Heinrich Heine

Deutschland. Ein Wintermärchen

 

 

Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

 

 

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

 

 

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Mit diesen Versen beginnt Heinrich Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen". Der Beweis, dass die Tristesse des Novembers auch Inspiration sein kann für ganz große Dichtung. Für Thomas Mann die "genialste deutsche Prosa bis Nietzsche". Das Buch ist die literarische Bilanz von Heines Reise durch die Heimat im Jahr 1843 nach zwölf Jahren Exil. Von Paris über Brüssel, Aachen, Köln nach Hamburg. An der Grenze wird er aufgehalten. Preußische Beamte durchsuchen sein Gepäck nach verbotenen Schriften, finden nichts. 

"Ihr Toren, die Ihr im Koffer sucht! / Hier werdet Ihr nichts entdecken! / Die Contrebande, die mit mir reist, / Die hab ich im Kopfe stecken", weiß der Erzähler. Währenddessen singt ein Harfenmädchen "das alte Entsagungslied, / Das Eiapopeia vom Himmel, / Womit man einlullt, wenn es greint, / Das Volk, den großen Lümmel". Ein besseres Lied verkündet der Erzähler: "Wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten."

Unverblümt klagt Heine die herrschende Unfreiheit, Zensur und Denunziation an. Er verteidigt die individuelle Freiheit, sieht sich als Anwalt der Unterdrückten. Ein Leben ohne Ausbeutung und materielle Not für alle Menschen schwebt ihm vor. 1844 wird sein Reisebericht verboten und beschlagnahmt, was umso mehr Aufmerksamkeit erregt.  Rheinländer, Dichter, politischer Schriftsteller, Journalist, begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, von der er sich als Jude Freiheit erhofft, so lässt sich Heinrich Heine  charakterisieren.

1797 kommt er in Düsseldorf zur Welt, in seiner Familie finden sich Ärzte, Bankiers, Intellektuelle. Nach den Schule studiert er  in Bonn, Berlin, Göttingen Jura, will Universitätsprofessor werden, hört Vorlesungen bei Schlegel und Hegel, lässt sich protestantisch taufen, um  sich den Zugang zur christlich bürgerlichen Gesellschaft zu schaffen. Was nicht klappt. Als freier Schriftsteller lebt er in Paris, versteht sich als Weltbürger, kämpft scharfzüngig für das Deutschland Lessings und Goethes. Nie lässt er sich vor einen Karren spannen oder blenden. Trotz utopischer Hoffnung. Widerwärtig sind ihm doktrinäres Geschwafel und Gehabe, ob politisch oder religiös; ebenso die Borniertheit, die Geldgier der Bourgeoisie. Durch und durch ein Freigeist. 

Heine polarisiert. Er wird gehasst, aber auch geliebt und verehrt, zum Beispiel von Mörike, Hebbel, Raabe und Rilke. Seine politische Satire dient als Vorbild für Tucholsky und Erich Kästner. 1856 stirbt Heinrich Heine in Paris, findet seine letzte Ruhe auf dem Friedhof Montmartre. Auf der Grabplatte steht sein Gedicht:  "Wo wird einst des Wandermüden / Letzte Ruhestätte seyn? / Unter Palmen in dem Süden? / Unter Linden an dem Rhein? /  Werd ich wo in einer Wüste / Eingescharrt von fremder Hand? / Oder ruh ich an der Küste / Eines Meeres in dem Sand. / Immerhin mich wird umgeben / Gotteshimmel, dort wie hier, / Und als Todtenlampen schweben / Nachts die Sterne über mir."

 

Lesetipp:

Fritz J. Raddatz,

Taubenherz und Geierschnabel.

Heinrich Heine.

Leider ist die brillante Biographie nur noch im Antiquariat erhältlich.

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