Hans Fallada zum 124. Geburtstag

André Uzulis:  Biografie Hans Fallada

70 Jahre nach seinem Tod erlebt Hans Fallada, der zu Lebzeiten einen Bestseller nach dem anderen geschrieben hat, eine neue Renaissance, "eine grandiose weltweite Wiederentdeckung".

Der Berliner Steffen  Verlag veröffentlicht eine neue umfangreiche Hans Fallada Biographie des Journalisten und Historikers Dr. André Uzulis. Anlass war für den Autor wohl die 2008 gestellte Frage der Hans-Fallada-Gesellschaft: "Brauchen wir eine neue Fallada-Biographie?" Sechs Biographien gab es bereits: von Jürgen Manthey (1963), Alfred Geßler (1972), Tom Crepon (1978), Werner Liersch (1981), Cecilia von Studnitz (1997) und  Jenny Williams (2001).  Nun 15 Jahre nach der Darstellung der englischen Literarturwissenschaftlerin die fast 400 Seiten starke Biographie. Uzulis geht der Frage nach, wer Hans Fallada wirklich war, beruflich wie privat. Das Besondere: Neben bereits veröffentlichen Untersuchungen dienen neues oder wenig beachtetes Archivmaterial, kaum bekanntes Fotomaterial und bisher nicht veröffentlichte Aufnahmen des Schriftstellers und seiner Familie als Grundlage. Bürgerlich heißt Hans Fallada Rudolf Ditzen. Pate für sein Pseudonym stehen die Grimmschen Märchen "Hans im Glück", der Einfaltspinsel, der alles verliert, nur nicht sich selbst. Und das sprechende Pferd „Falada“ aus der "Gänsemagd", das nie aufhört, die  Wahrheit zu sprechen.

 

Morphium und exzessives Schreiben

 

Uzulis beginnt mit einem einschneidenden Ereignis, welches die Blaupause ist für Falladas Leben. Anfang des 20. Jahrhunderts ist unter Jugendlichen "Welt-und Lebensmüdigkeit " wie auch Selbstmord eine Modeerscheinung. So plant Fallada zusammen mit einem Freund einen Doppelselbstmord als Duell getarnt, bei dessen Umsetzung der Freund zu Tode kommt. Gegen den lebensgefährlich verletzten Fallada wird noch im Krankenhaus Haftbefehl wegen Mordes erlassen. Uzulis zitiert ausführlich aus dem Jenaer Lebenslauf, vom 18jährigen Fallada verfasst und erst seit 2010 leicht zugänglich. Genauso wie die Untersuchung eines Berliner Psychiaters, der dem jungen Patienten Fallada seelische Instabilität, extreme Gefühlsschwankungen, Suchtproblematik attestiert. Unfähig, ein "mittleres  Maß" zu finden.Vor diesem Hintergrund entfaltet Uzulis Werk und Leben Falladas in seiner Gesamtschau. Der Vater, "Ausnahmejurist", einer Juristenfamilie entstammend. Von 1909 bis zu seiner Pensionierung 1918 ist er als  Reichsgerichtsrat am höchsten deutschen Gericht in Leipzig tätig. Die 16 Jahre jüngere Mutter Elisabeth Lorenz, deren Vater Theologe, wird früh Halbwaise und wächst bei einem kinderlosen Onkel, einem "boshaften Psychopathen mit sadistischen Zügen", auf. Fallada wird später dem Großvater, einem  Gefängnispfarrer, in  seinem letzten Roman "Jeder stirbt für sich allein" ein Denkmal setzen. Falladas Eltern leben in glücklicher Ehe, sind gesellig,  Literatur und Musik begeistert. Den vier Kindern mangelt es "weder materiell noch geistig" an Nichts. Rudolf gilt von Anfang an als Sorgenkind. Schon früh ist Rudolf Ditzen "exzessiver Raucher", auch "exzessiver Leser", depressiv, spricht dem Alkohol zu, nimmt 1917 zum ersten Mal Morphium. Zum Morphium kommt Kokain. "Der Rauschgiftmissbrauch begann schleichend und steigerte sich nach und nach." 1919 ist er bereits schwer abhängig. Entziehungskuren folgen, die Behandlungen schlagen fehl. Ständige Ortswechsel. Ein Auf und Ab beginnt, das ganze Leben hindurch sich wiederholend. Dazu "exzessives" Schreiben.

