Am 21. Dezember 2017 jährt  sich Heinrich Bölls hundertster Geburtstag. 

Das Gewissen der Nation

(AK) "Es war Krieg gewesen, sechs Jahre lang, wir kehrten heim aus diesem Krieg, wir fanden Trümmer und schrieben darüber. Merkwürdig, fast verdächtig war nur der vorwurfsvolle, fast gekränkte Ton, mit dem man sich dieser Bezeichnungen bediente: Man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, dass Krieg gewesen, dass alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, dass wir es gesehen hatten und sahen, aber wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es. Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers", lautet 1952 Heinrich Bölls Plädoyer für die Trümmerliteratur.

In Kurzgeschichten und Romanen thematisiert Heinrich Böll die Gräuel des Krieges,  erzählt vom  Alltag in der Nachkriegszeit, den Ehekrisen, dem Elend der Witwen. Seine Helden sind durchweg Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse, gezeichnet vom Krieg beziehungsweise dessen Folgen. Böll misstraut den Nazi-Überbleibseln hinter der Fassade der Wirtschaftswunderzeit. Was viele seiner Zeitgenossen nicht wissen wollen. Die Verbrechen der Vergangenheit werden ignoriert, angesagt sind stattdessen süßliche Heimatfilme. In einem Aufsatz über Wolfgang Borchert, dem Böll sich geistesverwandt fühlt, schreibt er, dass  Literatur einen Beitrag leisten müsse zum notwendigen Heilungsprozess des schwer angeschlagenen Nachkriegsdeutschland. Der Einfluss von Nationalsozialismus und Krieg auf Gesellschaft und Kultur müsse offengelegt, Geschichte sichtbar gemacht werden.

 

Ein Roman wie ein Ereignis

 

Heinrich Böll repräsentiere, so  Marcel Reich Ranicki, die deutsche Literatur der Gegenwart und zugleich ein neues Deutschland. Unermüdlich habe er gegen Krieg, Unterdrückung  und Tyrannei  gesprochen - und sei gehört in der ganzen Welt worden. "So war er ein deutscher Dichter und noch ungleich mehr als ein Dichter."

Geboren ist Heinrich Böll in Köln, wächst in einfachen Verhältnissen auf. Nach dem Abitur beginnt er eine Lehre im Buchhandel, die er bald abbricht, um das  Studium der Germanistik und klassischen Philosophie aufzunehmen. 1939  zur Wehrmacht eingezogen, kehrt er 1945 als überzeugter Kriegsgegner in das zerstörte Köln zurück, wo er sein Studium wieder aufnimmt. Ab 1947 ist er als freier Schriftsteller tätig, veröffentlicht Romane, Erzählungen, Hör- und Fernsehspiele sowie Theaterstücke, während seine Frau Annemarie die Familie ernährt.

1949 erscheint seine erste längere Erzählung "Der Zug war pünktlich", kaum beachtet von der literarischen Öffentlichkeit. 1950 folgt sein auch heute noch erschütternder  Erzählband "Wanderer, kommst du nach Spa…", der erste größere Erfolg.  1951 erhält er den Preis der "Gruppe 47". Endgültig berühmt wird Böll mit dem Roman "Und sagte kein einziges Wort" (1953), welcher  Kritik übt an der bundesrepublikanischen Gesellschaft wie an der katholischen Amtskirche. Karl Korn, damals Mitherausgeber der FAZ, schreibt: "Der Roman darf ein Ereignis genannt werden, weil er […] die unmittelbare menschliche Not ehrlich und wahrhaftig ausspricht, nicht gescheit sein will, nur wahr, nichts als wahr, rücksichtslos wahr." Böll wird später aus der Kirche austreten, bleibt jedoch tief verwurzelt im Katholizismus und der katholischen Soziallehre.

 

Kritisch und engagiert

 

Der Roman "Billard um halb zehn" (1959)  thematisiert ein halbes Jahrhundert deutsche Geschichte am Beispiel der Architektenfamilie Fähmel,  die seit mehreren Generationen in Köln lebt, dort Stifte, Abteien und Kirchen gebaut hat. 1963 löst sein satirisches Buch "Ansichten eines Clowns" heftige Diskussionen aus über Moral und Lebensstil der bürgerlich-katholischen Gesellschaft. Weitere bekannte Werke: "Gruppenbild mit Dame" (1971), "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1974), "Frauen vor Flusslandschaft" (posthum, 1985).

1969 Heinrich Böll ist Mitbegründer des Verbandes deutscher Schriftsteller, 1971 bis 1974 Präsident des Internationalen PEN-Clubs.

Politisch bleibt Böll bis zu seinem Tod ein engagierter Schriftsteller, wird deshalb in den 1960er und 70er Jahren oft  "Gewissen der Nation" genannt. In jener Zeit unterstützt er die Außerparlamentarische Opposition, protestiert 1983 gegen die atomare Nachrüstung in Mutlangen auf der Schwäbischen Alb.

Vor allem setzt sich Böll für verfolgte Schriftsteller im Ostblock ein. Der 1974 aus der UdSSR ausgewiesene Alexander Solschenizyn ist zunächst Bölls Gast. Mit dem russischen Germanisten Lew Kopelew, den er 1962 während seiner ersten Reise in die Sowjetunion  kennenlernt, verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Bis zu Kopelews Ausreise nach Deutschland Ende 1980 korrespondieren beide regelmäßig. Durch Kopelew ist Böll informiert über die sowjetische Kulturpolitik und die Aktivitäten der Dissidenten.

 

Freiheit beginnt im Kopf

 

Vor Grass ist Heinrich Böll der meistgelesene deutsche Nachkriegsautor im In- und Ausland. Böll erhält zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Georg-Büchner-Preis (1967) und  die Carl-von-Ossietzky-Medaille (1974).  1972  wird er für seine Leistung mit dem  Literatur-Nobelpreis gewürdigt, "für sein Werk, das durch seine Verbindung von einem breitgefächerten Blick auf seine Zeit mit einem feinfühligen Geschick für Charakterzeichnung im Bereich der deutschen Literatur erneuernd gewirkt hat."

"Vieles von dem, was für den Nobelpreisträger Heinrich Böll zu den Bedingungen gehörte, unter denen er schrieb und in denen er lebte, hat sich seit seinem Tod im Jahr 1985 grundsätzlich gewandelt. Was aber Bölls Werk über die zeitbedingten Aspekte hinaus Bestand verleiht und zugleich im Mittelpunkt seiner erzählerischen und essayistischen Arbeiten steht, das ist der Anspruch auf Autonomie, auf eine freie, individuell begründete Parteilichkeit, die sich vorgeformten Denkbahnen entzieht. Für Böll begann die Freiheit im Kopf." (Heinrich Böll Stiftung)

Hierin liegt die Bedeutsamkeit für die Gegenwart des Humanisten und  Schriftstellers Heinrich Böll.

 

 

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Aalener Kulturjournal