Hans Pleschinskis Roman über Gerhart Hauptmann: "Wiesenstein"

Aus dem Leben eines Dichters

In seinem neuen Roman "Wiesenstein" erzählt Hans Pleschinski auf über 500 Seiten von Gerhart Hauptmanns letzten beiden Lebensjahren vom Februar 1945 bis zu dessen Tod am 6. Juni 1946. Zu Lebzeiten ist der Nobelpreisträger von 1912  der bekannteste Dichter Deutschlands. Im Kaiserreich abgestempelt - die "ganze Richtung" passt nicht - repräsentiert er nach 1918 die bürgerliche Republik. Anschließend von der NS-Kulturpolitik umworben, hisst er auf seinem Haus in Hiddeensee die Hakenkreuzfahne.

Vom 13. zum 14. Februar 1945  fällt Dresden bei den Luftangriffen in Schutt und Asche. Die Renaissance- und Barockbauten im Zentrum werden größtenteils zerstört. Rund 25.000 Menschen kommen ums Leben. "Und überall in Europa, bei anderen Völkern dasselbe. Leichen düngten den Boden. Dazu die immer deutlicheren Gerüchte, die zu Wahrheiten wurden, über Zehntausende … höhere Zahlen mochte man nicht hören … von Ermordeten."

Im März 1945 reisen Gerhart Hauptmann, seine Frau Margarete, begleitet von der Sekretärin Annie Pollak und dem desertierten Wehrmachtsmasseur Paul Metzkow, der den todkranken "berühmten Greis" betreut, "mit Sondergenehmigung der Gauleitung" aus einem Dresdner Sanatorium zurück nach Schlesien. Im Glauben, das Leben könne weitergehen wie gewohnt. Der Zug fährt durch eine Welt im Untergang. Die Rote Armee stößt immer weiter nach Westen vor. Ostpreußen ein "Blutacker". In ausführlichen Dialogen, welche zumeist auf authentischen Dokumenten beruhen, wird das Leben des deutschen Großdichters des frühen 20. Jahrhunderts aufgeblättert. Ein brillanter Kunstgriff, ermöglicht Pleschinski doch auf diese Weise Einblick in Hauptmanns vielgestaltiges, höchst umfangreiches Schaffen. Titel werden genannt, Inhalte gestreift. Gedichte, seitenlange Zitate, Reflexionen eingestreut. Wie auch der ganze Roman auf gründlichsten Recherchearbeiten des Autors basiert.

 

Der schlesische Shakespeare

 

Geboren als Sohn eines Gastwirts will Hauptmann zunächst Bildhauer werden, wird dann als Schriftsteller zum wichtigsten Vertreter des deutschen  Naturalismus. Der Autor von Dramen wie „Die Weber“, „Der Biberpelz“, „Die Ratten“, „Rose Bernd“ oder der Novelle „Bahnwärter Thiel“ ist viel geehrt und viel geschmäht je nach weltanschaulichem Standpunkt. Hauptmann selbst sieht sich als Goethe- und Büchner-Epigone, inszeniert sich als Goethe, diktiert wie dieser auf- und abschreitend seine Texte, wird zum Nationaldichter; die Ähnlichkeit seiner weißen wehenden Haarpracht mit der des Weimarer Dichterfürsten ist frappierend, worauf Pleschinski gerne anspielt.

Seine sozialen Dramen wie die erste Ehe mit einer begüterten Erbin machen den "schlesischen Shakespeare" so reich, dass er in der "Villa Wiesenstein", seinem luxuriösen "Dichterdomizil", wie ein Aristokrat leben kann. Die Crème des Kulturbetriebs versammelt sich in dort: Alma Mahler, Franz Werfel, der Verleger Bermann Fischer, die Feuchtwangers, die Zuckmayers und viele andere, deren Leben durch die Nationalsozialisten zerstört wird.  Nun sind bei den Hauptmanns die NS-Größen zu Gast, darunter schon mal Hans Frank, der  "Generalgouverneur von Polen", der "Schlächter von Warschau", um "kulturell-geistig zu kuren."

Hauptmann profitiert von dem NS-Regime, passt sich während seines langen Lebens wiederholt neuen Strömungen an. Wie er, um nicht abseits zu stehen, um seine Einkünfte zu sichern, jeder Regierung gefolgt wäre. "Vertrauen wir! Stören wir und komplizieren wir nicht", so Hauptmanns Haltung. Nach Ende des Hitlerismus steht Hauptmann unter der Schutz der Sowjets, die ihm das Recht in seiner Villa zu bleiben zusichern,  sehen sie in ihm doch in erster Linie  den Dichter revolutionärer Dramen. Anfang 1946  sucht auch Johannes R. Becher, Kulturfunktionär der sowjetischen Besatzungszone und späterer  DDR-Kulturminister, Hauptmann auf. Bevor Gerhart Hauptmann die Villa Wiesenstein" verlassen müsste, da Polen auf seiner Ausreise besteht, stirbt dieser.

