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Heinrich Mann "Die Kaiserreichtrilogie"

Wahrhaftig und traurig zugleich

Das erfolgreichste Werk von Heinrich Mann ist "Der Untertan", eine beißende Satire auf den Wilhelminismus, an welchem er zwischen 1906 und 1914 arbeitet. Sein weltbekannter „Roman des Bürgertums“ erscheint 1918, dessen Vorabdruck in einer Zeitschrift ist 1914 bei Kriegsausbruch abgebrochen worden. Nach Kriegsende wird das Buch zum Bestseller, in Deutschland fast hunderttausendmal verkauft, 1931  mit den nahezu vergessenen Romanen „Die Armen“(1917), „Der Kopf“ (1925) zur Trilogie  „Das  Kaiserreich“ zusammengefasst.

Der Roman erzählt den Aufstieg Diederich Heßling, Sohn eines kleinen Fabrikanten im fiktiven Städtchen Netzig. Als  Kind ängstlich und träumerisch, früh fasziniert von Unterwerfung und Autorität. „Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.“ Sadistische Freude empfindet er am Quälen eines jüdischen Mitschülers. Geschildert werden die  Sozialisationsinstanzen Familie, Schule, Militär, Universität,  alle funktionierend nach dem Prinzip Kasernenhofdrill, um schließlich den perfekten „Untertan“, die Figur des Diederich Heßling repräsentiert diesen Typus, zu erschaffen: „nach oben buckelnd“ – „nach unten tretend“.

Ein intriganter Opportunist ist Diederich Heßling, dem es in erster Linie um seine Vorteile geht, ein Hurrapatriot des Kaisers Wilhelm II., den er im gesamten Gebaren nachahmt. Zurück in der Heimatstadt aus Berlin nach dem Studium heiratet er die dralle Guste Daimchen, eine reiche Erbin, mit deren Vermögen er das das väterliche Geschäft ausbauen kann. Diederich Heßling kämpft wider die „Schlammflut der Demokratie“, schart die „Nationalgesinnten“ um sich, intrigiert zusammen mit „seinem“  Sozialdemokraten Napoleon Fischer im Stadtrat gegen die Liberalen, um sie kaltzustellen. Immer im Bemühen jedoch, geschäftlich wie gesellschaftlich aufzusteigen. Von Diederich verachtet wird der alte Buck, der Wohltäter von Netzig, Vertreter der Ideale von 1848,  der für ein aufgeklärtes „Deutschland der Dichter und Denker“ steht.

 

"Das traurigste Buch meines Lebens"

 

Über die eigene Familie regiert Diederich als Despot. Am Ende der Hierarchie: Vater, Mutter, Kinder steht der Familienteckel, der von den Kindern malträtiert wird. Des Nachts lebt Diederich mit Guste seine geheimen Wünsche aus: „Indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstförmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: ‚Auf die Knie, elender Schklafe!‘ Und Diederich tat, was sie heischte! … „Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt aufging.“ Ungezügelt geht es im vordergründig prüden Netzig zu. Nicht  nur bei den Heßlings. Urkomische Szenen finden sich im Roman.

Der Roman „Die Armen, der zweite Teil der Trilogie, handelt 1913 und 1914 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Das Personal deckt sich teils mit dem im „Untertan“. Diederich Heßling, inzwischen zum Großindustriellen und Geheimen Kommerzienrat aufgestiegen, residiert in der „Villa Höhe“, beutet in seiner Papierfabrik die Arbeiter, deren Lebensverhältnisse mehr als prekär sind,  erbarmungslos aus. Unter Mithilfe „seines“ Proleten Fischer, ein korrupter Vertreter der Arbeiterinteressen im Reichstag.

„Der Kopf“, das autobiographisch grundierte Ende von Heinrich Manns Kaiserreich-Trilogie, thematisiert das Versagen der Intellektuellen in der wilhelminischen Epoche. Keine einfache Lektüre nebenbei gesagt. Für den Neffen Klaus Mann ist das Werk ein „Geständnis“ ( Zeitgenössische Rezensionen, S. (51f.) für Nachgeborene.

In dem Roman geht es die Rolle der Intellektuellen, welche für Heinrich Mann verantwortlich sind für die  Veränderung von Staat und Gesellschaft. Deren Verhalten ist jedoch bestimmt durch Intrigen, Verrat  und Machtgier. Die Demokratie bedürfe allerdings einer moralisch erneuerten Führung, um erfolgreich autoritäre Strukturen der Vergangenheit überwinden zu können.

Heinrich Mann selbst nannte das Werk eine „General-Abrechnung mit Zeit und Vergangenheit, mit dem Leben selbst, das „traurigste Buch meines Lebens“.

Fotos: Fischer Verlag
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Aalener Kulturjournal