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Ines Thorn: "Die Buchhändlerin"

Liebe, die nie vergeht

Ines Thorns neuer Roman „Die Buchhändlerin“ spielt in Frankfurt in den 40er Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit kluger Recherche und Lust am Fabulieren schafft die Autorin ein stimmiges Bild jener Zeit, lässt diese am Beispiel ihrer fiktiven Protagonistin Christa und deren Umfeld lebendig werden. Christa ist eine mutige junge Frau, welche keine ausgetretenen Pfade gehen will. Von Jugend an eine passionierte Leserin, gefördert durch ihren Onkel Martin, der die im Familienbesitz befindende Buchhandlung leitet. Durch ihn wird sie vertraut mit Autorinnen und Autoren wie Vicky Baum, Stefan Zweig, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque. Ein Prolog gibt einen kurzen Rückblick ins Jahr 1942: Martin wird denunziert, „volksschädliches Schrifttum“ zu vertreiben, kommt ins Zuchthaus, überlebt gezeichnet mehrere Konzentrationslager.

Christa soll nach dem  Wunsch ihrer Mutter Helene, der Vater ist vermisst, die „Bräuteschule“ besuchen, um sich in Haushaltsführung und Säuglingspflege zu perfektionieren. Diese will jedoch Germanistik studieren, Lektorin werden und ein eigenständiges Leben führen.  Die Einstellung von Christas Mutter Helene spiegelt den damals mehr oder weniger gültigen gesellschaftlicher Konsens bis in die in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ein Studium lohne sich nicht, da eine Frau ja doch heirate.

Ziel des NS-Regimes war anfangs, dass nicht mehr als zehn Prozent, festgeschrieben durch einen Numerus Clausus, der Studierenden Frauen sein durften. Jedoch fehlte bald kriegsbedingt der männliche akademische Nachwuchs, sodass später Frauen gar zum Studium ermuntert wurden. Nach dem Ende des Krieges, gerade als Christa mit dem Studium beginnen will,  werden sie aus den Hochschulen heraus gedrängt, um den Kriegsheimkehrern „Platz zu machen“. Eine Erfahrung, welche auch die fiktive Christa macht. „Und den Männern den Arbeitsplatz wegnehmen!“, bekommt sie zu hören.

An der Frankfurter Universität weht der alte Geist.  Frauen sind unerwünscht in Germanistik. Ignoriert, diffamiert, hinausgeekelt von Professor Habicht, einem Alt-Nazi, der Christa bescheinigt, moralisch verkommen zu sein, da sie Bertolt Brechts Liebesgedichte als Hausarbeit präsentiert.  

Auch der Buchhandel beginnt nach 1945 neu. Herrscht kurze Zeit nach dem Ende der NS-Diktatur ein reges Interesse seitens des Lesepublikums an ehemals verbotenen Büchern, so ändert sich das  geistige Klima der Nachkriegsjahre in Westdeutschland bald:  Heimatromane sind angesagt. Als Flucht vor der rauen Gegenwart und der düsteren Vergangenheit. Noch ist Deutschland eine Ruinenlandschaft, der Alltag von  Mangel geprägt. Viele Männer sind gefallen oder in Kriegsgefangenschaft, die Frauen  erschöpft, so auch Christas Mutter. Heinz, ein verwaister Flüchtlingsjunge, in Deutschland gab es etwa nach dem Weltkrieg  2,5 Millionen Halbwaisen und 100.000 Vollwaisen, gehört inzwischen zur Romanfamilie.

Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ist gering. Auch bei den Romanfiguren. Während die fiktive Christa angesichts der grauenhaften Verbrechen im KZ Buchenwald, von denen sie in den Berichterstattungen über den Buchenwald-Hauptprozess in Dachau im April 1947 liest, leidet, denken etwa Christas Mutter oder die Blockwartswitwe im Haus: „Alle, alle  hatten Opfer gebracht.“  Letztere  besitzt sogar  die Dreistigkeit von Martin, den sie einst ins KZ gebracht hat, zu verlangen, sie vor die Entnazifizierungsbehörde zu entlasten.

Nach dem Krieg wird Martin  wegen seiner Homosexualität, zu einer mehrjährigen Haft, verurteilt, ist als Homosexueller im Zuchthaus, wie es damals hieß, Freiwild. Und geht fast daran zugrunde. Zudem droht nach der Entlassung die existenzielle Vernichtung. Fakt ist: Erst 1994  wird der § 175 ersatzlos aufgehoben. Christa, die mittlerweile in Mainz studiert, dort eine ganz andere geistige Atmosphäre erlebt, in ihrer Dozentin eine kluge Lebensfreundin findet, übernimmt die Regie in Sachen  Buchhandlung, welche Martin nach der Enteignung durch die Nationalsozialisten wieder zurückbekommen hat. Mit Erfolg: Gleichgesinnte treffen sich dort zu Lese- und Vortragsabenden,  Freundschaften entstehen. Um Heinz adoptieren zu können, heiratet Christa den weltoffenen unkonventionellen Verleger  Werner Hauff, die  große Liebe Martins. 

Eine neue Zeit bricht an. Ines Thorns Protagonistin Christa erlebt, wie vielfältig die Literaturlandschaft wird. 1947 entsteht die legendäre Gruppe 47, welche die  Literatur der jungen Bundesrepublik prägt. Christa ist dabei, als am 25. Juli 1949 der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann in der Frankfurter Paulskirche ans Rednerpult tritt, um über den Wert der Demokratie zu sprechen. Fünf Jahre nach Kriegsende besucht Christa  die erste Frankfurter Buchmesse. Rororo Rowohlt Taschenbuch Verlag revolutioniert den Markt mit erschwinglichen Ausgaben großer Literatur. Der erste Band: Hans Fallada: „Kleiner Mann - was nun?“

Eingestreut in den Roman sind Gedichte, auch solche die eigens für das Buch ersonnen worden sind. Am Ende trifft Christa eine ungewöhnliche Entscheidung, welche schließlich alle ihr Glück finden lässt. Auch sie selbst.

 

INFO

Ines Thorn

Die Buchhändlerin

Roman

336 Seiten

Verlag   Rowohlt Taschenbuch

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Aalener Kulturjournal