Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe und Aquarelle von Hans-Jürgen  Gaudeck

  „Es dringen Blüten aus jedem Zweig“

Gedichte Johann Wolfgang von Goethes, bekannte und weniger bekannte, hat der Künstler Hans-Jürgen Gaudeck  in seinem neuen  Buch  mit dem Titel „Es dringen Blüten aus jedem Zweig“ ausgewählt, um sich von ihnen zu bezaubernden Aquarellen inspirieren zu lassen. Nahezu vierzig  wundervolle Gedichte aus allen Schaffensepochen Goethes sind in dem schön gestalteten Band vereint. Über Joseph von Eichendorff,  Theodor Fontane, Theodor Storm, Rainer Maria Rilke, um eine kleine Auswahl zu nennen,  hat Gaudeck bereits in den vergangenen Jahren illustrierte Bände veröffentlicht.

Geboren  wird Johann Wolfgang von Goethe am 28. August 1749 in Frankfurt am Main. Er wächst auf in einer gebildeten Patrizierfamilie. Nach dem Jurastudium in Leipzig  und Straßburg folgt er 1776 der  Einladung des Herzogs Carl August nach Weimar, um dort auf Dauer zu bleiben. Mit dem Herzog, der Goethe auch mit Verwaltungsaufgaben betreut,  verbindet ihn eine lebenslange Freundschaft. Nicht nur als  Dichter, sondern auch als  Naturwissenschaftler und Politiker hat Goethe Anerkennung gefunden. Am 22. März 1832 stirbt er im Alter von 82 Jahren in Weimar, das durch ihn, so Marcel Reich-Ranicki,  zu einem „Wallfahrtsort der europäischen Intellektuellen“ geworden ist.  

Mehr als 3000 Gedichte schreibt Goethe im Laufe  seines Lebens, in welche viel aus seinen persönlichen Erlebnissen eingeht. Von der Jugend bis ins hohe Alter. „Die schönste Lyrik der Welt“, schwärmt Marcel Reich-Ranicki. Weniger bekannt ist allerdings, wie enthusiastisch Johann Wolfgang von Goethe zeichnet und aquarelliert, welch umfangreiches Oeuvre, erhalten sind  etwa 2600 Werke, er hinterlassen hat. Sein ganzes aktives Leben lang sucht er sich in diesem Metier zu vervollkommnen.

In Bilder gefasste Poesie

Mit Goethes Lyrik begibt sich nun der Maler Hans-Jürgen Gaudeck auf Wanderung, um aus diesen  eigene Bilder zu schöpfen. „So machte ich mich durch Feld und Wald auf den Weg, ließ mich durch die Weite des Meers verführen und gab mich Goethes naturbezogenen Gedichten hin, meine Poesie in Bilder zu fassen“, ist in seinem Nachwort zu lesen. Gestaltet ist das  Buch in der für Gaudeck typischen Weise: Auf der linken  Seite findet sich das Aquarell, rechts das Gedicht.

Goethes Lyrik ist Erlebnis- und Gelegenheitsdichtung, dem Augenblick, der sinnlichen Erfahrung entsprießend. Dasjenige, was ihn  erfreute, quälte oder sonst beschäftigte, habe er bereits früh in ein Bild, ein Gedicht  verwandelt, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, bekennt Goethe.  

Natur und Eros gehen in seinem Dichten eine enge Beziehung ein, betont Gaudeck. Charlotte Buff, Lili Schönemann, Charlotte von Stein, Minchen Herzlieb, Marianne von Willemer und Ulrike von Leventzow sind die Frauen, deren Lebenswege sich mit dem Goethes berühren.  „Die Liebe gibt mir alles, und wo die nicht ist, dresch ich Stroh“, schreibt er an seine Seelenfreundin Charlotte von Stein. Und: Jedes Gedicht sei wie ein Kuss, sagt der Dichter.

Das erste Gedicht im Band besingt den frühen Frühling. „Tage der Wonne, / Kommt ihr so bald? / Schenkt mir die Sonne, / Hügel und Wald?, bekundet das lyrische Ich  eindringlich seine Freude angesichts der erwachenden Natur. Lieder voll charmanter Leichtigkeit, vollendetem Formgefühl und feinster sprachlicher Musikalität. Im wundervollen „Mailied“ singt die Natur selbst: „Wie glänzt die Sonne! / Wie lacht die Flur! / Es dringen Blüten / Aus jedem Zweig / Und tausend Stimmen / Aus dem Gesträuch. / Und Freud' und Wonne / Aus jeder Brust. / O Erd', o Sonne! / O Glück, o Lust! / O Lieb', o Liebe!“ Und das  lyrische Ich jubelt vor Glück: „O Mädchen, Mädchen, / Wie lieb ich dich!“

Mehr als bloße Formen und Farben

Gemeint ist die Pfarrerstochter Friederike Brion aus dem elsässischen Sesenheim, welche Goethe  als "ein allerliebster Stern an diesem ländlichen Himmel" erscheint. Während das Gedicht „Herbstgefühl“ in einem Naturbild die schmerzliche Trennung von seiner Verlobten Lily Schönemann zeigt, als er nach Weimar aufbricht. „Die erste, die ich tief und wahrhaft liebte“.