 

 

Eine gegenständlich-nüchterne Sicht  auf die Dinge

 

Mit Ende 20 ist Fallada ein körperliches Wrack, rutscht ab in die Kriminalität: Diebstahl, Unterschlagungen zur Finanzierung seiner Alkohol-und Morphiumsucht. Er arbeitet auf landwirtschaftlichen Gütern, schlägt sich durch als Buchhalter und Verwalter. Das dort Erlebte verarbeitet er in seiner Literatur. "Fallada ist ein extrem autobiographisch arbeitender Schriftsteller." An literarischen Debatten oder Experimenten zeigt er wenig Interesse,  schreibt konsequent konventionell sachlich: später Neue Sachlichkeit genannt, eine Bewegung mit einer "gegenständlich-nüchternen Sicht  auf die Dinge". 1928 nach der Haftentlassung lernt Fallada Anna Issel kennen, die Frau seines Lebens, die er "Suse" nennt. Eine einfache Frau aus proletarischen Verhältnissen, acht Jahre  jünger. Für sie ist er der  "Junge". Rasch wird geheiratet.  Anna Issel übernimmt die mütterliche Rolle, versucht Fallada vor sich selbst, vor seinen Exzessen zu schützen, anfangs mit Erfolg. Von Anfang an betrügt er sie nach Strich und Faden. Fallada schreibt als Lokalreporter für eine Zeitung. Erste Erfolge stellen sich ein. 1930 in Berlin arbeitet Fallada beim Rowohlt Verlag, zuständig für Rezensionen. 1930 kommt das erste Kind zur Welt, drei folgen noch, von  denen eines - ein Zwillingsmädchen - bald nach der Geburt stirbt. Die Dauerbelastung der Mutter während der Schwangerschaft sei der Grund, so die Ärzte.

 

 

Literarisch geht es aufwärts

 

Literarisch erlebt Fallada im selben Jahr einen Durchbruch mit "Bauern, Bonzen und Bomben", was zum "Standardwerk der Neuen Sachlichkeit" wird. 1931 verfällt er wieder dem Alkohol, Anlass ist der Verlust seiner Stelle bei Rowohlt, mit dem er seit längerem befreundet ist.  Sein Roman "Kleiner Mann - was nun?" - der Roman zur Wirtschaftskrise in Deutschland - wird "das literarische Ereignis 1932", gilt als eines der bedeutendsten Bücher des 20. Jahrhunderts, führt auch in den USA die Bestsellerlisten an. 1933 tritt Fallada dem neuen Reichsverband der Schriftsteller bei, um  in Ruhe schreiben  zu können. Fallada sieht sich als unpolitischer Mensch, fühlt sich nicht bedroht. Im  selben Jahr  zieht die Familie nach Carwitz, in Mecklenburg, am Ende  der Welt, zu dem Anwesen gehört eine kleine Landwirtschaft. Weg vom Amüsierbetrieb der Großstadt: "Verborgener geht es kaum". Bis 1945 lebt Fallada an diesem Ort, schreibt in den 12 Jahren 18 Romane, von Uzulis knapp und treffend vorgestellt. Gerade zu den Jahren im Nationalsozialismus wie auch die wenigen Falladas in der Sowjetzone liefert Uzulis eine Fülle an Informationen, die er profund  deutet. Eindeutig äußert sich hier der Historiker Uzulis. Als Opportunist übersteht Fallada diese Zeit, verbiegt sich auf Anordnung der NS-Kulturpolitik, schreibt "im Sinne des Regimes". Angebote aus Hollywood lehnt er ab, da er sich nicht vorstellen kann, woanders zu leben. Zeitweise gilt er als "unerwünschter Autor".  Göbbels  zu Fallada:"Ob dieser Fallada eine Preis verdiene oder KZ", sei nicht klar. Offiziell  gilt er als  "Zwischenreichautor", das heißt, der Schriftsteller hat sich mit dem System arrangiert, ist aber nicht dessen Repräsentant. Seine Rolle während des "Dritten Reiches" wird später vor allem im Westen  erbittert und kontrovers diskutiert.

