Hans-Jürgen Gaudeck, „Wenn die Bäume lieblich rauschen“

Ein Muss für Eichendorff-Liebhaber und Romantiker

 „Wenn ich Eichendorffs Gedichte und Prosa lese, entdecke ich immer wieder bildhafte und musikalische Klänge“,  erklärt der Künstler Hans-Jürgen Gaudeck im Vorwort seines neuen  Buches  mit dem Titel „Wenn die Bäume lieblich rauschen“. Über Theodor Fontane, Rainer Maria Rilke, Eva Strittmatter und Hans Fallada hat Gaudeck bereits in den vergangenen Jahren mit stimmungsvollen Aquarellen illustrierte Bände veröffentlicht.

 Nun  nimmt er mit in die Welt  des Joseph von Eichendorff. Der Dichter wird geboren am 10.März 1788 auf Schloß Lubowitz unweit von Ratibor in Oberschlesien, einem idyllischen Herrensitz umgeben von unendlichen rauschenden Wäldern. Ein bleibender Sehnsuchtsort. Nach dem Jurastudium in Halle, Heidelberg,  Berlin  und Wien verdient er den Lebensunterhalt als preußischer Regierungsbeamter in Danzig, Königsberg und Berlin. Am 26. November 1857 stirbt Eichendorff.

Während des Studiums in Halle und Heidelberg ist er mit den romantischen Dichtern Arnim und Brentano befreundet. "Des Knaben Wunderhorn", die bedeutendste Liedersammlung der deutschen Romantik, bleibt zeitlebens Stimmgabel seiner Gedichte, unvergessliche Novellen wie „Aus dem Leben eines Taugenichts“, eine Satire auf das Philistertum, schreibt er im Stil der Romantik.

"Ein Wandrer, von der Heimat weit"

Hans-Jürgen Gaudeck versammelt in seinem Werk eine Auswahl von über dreißig Gedichten des Romantikers. Bekannte  wie weniger bekannte, um mit ihnen eine märchenhafte Welt zu durchwandern, hinter deren Fassade jedoch die Fragen des zwischen Vergangenheit und Zukunft zerrissenen  Jahrhunderts verhalten vernehmbar sind. Dem Wesen des Dichters entsprechend.

Ebenso fein gestaltet Hans-Jürgen Gaudeck, der die Gedichte in der Natur auf sich wirken lässt, um sie zu seinen Bildern werden zu lassen, lässt er im Vorwort wissen.

Das Grundmotiv, welches sich durch die  assoziationsreichen Gedichte zieht, ist die romantische Sehnsucht, ziellos ins Unendliche gerichtet. Anmutige  Lieder „aus der alten schönen Zeit“. „Sie erwachen alle wieder /  Nachts in Waldeseinsamkeit“. Das lyrische Ich, innerlich voller Bangigkeit,  weiß nicht, was ihm geschieht: „Könnt ich zu den Wäldern flüchten“, „auf ewig wälderwärts“.  Dann: „Nichts ist so trüb in Nacht gestellt, / Der Morgen leicht macht´s wieder  gut.“  Das Sehnen um des Sehnens willen. Fernweh und Heimweh, Einsamkeit und Abschied verschmelzen zu  schwermütigen Empfindungen.

Die Romantik verklärt die Kindheit, pflegt den Traum von der ewigen Jugendlichkeit der Welt als Gegenentwurf zur vernunftbetonten Aufklärung. In der Einsamkeit des Waldes vernimmt das lyrische Ich „Abendglocken“ und erinnert sich wehmütig: „Wie in der Heimat klingen diese Glocken / Aus stiller Kinderzeit.“  Träumend blickt Eichendorff zurück in eine versunkene Zeit,  welche ihm so viel menschlicher erscheint als die Gegenwart.  „Mir träumt, ich ruhte wieder / Vor meines Vaters Haus / Und schaute fröhlich nieder / ins alte Tal hinaus.“  Ein in magische Töne gesetztes Trugbild jedoch!  „Kaiserkron und Päonien rot/ Die müssen verzaubert sein, /Denn Vater und Mutter sind lange tot, / Was blühn sie hier so allein?“

Dichter des Konjunktivs

Bäume, Berge und Täler, Felder und Wiesen, Flüsse und Bäche, die Nacht, märchenhafte Landschaften, über denen sich der Sternenhimmel wölbt. „Und ich hab mich verflogen / In der weiten / weiten Welt.“

Auch Danzig, die Stadt, mit welcher ihn beruflich wie privat so vieles verbindet, wird zeitenthoben idealisiert: “Träumerisch der Mond drauf scheinet, / Dem die Stadt gar wohl gefällt, / Als läg´ zauberhaft versteinet / Drunten eine Märchenwelt.“

Eichendorff ist der Dichter des Konjunktivs, lässt  doch dieser die Grenzen einer drückenden Realität überwinden. „Ich wünscht, ich wäre ein Vöglein / Und zöge über das Meer“. Jedoch verliert er sich nie  in seinen Traumgebilden, wie so manch ein anderer Romantiker.

Hans-Jürgen Gaudeck schließt die Sammlung mit dem wohl  berühmtesten Gedicht „ Mondnacht“:     „Es war, als hätt´ der Himmel / Die Erde still geküßt, / Daß sie im Blütenschimmer  / Von ihm nun träumen müsst.“  In der letzten Strophe heißt es:  „Und  meine Seele  / Spannt weit ihre Flügel aus / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.“ Diesseits und Jenseits verschmelzen, das lyrische Ich  fliegt einer mystischen Freiheit entgegen, um seine Heimat in der Güte Gottes zu finden. Eichendorff war ein zutiefst gläubiger Mensch, verwurzelt im Katholizismus.

Seine Gedichte berühren noch heute

Während seiner Lebenszeit folgt ein welterschütterndes Ereignis auf das andere. Revolutionen verändern Europa grundlegend. Die Industrialisierung setzt ein. Das Leben beschleunigt und verändert  sich in einem zuvor nie gekannten Ausmaß. Veränderungen, die Eichendorff mit Skepsis betrachtet. Vor der Angst vor der Zukunft schützt ihn aber sein unerschütterliches Vertrauen in eine ordnende spirituelle Macht. Ein Aspekt, der bei Eichendorff, dem  einzigen Romantiker, der tatsächlich volkstümlich geworden ist, häufig ausgeblendet wird, zeigt sich seine poetische Welt (fast immer) zwar von der frohen Seite, ohne aber sentimental zu werden. Wehmut mit einem Lächeln auf den Lippen.

Eichendorff berührt uns immer noch, obwohl mehr als 200 Jahre vergangen sind.  Trotz aller Entfremdung von der Natur bleibt die ewige Sehnsucht des Menschen nach Einheit und Ursprünglichkeit.

Hans-Jürgen Gaudeck vereint Eichendorffs Gedichte  mit seinen Aquarellen feinfühlig in  dem schönen sorgfältig gestalteten Werk. Auf der rechten Seite des Buches findet sich das Aquarell, links das Gedicht. Die Wortkunst des Romantikers verwandelt der Künstler in zauberhafte Bilder, indem er in einer inneren Spurensuche wesentliche Augenblicke und Stimmungen einfängt. Blautöne des Meeres, des Himmels, Grün-, Rot-, Gelb-, Brauntöne der Wälder, der Landschaften, der Städte, mal t kräftig, mal hauchzart, fließen und verschmelzen. Leicht, duftig wirken seine Illustrationen, die  zu schweben scheinen, wunderbar den Ton der Lyrik treffend.

Ein Buch, das zum Lesen und Schauen einlädt, das verzaubert!

INFO

 

Hans-Jürgen Gaudeck: Joseph von Eichendorff – Wenn die Bäume lieblich rauschen.

 

Steffen Verlag, Berlin 2019.

 84 Seiten, 19,95 Euro

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Aalener Kulturjournal