„Der Musensohn“ streift unbeschwert durch „Feld und Wald“. Kaum erwarten kann er die „erste Blum´ im Garten“, die „erste Blüt´ am Baum“, die bei Goethe Symbole sind. Im sinnlichen Erleben der Natur zeigt sich Goethes pantheistische Naturfrömmigkeit, die das Göttliche in der Natur empfinden lässt. „Die Welt ist schön! So schön! Wer´s genießen könnte“, schreibt Goethe als junger Straßburger Student aus Sesenheim.

„Mit einem gemalten Bande“ beschwört er „kleine Blumen“ und „kleine Blätter“, welche die Angebetete schmücken sollen. Das  Blümchen in „Ich ging im Walde so für mich hin“ meint Christiane Vulpius, seine „kleine Freundin“, sein „kleines Naturwesen“, mit der er achtzehn Jahre lang in „wilder Ehe“ lebt, bevor er sie 1806 heiratet.

Als Hatem und Suleika führen der 65 jährige  Goethe und die vierzig Jahre jüngere Marianne von Willemer, seine „liebe Kleine“ poetische Liebesgespräche. „Dir mit Wohlgeruch zu kosen, / Deine Freuden zu erhöh'n, / Knospend müssen tausend Rosen. / Erst in Gluten untergeh'n“,  so Goethe im  Gedicht „An Suleika“. Als einzige der Frauen, die den Dichter inspiriert haben, antwortet sie in ebenbürtigen Strophen. 

 Goethes Interesse  an Farbphänomen, das  bis in die Kindheit zurückgeht, zeigt sich in dem Gedicht „Die Freuden“, 1827 verfasst. „Bald rot und blau, bald blau und grün.“ Die wechselnden Farben der Libelle, des „Wasserpapillons“, betrachtet das lyrische Ich, um festzustellen: „Und seh ein traurig dunkles Blau.“  Goethes Farbenlehre schwingt hier mit, erfasst diese doch die  Wirkung von Farben auf die menschliche Seele. Anschauung und Denken verbinden sich zu einer symbolischen Betrachtung einer Naturerscheinung.  

Eine durchseelte Welt

„An den Mond“ thematisiert den Verlust von Liebe und Freundschaft, „Gesang der Geister über den Wassern“ das menschliche Dasein, beide Gedichte sind inspiriert durch Naturschauspiele. Während in den Kickelhahnversen „Über allen Gipfeln ist Ruh, In allen Wipfeln  Spürest du kaum einen Hauch“ Abendstimmung und Ruhe in eine schlichte durchseelte Sprache gegossen sind.

Die Wahrnehmung der Welt, Freude und Leid gewinnen in den Gedichten ihre lyrische Gestalt. Immer wieder fordert der Dichter auf, die Gegenwart wertzuschätzen. Das Gedicht „Sag´ ich´s euch, geliebte Bäume“, enthält auch eine Einladung an den Leser: „Neue Freude jeden Tag; Nur daß ich sie dichte, dichte; Dicht bei ihr genießen mag.“ Leitmotivartig folgen Goethes Gedichte einer heiteren Lebenslinie, der Freude am Dasein. Sich nicht „wohlgemut“ zu zeigen, sei Undankbarkeit gegenüber der Natur.  

Fabelhaft spiegeln die zarten Aquarelle Hans-Jürgen Gaudecks den  Zauber von  Goethes naturbezogenen Gedichten. Leicht und durchscheinend wirken die Illustrationen, wunderbar den Ton der Lyrik treffend. Schemenhafte Figuren verschmelzen mit der Natur, Blumen, Bäume sind auf das Wesentliche reduziert. Dunkle kalte wie lichte warme Farben spielen mit Nähe und Ferne. Die Blautöne des Wassers, des Himmels, der ziehenden Wolken, die Grün-, Rot-, Gelb-, Brauntöne der Landschaften, der Wälder, der Blumen empfinden Sinneseindrücke wie Stimmungen von  Goethes Versen nach.  Die Kühle eines Märztages,  das zarte lichtdurchflutete Grün des Waldes im Frühling, das Spiel der Farben in der Natur mit  all ihren Nuancen. Gemalte Poesie!

Ein Band zum Lesen, Schauen und Träumen.

 

Johann Wolfgang von Goethe

"Es dringen Blüten aus jedem Zweig."

Illustriert von Hans-Jürgen Gaudeck

Steffen Verlag  Berlin 2020.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal