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Heinrich Böll als Lyriker entdecken

"Ein Jahr hat keine Zeit"

Heinrich Böll, der meistgelesene Schriftsteller der deutschen Nachkriegsautor im In- und Ausland, repräsentiere, so  Marcel Reich Ranicki, die deutsche Literatur der Gegenwart und zugleich ein neues Deutschland. Unermüdlich habe er gegen Krieg, Unterdrückung  und Tyrannei  gesprochen - und sei gehört in der ganzen Welt worden. " Bis zu seinem Tod bleibt der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll (1917-1985), der in erster Linie durch seine Romane wie  „Ansichten eines Clowns“, „Gruppenbild mit Dame“ und „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ bekannt ist, ein streitbarer Humanist, ein Mensch ohne ideologische Scheuklappen.  "Wir Autoren", so Bölls Selbstverständnis, "sind die geborenen Einmischer."

Weniger bekannt ist, dass Heinrich Böll  kontinuierlich auch Lyrik schreibt.

Jahrzehnte nach seinem Tod erscheint nun ein schmaler Band mit dem Titel „Ein Jahr hat keine Zeit“, in welchem 70 Gedichte,  darunter sechs Erstveröffentlichungen, aus den Jahren 1936 bis 1985 zusammengetragen sind. Die Sammlung ist chronologisch geordnet, sodass die Entwicklung sichtbar wird. Herausgegeben von  René Böll, Gabriele Ewenz und dem  Böll-Biograph Jochen Schubert. Die beiden letzteren steuern im Anhang aufschlussreiche Erläuterungen zu den Gedichten bei.

Schon die  ersten lyrischen  Gehversuche des Kölner Primaners Heinrich Böll aus dem Jahr 1936 offenbaren dessen  literarische Lebensthemen. So zum Beispiel seine Abneigung gegen Militarismus, Faschismus wie seine Sympathie für Menschen am Rand der Gesellschaft.

Geboren ist Böll in Köln. Der gläubige Katholik hadert zeitlebens, auch in den Gedichten, mit der erstarrten Institution Kirche. Nach dem Abitur beginnt er eine Lehre im Buchhandel, die er bald abbricht, um das  Studium der Germanistik und klassischen Philosophie aufzunehmen.

 

1938 wird Heinrich Böll zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, im selben Jahr klagt er im „Leutnant“: „Nun ist er wieder da, /der arme Idiot, / mit Uniform und Haut und Haar/Fast zwanzig Jahre schien er tot“. Dann bricht 1939 der  Zweite Weltkrieg aus: Böll wird im Herbst zur Wehrmacht eingezogen, kehrt 1945 als überzeugter Kriegsgegner in das zerstörte Köln zurück, wo er sein Studium wieder aufnimmt. Bölls sprachmächtiger „Köln“- Zyklus findet sich im Band, welcher die Geschichte der Stadt, in der er nahezu sein ganzes Leben verbringt, zu der er ein ambivalentes Verhältnis pflegt, beleuchtet. Die Gedichte thematisieren die Ursprünge in heidnisch-römischer Zeit, die christliche Kultur. In „Köln III“  (1972), ein „Spaziergang“, prangert Böll die zerstörerische profitorientierte Bauwut nach dem Zweiten Weltkrieg an: „Die Stadt / in freudloser Sonne / verödet“/wieder mal aufgewühlt /im dreißigjährigen Krieg/der Bauplaner“.

 „Es gibt wohl nichts, wovon ich so sehr abhängig bin, was meine Gefühle und Stimmungen so plötzlich und grundlegend bestimmen kann, wie Musik. Ich bin ihr gleich verfallen“, bekennt Heinrich Böll, wovon das Gedicht „Beethoven“ (1937) kündet. Seine Liebe zur Musik zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. In dem magischen Gedicht „Phantasie“ (1937) wachsen in dunklen Nächten tausend düstre Blumen. „Die Klänge werden süß und zart / wie verbotene Früchte / sie werden rein wie kindliches Gebet / Und Farben, Blumen und Melodeien / verneigen sich vor dem / der über dem Gewässer steht“.

 

Ab 1947 ist Heinrich Böll als freier Schriftsteller tätig, veröffentlicht Romane, Erzählungen, Hör- und Fernsehspiele sowie Theaterstücke, welche ein halbes Jahrhundert deutsche Geschichte thematisieren, während seine Frau Annemarie die Familie ernährt. 1970 bis 72 als Präsident des deutschen PEN-Zentrums, 1971 bis 1974 des Internationalen PEN setzt sich Heinrich Böll für Minderheiten und vor allem für verfolgte Schriftsteller im Ostblock ein.  Freunden, künstlerisch und politisch Nahestehenden widmet Böll Gedichte. Zum Beispiel für den 1974 aus der UdSSR ausgewiesenen Alexander Solschenizyn das Poem „Für Alexander S, zum 65. Geburtstag“ (1983), „Für Peter Huchel“ (1968)  zu dessen 65. Geburtstag. Böll engagiert sich für den in der DDR geächteten Dichter, kämpft erfolgreich für dessen Ausreise in den Westen. Mit dem russischen Germanisten Lew Kopelew, den er 1962 während seiner ersten Reise in die Sowjetunion  kennenlernt, verbindet ihn eine tiefe Freundschaft.  Auch Gedichte für Heißenbüttel, Beuys, HAP Grieshaber, Ernesto Cardenal, Karl Krolow finden sich in der Sammlung.

 

Im schwäbischen Mutlangen,  mit dabei sind die Politiker Oskar Lafontaine, Erhard Eppler, die Grünen-Gründerin Petra Kelly, der Liedermacher Wolf Biermann, der Kabarettist Dieter Hildebrandt, der Theologe Helmut Gollwitzer, nimmt der bereits erkrankte Heinrich Böll am 1. September 1983 an Protestaktionen gegen die Stationierung von Atomraketen  teil. Das Gedicht „Mutlangen“ erzählt davon.

"Wo er Verfolgung witterte, da war er zur Stelle, und er verwaltete dieses Amt so leidenschaftlich“, würdigt  Marcel Reich-Ranicki 1985 den verstorbenen Schriftsteller, „dass er seine Gegner provozierend, bisweilen selbst zu einem Verfolgten wurde.“  So pflegen die Gedichte aus  Bölls Feder  keine Innenschau, sondern sind immer eng verflochten mit der Zeitgeschichte. Nah dem erzählerischen Werk  und dennoch eigenständig. Eine erstklassige Möglichkeit, um den Autor, um den es leider recht still geworden ist, neu kennenzulernen.

 

Heinrich Böll

Ein Jahr hat keine Zeit

Gedichte

Herausgegeber:  Böll, René; Schubert, Jochen; Ewenz, Gabriele

Verlag Kienheuer & Witsch

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Aalener Kulturjournal