal: Einen breiten Raum nehmen die Kappelerkriege zwischen reformierten und katholischen Orten in der Schweiz ein, angeführt vom Reformator Huldrych Zwingli, der selber in die Rüstung steigt, im engen Bündnis mit der Obrigkeit, unterstützt von den  Bürgern. Dabei mutiert Hansli Gyr zum „Mustersoldaten“ und Sittenwächter.  „Der Reformator lebt des  heiligen Glaubens, dass diese   Welt des  Widerstandes nur gezwungen zu werden brauche, das Wort Gottes zu hören, um sich zu ergeben.“  Statt völkerrechtliche Verträge das Evangelium.  Als Feldkaplan stirbt Zwingli  in den schweizer Reformationskriegen, wird  von den Gegnern barbarisch zerstückelt.

Erzählt wird vom Bildersturm, bei dem der Mob Bilder und Skulpturen in Kirchen plündert, beschädigt oder zerstört. Überliefert ist auch die Gefangennahme  der Täufer wie deren geheimnisvolle Befreiung aus dem Ketzerturm.  Enoch, Ursula, ihre Mutter  teilen in der Erzählung dieses Los.

 

„Wer freisinnig ist, traut sich und der Welt etwas Gutes zu…“

 

Der Schriftsteller Gottfried Keller (1819 – 90), bekannt vor allem durch den Roman „Der grüne Heinrich“ und  die Novelle "Kleider machen Leute",  zeigt mit der  Novelle "Ursula" eine ganz andere Seite.

1848/49 hört Gottfried Keller in Heidelberg eine  Vorlesung des deutschen Religionsphilosophen Ludwig Feuerbach,  des „Vaters des Atheismus“. Die  Quintessenz von dessen Ausführungen: "Aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkenden, aus Betern zu Arbeitern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus Christen (…) zu Menschen, zu ganzen Menschen" sich zu entwickeln, sei die wahre Aufgabe des Menschen. Für Gottfried Keller ein Schlüsselerlebnis, fortan orientiert er sich weltanschaulich völlig neu,  wird zum Feuerbachianer.  In dem programmatischen Gedicht  "Ich hab in kalten Wintertagen" (1849) bekennt er, wie er sich vom  "Trugbild der Unsterblichkeit", vom religiösen "Wahn" verabschiedet, da der christliche Glaube ihm kein Halt mehr gibt, um sich für einen weltlich-diesseitigen Humanismus zu  entscheiden.

 „Freisinnig“, „bürgerlich“ und „liberal“ denkt er. Denn: „Wer freisinnig ist, traut sich und der Welt etwas Gutes zu…“  Jeder Satz in der Novelle „Ursula“  atmet  diese Überzeugung. In dem typischen  warmen abgeklärten  „Keller-Ton“ (Theodor Fontane). Nie dogmatisch, nie laut werdend. Selbst wenn er von den schlimmsten menschlichen Abgründen erzählt. Sondern voller Weisheit und Menschlichkeit.

Kellers Novelle „Ursula“ liest sich wie ein Lehrstück wider den religiösen Wahn.  Eine politisch instabile Welt  gerät aus den Fugen. Fanatiker, die jeden  Diskurs ablehnen, ihre  Weltsicht zur absoluten Wahrheit überhöhen, "Andersgläubige" bekämpfen, erniedrigen, sich selbst als auserwählt definieren, agieren und interagieren.  Politik und Religion vermischen sich auf eine gefährliche Art und Weise, führen zu einem Konglomerat aus Hass, Intoleranz und Wahn. Was am Ende zum Dreißigjährigen Krieg führen wird. All diese Szenarien finden sich  bei Keller. Dennoch gibt es in diesem Chaos auch  Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. So rettet ein katholischer Soldat dem verwundeten  Hansli Gyr das Leben.

Machtstrukturen werden religiös begründet: Der Mann unterwirft sich dem „Willen Gottes“, die Frau dem Mann, die Kinder den Eltern. Ursulas Mutter ahnt, was sie ihrer Tochter antut. Dennoch lehnt sie sich nicht gegen ihren Mann auf. Die Anführer erwarten von ihren Anhängern bedingungslosen Gehorsam. Intolerant nach innen wie außen,  leben solche Bewegungen von Feindbildern. Je größer eine Bewegung wird, umso selbstbewusster tritt sie nach außen auf, stellt politische Forderungen, die für alle, auch für „Andersgläubige“ gelten sollen. Und wie üblich laufen die Anhänger - in Kellers Novelle  die „Aufgeregten“ -  in Scharen den  „Trugbildern“  hinterher.  „Der Fanatismus ist die einzige Willensstärke, zu der auch die Schwachen und Unsicheren gebracht werden können“, stellt der Philosoph Friedrich Nietzsche treffend fest.

Gottfried Keller lässt die Geschichte versöhnlich enden. Nachdem die Gesellschaft befriedet worden ist, leben Hans Gyr und seine Ehefrau Ursula als „würdige Glieder des Volkes“; das Fundament  ist  die Achtung vor den Mitmenschen, Verantwortung für  die Gemeinschaft, das Recht auf freie Meinung und echte Humanität. Kellers Vorstellung vom menschlichen  Miteinander.  Schnurrige „Winkelphilosophen“ gibt es zwar immer noch, allerdings ohne Einfluss.

Zum 200. Geburtstag des großen Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller am 19. Juli und 500 Jahre nach Beginn Reformation erscheint wieder die Novelle „Ursula“, mit der  dieser seiner Heimatstadt Zürich ein literarisches Denkmal setzt. Die Ausgabe folgt dem Text der Erstausgabe, die 1878 als Teil der Züricher Novellen erschienen ist. Kongenial illustriert von dem Schweizer Künstler Hannes Binder mit düsteren Bildern, welche die Stimmung der Erzählung so treffend spiegeln.

Gottfried Kellers Novelle  ist ein literarisches Kleinod von zeitloser Aktualität.

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Aalener Kulturjournal