Hans Joachim Schädlich: "Felix und Felka"

Momentbilder einer Flucht

In  Hans Joachim Schädlichs neuer Prosaarbeit  "Felix und Felka" stehen die letzten Lebensjahre des in Auschwitz ermordeten Künstlerpaares Felix Nussbaum und Felka Platek  im Zentrum des Geschehens.  Die Geschichte beginnt im Mai 1933 in der Villa Massimo in Rom, in der sich  Felix Nussbaum mit seiner späteren Ehefrau Felka aufhält, da er ein Stipendium erhalten hat. Mit dabei auch Arno Breker, der künftige Hofkünstler Hitlers. Dort begegnet Nussbaum dem Maler Hanns Hubertus Graf von Merveldt, ebenfalls ein Stipendiat, der ihm vorwirft, eine Bildidee gestohlen zu haben, und ihn deshalb niederschlägt.  Der Vorfall kostet beide das Stipendium.

Für den  1904 in Osnabrück geborenen Felix und die aus Warschau stammende Felka Platek, beide jüdischer Herkunft,  beginnt nun eine Odyssee durch Europa, denn sie können zu diesem Zeitpunkt wegen der Judenverfolgung nicht mehr in das Deutschland Hitlers zurück.  1932 bereits wird in Nussbaums Atelier Feuer gelegt, sodass er einen Großteil seiner Werke verliert. Die folgenden Stationen: Italien, Frankreich, 1935 schließlich Belgien, wo sie sich länger niederlassen, immer nur mit befristeten Aufenthaltsgenehmigungen. "Ein Leben aus den Koffern."

Nach Palästina oder in die Vereinigten Staaten zu emigrieren, kommt nicht in Frage. Amerika ist ihnen „ein bisschen zu weit“, in  Palästina  sind sie als Künstler unbekannt. Einmontierte authentische Briefe des Künstlers  an seine amerikanischen Mäzene berichten davon. Zu verbunden fühlen sich die Beiden auch der europäischen Kultur, zu groß ist die Furcht vor dem Ungewissen. Obwohl sie um die Gefahr wissen. Dazu die irrationale Hoffnung, dass alles nicht so schlimm kommen würde. Auch die Eltern Nussbaums kehren aus dem Schweizer Exil nach Deutschland zurück. Der zeitbedingt darüberstehende Leser kennt die Folgen solcher Fehlentscheidungen.

„Potentiell feindliche Ausländer“  

Vom deutschen Kunstbetrieb abgeschnitten, sodass kaum etwas zu verkaufen ist, bewegen sich die Nussbaums im Exil dennoch in Künstlerkreisen, zum Beispiel pflegen sie Kontakt zu dem berühmten Maler James Ensor,  wie Felix Nussbaum stolz erklärt.  Dazu kommen finanzielle Schwierigkeiten und die Sorge um seine in  Köln lebenden Eltern.

Ab Mai 1940  nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht deportieren die belgischen  Behörden  tausende vor den Nationalsozialisten geflohene Deutsche oder Österreicher - meist Juden oder politisch Verfolgte - nach Frankreich ins Internierungslager Saint Cyprien nahe der spanischen Grenze. „Potentiell feindliche Ausländer“.  Darunter  Felix Nussbaum,  die Schriftsteller Walter Mehring, Abel Paz und Alfred Kantorowicz, deren Äußerungen über das  Lager Hans Joachim Schädlich in den Text einfügt. „Bin hinter Draht, im Sandgerölle, / Genannt: ‚Die Pyrenäenhölle‘“, schreibt  zum Beispiel Walter Mehring.

Am 31. Oktober 1940  wird das Lager aufgelöst, die Gefangenen verlegt in das Internierungslager Gurs.  Der Auslieferung an die Deutschen entgeht  Felix Nussbaum durch Flucht. Zusammen mit Felka taucht er in Brüssel unter, von Freunden, Bekannten unterstützt. Helfer wie Opfer schweben allerdings in permanenter Gefahr, da  die Gestapo Jagd auf Juden macht. Deren Lage verschlechtert sich zunehmend:  Sie müssen den gelben Stern tragen und werden schließlich deportiert.

In einem Interview (Deutschlandfunk Kultur)  erklärt Hans Joachim Schädlich, wie er dazu gekommen ist, sich mit dem Künstler Felix Nussbaum zu beschäftigen.

Unmittelbarer Anstoß sei eine Gedenktafel an einem Haus in seiner Nachbarschaft gewesen. Auf dieser steht: "In dem Haus, das früher hier stand, lebte und arbeitete von 1928 bis 1932 Felix Nussbaum. 1904 - 1944, Maler, ermordet in Auschwitz."

Für den Autor eine einzige Anklage gegen die nationalsozialistische Barbarei. Ohne dass er dies in seinem Buch explizit ausdrückt. Auch eine Klage gegen den zunehmenden Antisemitismus und antijüdische Hetze in der deutschen Gegenwart.

Trümmer abendländischer Kultur und Zivilisation

In einem  Anhang führt Schädlich die zahlreichen Dokumente an, welche er für das Prosastück - der Text ist ohne Gattungsbenennung - durchgearbeitet hat. Das Material wird extrem reduziert und verdichtet auf das für den Autor Relevante, wie er in dem Interview erläutert. Alles  Überflüssige schließe er  aus, um Leerstellen zu schaffen, welche der Leser sich ausmalen solle. Knappste Szenen entstehen, dazu ebenso knappe erzählende Teile, die einführen oder den Kontext erhellen. Durch Schädlichs karge eindringliche Sprache wird die existenzielle Angst der Verfolgten spürbar.

Es gehe ihm nicht um eine kunsthistorische Darstellung, betont der Schriftsteller, vielmehr wolle  er vermitteln, wie im Alltag Bedrohung und  Grauen das Leben beherrschen.  Kurz vor der Deportation phantasiert Felix Nussbaum im Fiebertraum von der "großen Ausstellung", von seinen frühen Landschaftsbildern bis zu den späten Selbstbildnissen. "Im Totenhemd",  "Mit Judenpass",  "Triumph des Todes".  Kunstwerke, welche in die Geschichtsbücher eingehen werden, in welchen sich sein Leben als Künstler, seine Sehnsucht, seine Todesangst  verdichten. In dem  "Chaos der Trümmer abendländischer Kultur und Zivilisation."  Wiederholt heißt es im Traum: "Nur fort aus Europa!"  Schwitzend und zitternd erwacht Felix. Am 31. Juli 1944 verlässt der 26. Transport mit 563 Personen  das SS-Sammellager Mechelen und erreicht Auschwitz am 2. August. Darunter  Felix und Felka.

Am Ende in einem "Memento" dokumentiert Hans Joachim Schädlich, dass  auch die ganze Familie des Künstlerpaares ermordet worden ist.  Ein ergreifendes Buch, welches einem nicht mehr los lässt.

 

Hans Joachim Schädlich:

 Felix und Felka. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018. 204 Seiten. 

Auch als  E-Book erhältlich

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Aalener Kulturjournal