Hiltrud Leenders: "Pfaffs Hof"

Das Mädchen, das eine Herrenarmbanduhr wollte 

Eine Kindheit in einem kleinen niederrheinischen Dorf in den sechziger Jahren. Die Ich-Erzählerin Annemarie Albers, Annemie genannt, zu Beginn des Romans acht, am Ende zehn Jahre alt, zieht mit den Eltern auf "Pfaffs Hof", ein muffiger Bauernhof am Rande eines Dorfs, gebaut für evangelische Vertriebene. Die Autorin Hiltrud Leenders, Jahrgang 1955, bekannt als Lyrikerin und Krimiautorin, selbst vom Niederrhein stammend, schildert  den damaligen Alltag.

Nachkriegsmangel herrscht zwar nicht mehr, aber noch kein Überfluss. Die Frauen sind abgearbeitet, die Männer reden vom Krieg. Eltern wie Lehrer werden noch als Autorität respektiert. Im Dorf wird Platt gesprochen, Hochdeutsch erst in der Schule gelernt.  Die Kinder leben anders als Kinder heute. Zu Hause müssen sie den Eltern zur Hand gehen, haben dennoch  auch freie Zeit zum Spielen. Kaum Fernsehen, keine Computer, kein teures Spielzeug, stattdessen ist die eigene Phantasie gefragt. Die Mädchen spielen "Schah von Persien", "Farah Diba" und "Soraya". Annemies Haare sind zu einem "Krönchen" aufgesteckt, verziert mit einem Samtband.  Zu den Schattenseiten jener Jahre gehört, dass Kinder in Schule wie im Elternhaus nicht selten geschlagen werden. Glanzbilder, Steghosen, Trevira und die Wasserwelle liefern das Zeitkolorit.

 

Die Welt der kleinen Leute

Eine Welt, die heute kaum noch vorstellbar ist. Genauso wenig vorstellbar sind die damals üblichen Ressentiments zwischen Katholiken und Protestanten. Der Vater, ursprünglich   katholisch, ist wegen seiner Frau zum evangelischen Glauben konvertiert. Im Hintergrund rauscht die Weltgeschichte.  Als Kennedy erschossen wird, heißt es: "Hoffentlich kommt kein Krieg!"

Der Roman spiegelt die Welt der kleinen Leute, erzählt nichts Spektakuläres. Allerweltsschicksale eben. Man lebt auf engem Raum zusammen. Der Vater arbeitet als Gefängniswärter, die Mutter ist Hausfrau. Die Atmosphäre in der Familie ist immer gespannt. Die Eltern schweigen sich an oder streiten. Auch bei den künstlich inszenierten Weihnachtsfesten. Die Mutter nennt ihren Mann "Satan". Dennoch kommt ein kleiner Bruder zur Welt. Als die Mutter in den Wehen liegt, meint der Vater zu Annemie:"Was ist, wenn sie totgeht?" Die Ich-Erzählerin erklärt: "Ich kriegte keine Luft." Wie das kleine Mädchen  sich auch häufig erbricht oder Bauchschmerzen hat. Heute würde man von psychosomatischen Reaktionen sprechen. Als Annemie ihre Katze vermisst, erklärt der Vater, dass sie eingeschläfert worden sei. Die Mutter korrigiert ihn prompt: "Mit einem Stein." Zu Annemie sind beide allerdings recht freundlich, zuweilen gar wohlwollend, aber freilich mit wenig Gespür für kindliche emotionale Bedürfnisse. Zu jener Zeit das Übliche.

 

Der Davidstern - Ausdruck der Revolte

So flüchtet sich Annemie, ein kluges sensibles Kind,  mit ihren Romanhelden aus Astrid Lindgrens Büchern, allen voran die aus "Bullerbü", in  ihr Versteck, ihr "Hauptquartier".  Annemies Traum: "Ich wollte eine Studentin sein, die  ganz viel wusste, eine Frau mit einer Herrenarmbanduhr." Letztere hat sie auf einem Photo am Arm ihres Idols Astrid Lindgren gesehen. Einen wesentlich älteren Bruder, Peter, gibt es  auch noch. Der allerdings wird vom Vater aus dem Haus geworfen, weil er zu  hartnäckig Fragen stellt nach der Zeit des Großvaters als "Wachmann" im KZ Dachau. Die Geheimnisse und Verbrechen der Nazi-Vergangenheit, verschwiegen und verdrängt, lasten unausgesprochen auf der Familie, sind aber unterschwellig immer präsent. Was der Wirklichkeit vieler Familien, sowohl der der Täter wie der Opfer, entspricht, selbst jener, welche weder im kriminellen noch im moralischen Sinn schuldig geworden sind. Obwohl das soziale Umfeld meint, für Mädchen lohne es sich nicht, darf  Annemie auf Empfehlung des Lehrers, der ihre Begabung erkennt,    aufs Gymnasium. Hierin unterstützt von den Eltern. Dort erfährt sie von den NS-Verbrechen, lernt zu begreifen, wenn sich nach und nach die Lebensgeschichte des Vaters enthüllt, wenn es heißt, dieser sei ein Nazi. Als Ausdruck ihrer Revolte  gegen die Lebenslüge einer ganzen Generation wünscht sie sich einen Davidstern, obwohl sie weiß, dass sie damit einen Kampf beginnt. Der Roman schließt mit dem schönen Satz: "Ich hatte keine Angst."

Hiltrud Leenders Roman "Pfaffs Hof" überzeugt.  Inhaltlich wie sprachlich lässt die Autorin die Atmosphäre jener Zeit, die sie als eine Zeit des Umbruchs schildert, lebendig werden, zeigt am Beispiel des besonderen Mädchens Annemie, dass es gelingen kann, sich aus der Enge der Verhältnisse zu befreien. Wohlweislich im Bewusstsein, keinen einfachen Weg zu wählen. Ein lesenswerter Roman!

 

Hildtrud Leenders, "Pfaffs Hof"

Juni 2018

Rowohlt Tb.

10,99 Euro

 

 

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Aalener Kulturjournal