Heinrich Böll:  "Der Panzer zielte auf Kafka"

Freiheit bleibt unteilbar - ohne Wenn und Aber

Am 20. August 1968 besetzen Truppen des Warschauer Paktes die damalige Tschechoslowakei, bereiten dem "Prager Frühling" ein gewaltsames Ende. Prag befindet sich im  Ausnahmezustand: Russische Panzer rollen durch die Straßen der Stadt, Schüsse fallen, die wichtigsten Plätze werden besetzt. Der Traum vom eigenen Weg - von einem  "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" - zerplatzt. Über 20 Jahre lang sollte die Eiszeit dauern.

In Prag befinden sich an diesem Tag Heinrich Böll, seine Ehefrau Annemarie und Sohn  René  auf Einladung des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes. Der Grund: Böll, der während des "Prager Frühlings" linksliberale Intellektuelle, welche von Anfang an eine besondere Rolle bei den Reformbestrebungen einnehmen, unterstützt, sollte sich an Ort und Stelle ein Bild machen. Forderungen sind demokratische Reformen, getragen auch von der Kommunistischen Partei (KSC) in der Tschechoslowakei, unterstützt von breiten Teilen der Bevölkerung. Grundrechte wie Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sollten garantiert, andere Parteien zugelassen, die  Planwirtschaft gelockert, politisch Verurteilte freigelassen werden.  In einem aufschlussreichen Essay erläutert der Historiker Martin Schulze Wessel die Vorgeschichte des "Prager Frühlings".

Moskau und seine Trabanten fürchten bald, dass andere Ostblockstaaten erfasst werden könnten, sehen hierin einen konterrevolutionären Angriff.

Zum 50. Jahrestag der Niederschlagung des "Prager Frühlings" erinnert nun ein Band mit dem Titel  "Der Panzer zielte auf Kafka" an das Geschehen. Herausgegeben von Bölls Sohn René. Der Schriftsteller Heinrich Böll  ist damals vor Günter Grass der meistgelesene  deutsche Nachkriegsautor in In- und Ausland, der sowohl die deutsche Literatur wie auch ein neues Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg repräsentiert. Unermüdlich engagiert er sich für Freiheit und Menschenrechte, gegen Krieg und Tyrannei, genießt großes internationales Ansehen, gilt als moralische Instanz. Auch im Ostblock.  

 

"Mittwoch, 21.8.1968 Prag. Einmarsch der Russen! – um 7 von B. Czernitz geweckt, der vor der Zimmertür rief ,wir sind besetzt‘ ... völlig verstört auf ... die ersten Schüsse am Wenzelsplatz, die wir hörten“, ist in Bölls Notizheft zu lesen.

 

Vier Tage lang ist er Augenzeuge des Einmarschs in die CSSR.  Trotz der Gefahr gehen Böll und sein Sohn René, dessen in dem Band abgedruckten  Photos eindrucksvoll das Geschehen dokumentieren, auf die Straße. Ein Panzer bezieht vor Kafkas Geburtshaus Stellung,  das Rohr auf die Kafka-Büste gerichtet. Unbewaffnete Menschen stellen sich den Panzern entgegen, rufen "Gestapo!"  oder "Dubcek, Dubcek, Svoboda!", die Leitfiguren des "Prager Frühlings".  Zwei Tage später folgt ein  Generalstreik im ganzen Land gegen die Okkupation. In Prag werden Straßennamen, Hausnummern entfernt, um eine Orientierung unmöglich zu machen. Ein permanenter geschlossener Widerstand durch alle Bevölkerungsschichten hindurch, notiert Böll bewegt.

 „Es war dies die moralische Bankrotterklärung des zentral von Moskau aus gelenkten Sozialismus“, erklärt Böll in einem Interview (24.August 1968) mit der Prager Reform-Zeitschrift „Literární Listy“.

Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik berichtet der Schriftsteller  beharrlich über die Ereignisse, wie den tschechischen Kollegen versprochen, gibt zahlreiche Interviews in Zeitungen, Radio und Fernsehen. Einige sind im Band nachzulesen. Dazu bislang unveröffentlichte Aufzeichnungen Bölls, welche immer wieder dessen Betroffenheit spiegeln. Wie er auch eindeutig die moralische Dimension der Okkupation betont, vom "Bösen" des Vorgangs, vom imperialistischen Machtmissbrauch der Mächtigen spricht.

Sakral überhöht gar wird seine Wortwahl, wenn er das Verhalten der Überfallenen charakterisiert: "Der stolze heilige demokratische Widerstand." Bei Böll keine hohlen Phrasen, sondern Ausdruck einer zutiefst aufrichtigen Haltung.

Der "Prager Frühlings" ist  das "1968" des Ostens. Allerdings bekennen sich die Studenten des Prager Frühlings im Unterschied zu den westlichen Studentenbewegungen zu den liberalen Werten wie Verfassung- und Gewaltenteilung. Eine "Radikalisierung der Mitte", so Martin Schulze Wessel. Rudi Dutschke,  der in den Sechzigerjahren in West Deutschland die Studentenproteste anführt, spricht in Prag zu tschechischen Kommilitonen. Die repräsentative Demokratie westlichen Musters sei keine Alternative zur Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei, erklärt der Aktivist mit deutscher Besserwisserei denjenigen, welche  den real existierenden Kommunismus  erdulden müssen. In deren Ohren wohl so dogmatisch klingend wie KP-Phrasen.

Zwar verurteilt die westdeutsche Linke, die von der Weltrevolution phantasiert,  die russischen Panzer, aber sobald die Prager wissen lassen, an einer neuen Art von Sozialismus kein Interesse zu haben, ist es  sofort aus mit den Sympathien.

Heinrich Böll hingegen, ein Mensch ohne ideologische Scheuklappen, verschließt vor der Wirklichkeit nicht die Augen. "Wir Autoren", so Bölls Selbstverständnis, "sind die geborenen Einmischer."

Auch nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings" unterstützt Heinrich Böll, wie Jochen Schubert, Böll-Biograf und Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, schreibt, die tschechoslowakischen Bürgerrechtler, hilft Verfolgten. Für Böll bleibt die Freiheit unteilbar - ohne Wenn und Aber. 1917 geboren hat Böll selbst  erlebt, wie zerbrechlich die bürgerliche Ordnung und somit die Freiheit sein kann. "Wo er Verfolgung witterte, da war er zur Stelle, und er verwaltete dieses Amt so leidenschaftlich, dass er seine Gegner provozierend, bisweilen selbst zu einem Verfolgten wurde", würdigt  Marcel Reich-Ranicki den Schriftsteller im Nachruf 1985.

Schwarzweißfotografien,  Abdrucke aus Bölls Notizbuch, aus Prager Zeitungen, von Flugblättern illustrieren jene Tage im August 1968.  Ausführliche Anmerkungen erklären historische Zusammenhänge. Die Essays Martin Schulze Wessels und Jochen Schuberts beleuchten den  "Prager Frühling" auf unterschiedliche Weise.

 

Nicht nur für Böll-Fans ein wichtiges Buch, welches deutlich werden lässt, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist.

 

Heinrich Böll: Der Panzer zielte auf Kafka

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018

220 Seiten, 20 Euro

 

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Aalener Kulturjournal