Einer der herausragendsten Romane der österreichischen Exilliteratur

Hans Flesch-Brunningen: "Perlen und schwarze Tränen"

„Der Nebel lag als dicke Schicht über der Menschheit. Er bedeckte viele hundert Quadratkilometer. Er kam aus den Tiefen und Höhen, er war geboren aus  Schwaden und Dünsten und er verschlang die Länder.“ So beginnt Hans Flesch-Brunningens  Roman der österreichischen Exilliteratur „Perlen und schwarze Tränen“ aus dem Jahr 1945/46, entstanden im englischen Exil.  Johannes Evangelista Luitpold Flesch Edler von Brunningen (1895- 1981)  stammt aus einer  vermögenden Familie mit jüdischen Wurzeln, verbringt  Kindheit und Jugend in Abbazia (Opatija) und Wien. Ab 1925 lebt er in Italien, Frankreich und in Berlin, emigriert 1934 nach Groß Britannien. 

21 Romane, fünf Novellenbände, fünf Theaterstücke und eine Sammelbiographie 16 berühmter Exilierter hat Hans Flesch-Brunningen hinterlassen, dem es wie so vielen,  Exilautoren und-autorinnen, welche vor den Nationalsozialisten fliehen mussten,  ergangen ist: Ihre Werke sind nahezu vergessen. Den Nachkriegslesegenerationen unbekannt. Umso verdienstvoller ist es, dass dieser kunstvolle Roman nun wieder aufgelegt wird.

In „Perlen und schwarze Tränen“ sitzt der fiktive Exilautor John Truck  im  „Café Canada“ in London, um auf seine sich verspätende Geliebte Jane, die Ehefrau seines Freundes, zu warten. Gemeinsam wollen die Beiden ins Theater. Um Jane, eine eigenständige Intellektuelle, kreisen im Verlauf der Handlung seine Gedanken immer wieder. Die zudem in Truck durch ihre Distanziertheit feindseligste Gefühle zu wecken vermag. Bringt er sie am Ende gar um? Ein Traum ohne Wirklichkeitsbezug?  Der Autor schildert 24 Stunden im Leben seiner Figur,  die ihren Gedanken nachhängt, beobachtet, verknüpft. Erfahrungen, Wahrnehmungen, Gefühle, Träume, Erinnerungsfetzen tauchen im Bewusstsein auf. Ungefiltert und  ungeordnet, nicht selten in skurrilen Assoziationsketten: als Soldat im Ersten Weltkrieg, als einsames Kind, sein Schicksal als Exilierter. Innere und äußere Welt fließen ineinander, verschmelzen, werden zu  „Dichtung und Traum“, demontieren die gewohnte Raum-Zeit-Vorstellung. Der alles durchdringende und verschlingende Nebel, im Roman eine große Chiffre, schafft eine unwirkliche  gespenstische Atmosphäre, lässt Orientierung in der surreal erscheinenden Welt so gut wie unmöglich werden. Der Roman ist ein  einziger Bewusstseinsstrom des Protagonisten.

 

Überall getriebene, verlorene Menschen

 

Es ist Krieg. Der Zweite Weltkrieg, den John Truck - wie der Autor in London - er- und überlebt. „Tausende amerikanische Soldaten“ ziehen durch „die langen Straßen“. „Boulevards der Hölle“,  mit Brücken, welche ins Nichts“ führen. Die Welt ist zum Schlachtfeld geworden. Überall getriebene, verlorene Menschen, „Nomaden“ gleich. Im Verlauf des Romans geht  der Erzähler  durch das durch deutschen Bombenhagel verwüstete London. In einer alptraumhaften Vision erlebt dieser eine Welt von universeller Harmonie, in der sogar Hitler und Stalin einander wie Menschen behandeln. In einer weiteren versucht er vergeblich die für das „Elend in der Geschichte dieser Welt“  verantwortlichen Kreaturen, groteske Wesen, welche einem  Werk des niederländischen Malers Hieronymus Bosch entstiegen sein könnten, zu vernichten.

Vieles sei im Roman autobiographisch grundiert, erklärt  die Herausgeberin Evelyne Polt-Heinzl in ihrem Vorwort, welches auf das Leben des Schriftstellers eingeht und den Romankontext erläutert. Etwa trägt Jane, Emigrantin und Kollegin,  Züge seiner späteren Ehefrau, der österreichischen Grande Dame der Literatur Hilde Spiel. Wie auch die unterschiedlichen prekären Gelegenheitsarbeiten in  feindlicher Umgebung, welche einen großen Raum einnehmen, tatsächliche Erfahrungen des Schriftstellers spiegeln.  Der Roman sei ferner eine sprachlich ambitionierte Paraphrase auf den „Ulysses“ von James Joyce, den der Autor  in Paris kennengelernt habe.