 

Der Opportunist

 

Gerhart Hauptmann ist kein klassischer Nationalsozialist, sondern ein Opportunist, der jedoch das Dritte Reich mit Enthusiasmus als  Nationaldichter repräsentiert, schwärmerische Verse über Hitler verfasst, dessen "Mein Kampf" zur Bibel des Deutschtums erklärt. "Der Führer kennt meine Achtung vor seiner gewaltigen, schicksalhaften Persönlichkeit", bekennt er noch  ein halbes Jahr vor Kriegsende.

Zwar ab und an mit schlechtem Gewissen den jüdischen Freunden gegenüber, was  aber rasch ausgeblendet wird. "Ich muss endlich diese sentimentale 'Judenfrage' für mich ganz abtun" , so 1938 in Hauptmanns Tagebuch. "Es stehen wichtigere, höhere deutsche Dinge auf dem Spiel." Weder verurteilt noch spricht Pleschinski Hauptmann schuldig, stattdessen entlarvt er klaräugig dessen Motivlage: "Auf das Großspurige, Schäbige, den Hass hatte er sich eingelassen. Nun das Inferno." 

Die "kleinen Leute", Heimat und Volk, mit zunehmendem Alter das "Tiefe" und "Mystische" sind Hauptmanns Themen. Berührungspunkte  mit der NS-Ideologie. Das NS-Regime sei das "Reich der kleinen Leute" gewesen - und jener Intellektuellen, die beschlossen hätten, ihren Klassendünkel aufzugeben, stellt der Historiker Götz Aly fest.

Mit seinem Antipoden Thomas Mann verbindet  Hauptmann eine wechselvolle Beziehung, Bekannt, zerstritten, hat der ihn doch im „Zauberberg“ (1924) als schwadronierenden Mystiker und Kaffeepflanzer Mynheer Peeperkorn parodiert. Wieder befreundet, kommt es nach der Machtergreifung durch die Faschisten zum endgültigen Bruch aufgrund weltanschaulicher Differenzen. Manns brillanter eleganter Stil, seine Intellektualität, seine Kritikfähigkeit gelten als "undeutsch". Bereits 1936 wird Thomas Mann ausgebürgert, emigriert 1938 in die Vereinigten Staaten. "Man ist nicht deutsch, indem man völkisch ist", äußert sich Thomas Mann regimekritisch. November 1941 bis zum Kriegsende, produziert vom britischen BBC, spricht er in einer eigenen antinazistischen Rundfunk-Sendereihe zur deutschen Bevölkerung  über Humanität, Menschenwürde und Freiheit. Dafür erntet er  selbst nach Kriegsende viel Hass.

 

Mahnung an eine geschichtsvergessene Gegenwart

 

In der zweiten Hälfte weitet sich die Thematik des exzellenten Romans; der Krieg im Osten, besonders in Schlesien, nimmt nun einen beherrschenden Raum ein. Das Kriegsende naht. Die von der Sowjetarmee eroberten Gebiete sind zur Plünderung freigegeben. Chaos, Verwüstungen. Raub, Mord, Vergewaltigungen, Selbstmorde, "allein, als Paar, ganze Familien". Marodierende Banden, Überlebende der Konzentrationslager, dem Tod näher als dem Leben, Entwurzelte in einem gewaltigen Menschenstrom aus dem Osten. Gefangene werden auf beiden Seiten nicht mehr gemacht, der Boden mit Leichen gedüngt. "Wir sind doch nunmehr gantz, ja mehr denn gantz verheeret … Die Türme stehn in Glutt .. Die Frauen sind geschänd´t". Die Kriegsklage  "Thränen des Vaterlandes / Anno 1636", des schlesischen Barockdichters Gryphius, das wohl  bekannteste deutsche Gedicht des 17. Jahrhunderts, wird von Pleschinski wiederholt zitiert. Die Gräuel des Dreißigjährigen Kriegs verbinden sich mit denen des Zweiten Weltkriegs. Rache als ein wichtiges Motiv für die barbarischen Gewaltexzesse. Ausführlich und drastisch beschrieben, sprachlich mit enormer Kraft. Die apokalyptischen Reiter, die Nazi-Deutschland ausgesandt hat, kehren zurück. Dass die Vernichtungskriege von Deutschland ausgegangen sind, vergisst Pleschinski nie: "Mit Hurra in den Krieg. Nun zu spät die Reue." Was sich auch als Mahnung an unsere geschichtsvergessene Gegenwart lesen lässt, in der doch wieder so leicht das Wort "Krieg" von den Lippen geht. Scheinen doch die Lehren in Vergessenheit zu geraten; dabei sind sie aktueller denn je.

Das Romanpersonal neben Hauptmann und seiner Frau Margarete, Sekretärin, Masseur Köchin, Gärtner und andere, sind historisch verbürgt. In einem knappen Epilog berichtet
Hans Pleschinski vom Schicksal der Überlebenden nach Kriegsende.

Bis 1997 ist in der  "Villa Wiesenstein" im niederschlesischen Agnetendorf, heute Jagniatkow,  ein Kindererholungsheim untergebracht. Nach der politischen Wende wird das  Haus in ein Museum und Kulturzentrum umgestaltet, in welchem jedes Jahr im November Hauptmanns Geburtstag gefeiert wird. 


Hans Pleschinski:
"Wiesenstein".
Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2018. 552 S., geb., 24,-  

 

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Aalener Kulturjournal