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Ilsa Barea: "Wien. Legende & Wirklichkeit"

Eine literarische Wiederentdeckung, die zum Lesen verführt

„Wien, Wien, nur du allein, sollst stets die Stadt meiner Träume sein!“ ließe sich  die Studie  "Wien. Legende & Wirklichkeit“, der österreichischen Journalistin Ilsa Barea (1902–1973), verfasst 1965 in der englischen Emigration, überschreiben. Eine Hommage, allerdings mit kritischem Blick und scharfem Verstand in die Geschichte.

Dass das Buch nun neu erschienen ist, ist das Verdienst des Verlags Edition Atelier, der bereits im Jahr 2019 ihren lange vergessenen Roman "Telefónica" über eine Österreicherin im Spanischen Bürgerkrieg wieder herausbrachte.

 „Ein Porträt der Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln“, bekundet die Autorin  im Vorwort. Keine reine Geschichte oder Kulturgeschichte Wiens wolle sie schreiben, vielmehr die Stadt aus allen Himmelsrichtungen und durch alle Zeiten beleuchten. Indem sie die ökonomischen, sozialen und geistigen Wurzeln des kulturellen Lebens der uralten Stadt darstelle, wie die Herausgeber Julia Brandstätter und Gernot Trausmuth betonen. Herausgekommen sind  ein profunder Überblick über die Kulturepochen und eine höchst vergnügliche 464 Seiten umfassende Zeitreise zu Ilsa Bareas Heimatstadt. Keine Reisebeschreibung wohlgemerkt.

Die Autorin schlägt einen historischen  Bogen vom Ursprung Wiens bis in ihre Gegenwart, gegliedert in sechs umfangreiche Kapitel.

Noch einmal: „Wien, Wien, nur du allein, …"

Bedeutende und weniger bedeutende Persönlichkeiten aus allen Epochen und unterschiedlichster Metiers, amüsante Anekdoten kommen in dem Wien-Buch vor. Auch Autobiografisches. Aus der überwältigenden Fülle an Beispielen seien einige wenige herausgegriffen. So etwa die englische Schriftstellerin Lady Mary Wortley Montagu, „eine Meisterin im Verfassen von Schmähschriften“, welche auch von der Kaiserin empfangen wird, die sich beim ihrem Aufenthalt 1716  nicht gerade schmeichelhaft über Wien und die damals Tonangebenden äußert. Bis heute finden sich im Wiener Dialekt Spuren aller Provinzen des alten Habsburgerreiches. „Wir Österreicher haben eine sehr schlechte Sprache“, soll die Kaiserin Maria Theresia dem deutschen Sprachgelehrten Johann Gottsched geantwortet haben, als er Wien schmeichlerisch das „neue Rom“ nennt. Von den Wurzeln der österreichischen Titelverliebtheit ist zu lesen, die Autorin liefert dazu Beispiele aus der eigenen Familiengeschichte. Selbst der kleinste Titel mit dem Kürzel „k.k.“  sichert dem Träger seinen Platz in der „gehobenen Gesellschaft“. Und was wäre Wien ohne seine Tanz- und Musikgesellschaften, ohne die  Komponisten Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven Wolfgang Amadeus Mozart  oder Joseph Haydn?  Nicht auszudenken.

Die Donaumetropole indes schreibt auch  Literatur- und Theatergeschichte. Wer kennt nicht den Melancholiker Franz Seraphicus Grillparzer, dessen Dramen die Widersprüchlichkeit der Moderne thematisieren jenseits jeglicher Provinzialität. Ferdinand Raimund und Johann Nepomuk Nestroy, Repräsentanten des Alt-Wiener Volkstheaters, dem selbst die Polizei attestiert, dass das Volk es als Ventil brauche. Beim Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert    gehört Wien mit Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Arthur Schnitzler und anderen Literaten zu den wichtigsten Zentren im deutschsprachigen Raum.

Prunk und Protz statt Noblesse

In der Gesellschaft rumort es: Die Französische Revolution, die Revolution von 1848,  Arbeiterorganisationen bilden sich. Typhus, Ruhr, Lungentuberkulose wüten. Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich deutlich  in der Architektur. Wiens Prachtbauten, die Schlösser, Parks, die Altstadt mit der Ringstraße. Im Wien der Gründerzeit hat die alte Aristokratie  längst  ihren Zenit überschritten, nun  agieren der „Finanzbarone“. „Prunk und Protz“ ist angesagt. Ein umfangreiches Kapitel ist Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth gewidmet und deren unglücklicher Ehe. Schließlich kommt der Erste Weltkrieg und mit ihm das Ende der Habsburgermonarchie, welche es sechshundert Jahre lang gegeben hat. Nichts blendet Ilsa Barea aus, basierend auf einem beachtlichen facettenreichen Fundus.  Entscheidend  bleibt indes für die Autorin immer die Frage, gleichgültig welcher Thematik sie sich zuwendet, was denn das typisch Wienerische ausmache. Ihre Antwort: die anhaltende Kraft sich zu erneuern und Altes und Neues zu verschmelzen.

Ilsa Bareas "Wien. Legende & Wirklichkeit“ ist eine der literarischen Wiederentdeckungen, von denen man mit Fug und Recht sagen kann: Ein Schatz wird gehoben.

 

 

Ilsa Barea

 

"Wien. Legende & Wirklichkeit“

 

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Julia Brandstätter und Gernot Trausmuth.

 

 Mit einem Nachwort von Georg Pichler.

 

Verlag Edition Atelier

 

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Aalener Kulturjournal