Im Kapitel „Literaturbeilage“, während Truck sich durch den nächtlichen Park auf den Weg zu seiner Arbeit im BBC-Gebäude macht, in welchem gut die Hälfte des Romans handelt. Zahlreiche Emigranten aus allen Winkeln Europas, voller Sorge um die eigene Zukunft und die ihrer zurückgelassenen Verwandten, sind dort tätig. Auch Truck, dem die  Welt wie das eigene  Leben zu entgleiten scheint, der um seine Selbsterhaltung kämpft, kennt diese existenzielle Angst.

In der Nähe von Marble Arch erfährt Truck den „Einfall einer anderen Zeit in unsere Zeit“: Eine gläserne Gespensterkutsche schwebt herab, welcher der englische Dichter Gordon, Lord Byron, der „große Lord der Romantik“ entsteigt, der einst schwor, Griechenland zu befreien oder zu sterben. Weitere historische Größen der englischen Literatur  wie Pope, Shelley, Marlowe erwarten ihn mit Ehrfurcht. „Habt  ihr noch nie einen Verschwender und Wollüstling gesehen? Was erfüllt euch denn mit Achtung und Stummheit?“, schreit ein Mann, wurde doch Byron von seinen Zeitgenossen Immoralismus vorgeworfen. Die Situation eskaliert, die Größen der Dichtkunst liefern sich bloßstellende bizarre Kämpfe.

 

Surreale Bilder

 

„Ich war Zeuge gewesen, wie Ideale stürzten, ich hatte die schäbige Seite gesehen von allem, was  ich hoch und hehr gehakten hatte“, kommentiert der  Erzähler voller Trauer. In den Fokus gerät nun folgerichtig die Wechselbeziehung von Autor und Werk. Von Text und Welt. Und die Frage, in welche Traditionslinie sich der Autor Truck einschreibt.

In  surrealen Bildern spiegeln  die Zeiten einander, die Vergangenheit sich in der Gegenwart; so steigen die die römischen Feldherren von ihren Sockeln, um die amerikanische Infanterie bei ihrem Einzug in Rom zu begleiten, in Frankfurt begrüßen Goethe, in Bonn Beethoven, Veit Stoß in Nürnberg die Alliierten. Über Seiten hinweg veranschaulichen bestürzende Beispiele, alle im Umfeld des Zweiten Weltkrieges,  dass es kein Leben ohne  Brüche gibt. Wie auch Motive und Folgen einer Handlung häufig nicht offen liegen beziehungsweise berechenbar sind. Oder das Verhalten von Menschen in Extremsituationen.  So die verschleppte russische Sklavenarbeiterin, welche die Sprache ihrer „Herren“ lernt, mit diesen tanzt, jedoch Nadeln in deren Decken steckt und Glassplitter ins Schweinefutter mischt. Der junge deutsche Soldat, der aus Liebe desertiert, dessen Eltern dafür von der Gestapo zu Tode geprügelt werden, der dann von seiner Geliebten verraten wird.   

Die Geschehnisse im Roman folgen keiner nachvollziehbaren Logik. Stattdessen entschleiert das  bildstarke Spiel mit unterschiedlichen Erzählstimmen und der Verschachtelung verschiedener Zeit- und Erzählebenen  eine durch den Krieg aus den Fugen geratene Welt. Quelle der Inspiration ist  für Hans Flesch-Brunningen das eigene Leben im Exil.  `Perlen und schwarze Tränen´ aber sind nicht nur ein einmaliges Zeitdokument, sondern mit seiner komplexen Handlungsführung und der Kunst, mit grotesken Verzeichnungen den Blick für gesamtgesellschaftspolitische Zusammenhänge zu schärfen, ein bemerkenswert moderner Roman“, urteilt die Herausgeberin Evelyne Polt-Heinzel treffend am Ende ihre Vorwortes.

Hans Flesch-Brunningens „Perlen und schwarze Tränen“ ist ein Meisterwerk. Nicht einfach zu lesen, vielmehr muss  man sich gerade aufgrund seiner Komplexität auf ihn einlassen. Zu wünschen  ist, dass mit der Wiederentdeckung des  großartigen österreichischen Exilromans der Autor eine Renaissance erlebt. 

 

Hans Flesch-Brunningen, Perlen und schwarze Tränen

Herausgegeben von Polt-Heinzl, Evelyne

326 Seiten

Verlag: Edition Atelier

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Aalener Kulturjournal