Ulla Losch - Falladas Todesengel

 

Diese Unsicherheit führt immer wieder zu Rückfällen in die Sucht, in manisch depressive Schübe. Anna, die in Carwitz buchstäblich für alles Verantwortung trägt, wird gedemütigt, bedroht, geschlagen, verlangt schließlich die Scheidung. Eine "Beziehungshölle". Kurz darauf heiratet Fallada die 23jährige Ulla Losch, "steinreich" verwitwet, zigarettensüchtig, Alkoholikerin und Morphinistin, die zu seinem "Todesengel" wird. Im Streit schießt Fallada auf seine geschiedene Frau Anna und wird in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Nach dem Einmarsch der  Russen - der Autor Fallada ist in der Sowjetunion bekannt wie geschätzt - wird er als Bürgermeister eingesetzt. Die Massenvergewaltigungen - Anna Ditzen wird vergewaltigt, die greise Mutter  und kleine Tochter entgehen knapp diesem Schicksal - blendet Fallada aus.

Der nach Ende des  Zweiten Weltkrieges aus dem russischen Exil nach Berlin zurückgekehrte expressionistische Dichter Johannes R. Becher, später Minister für Kultur sowie erster Präsident des Kulturbundes der DDR, wird für Fallada zum "Lebensretter". Becher, Verehrer des Schriftstellers, stuft ihn als Nicht-Nazi ein, verschafft ihm eine Sonderstellung. Der beschönigt sein Verhalten während der NS-Zeit, deutet seinen Lebenslauf um, spricht von der "Ahnungslosigkeit" der Deutschen. Fallada bekommt eine Villa in Berlin  in einem abgesperrten Nobelbezirk. Die Nachbarn: nebst russischen Offizieren, Walter und Lotte Ulbricht, Otto Grotewohl, Wilhelm Pieck und andere "verdiente" Größen. Fallada lässt sich rasch vor den Karren des neuen Regimes spannen. Der Sohn  Uli, der in Berlin bei Fallada lebt, erinnert sich, dass das Hauptziel von Vater und Stiefmutter  die "Jagd nach Morphium" gewesen sei, zwei Menschen, "die nicht mehr Herr ihrer selbst waren". Bis zu zehn Ampullen Morphium spritzt Fallada sich am Tag.

 

Jeder stirbt für sich allein

 

Am 30. September 1946 beginnt er seinen letzten Roman, auf Grundlage einer Gestapo-Akte, die er von Becher erhalten hat.  Innerhalb von vier Wochen stellt er den ersten deutschen antifaschistischen Nachkriegsroman "Jeder stirbt für sich allein" fertig. "Ein literarisches Großereignis"! Uzulis erwähnt in diesem Zusammenhang, dass Fallada Erkenntnisse des Wissenschaftlers  Götz Aly zur NS-Diktatur als Gefälligkeitsdiktatur, von der die große Mehrheit der Deutschen profitiert, in seinem Roman vorweggenommen hat. Am 5. Februar stirbt Fallada mit 53 Jahren an einer durch Ulla Ditzen unwissentlich herbeigeführten Überdosis an Schlafmitteln. Das Ehepaar ist gemeinsam zum Entzug in der Klinik. Auf dem Totenschein steht Herzversagen.

Werke, Briefe, Tagebücher, Gespräche, Aufzeichnungen von Zeitgenossen und Familienmitgliedern fügt der Historiker und Journalist Dr. André Uzulis zu einem höchst lebendigen Bild zusammen. Fallada zeigt er als zerrissenen Menschen: ein Mitläufer, Opportunist, Kleinkrimineller, Rauschgiftsüchtiger, despotischer Ehemann, Familienvater, Landwirt.  Nicht vergessen wird sein Verhältnis zu Verlegern, zu Schriftstellerkollegen, zu Filmschaffenden. Aber am Ende bleibt der begnadete Schriftsteller, der unvergessliche Werke geschaffen hat, dessen Name unsterblich ist.

Positiv hervorzuheben ist auch die  Zeittafel im Anhang des Buches mit Schwerpunkt  auf Falladas Werke. Der Leser findet hier Anregungen und Orientierung, wann welches Werk erschienen ist. Die ausführliche Quellenangabe und das ausführliche Personenregister runden ab. Eine äußerst fesselnde Biographie zu Hans Fallada, kenntnis- und detailreich, souverän geschrieben!

 

Dr. André Uzulis: Hans Fallada  Biographie  Steffen Verlag Berlin  26,95 Euro

 

 

 

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Aalener Kulturjournal