Verlag " Das vergessene Buch" - Interview mit Albert C. Eibl 

Albert C. Eibl, 1990 geboren, gründete  2014 den Verlag "Das vergessene Buch" (DVB Verlag) mit Sitz in Wien. Mit ihm sprach Anne Kullmann.

Abitur an der Europäischen Schule in Varese, Italien, Studium der Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften in Zürich. 2013  begann er ein Masterstudium "Deutsche Philologie" an der Universität Wien. Derzeit Masterarbeit zum Thema Ernst Jünger. Ebenfalls seit 2013 betreibt  den Literaturblog www.zeitgeist-literatur.com. Als freier Rezensent ist er für verschiedene Medien tätig, darunter "profil" und neuerdings auch für den "Falter". Seit 2016 Mitglied des österreichischen PEN Clubs.

Warum gründeten Sie den Verlag "Das vergessene Buch"?  Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

 

Um auf vergessene Bereiche der Literatur aufmerksam zu machen. Bereiche, die aber dennoch für den heutigen Leser von großem Gewinn sein können, geht er das intellektuelle Wagnis ein, sich auf Autorinnen und Autoren vergangener turbulenter Zeiten einzulassen. Und dann natürlich, um mir selbst ein stückweit etwas zu beweisen. Ich wollte sehen, ob ich ein so unkalkulierbares und weitreichendes Projekt auf eigene Faust stemmen kann.

Ich selbst bin als alleiniger Geschäftsführer und Inhaber des Verlags auch gleichzeitig der einzige Angestellte. Es gibt allerdings freie Mitarbeiter, die auf Stundenbasis bezahlt werden, so z. B. meine Schwester Leandra, die den Verlag von Anfang an mit eigenwilligen und schönen Buchcovers versorgt hat. Die Covers tragen natürlich auch zum Image des Verlags bei.

 

Wie muss man sich die Vorgeschichte solch einer Verlagsgründung vorstellen?

Jahre der Lektüre, die plötzlich in dem diffusen Wunsch gründeten, die materielle Seite des Buches kennenzulernen. Selbst etwas Einfluss zu nehmen auf die Lektüre von heute. Möglicherweise sogar zu versuchen, den festgefahrenen Kanon der österreichischen Literatur etwas zu erweitern.

 

Welche Schwierigkeiten gab es anfänglich?

Wie das bei neuen Projekten so ist, über die man sich im Vorfeld noch zu wenig Gedanken gemacht hat, war die Gründungsphase des Verlags recht aufregend. Ich musste mir alles verlagstechnische Knowhow selber beibringen. Einen Vertrieb organisieren, mich mit Buchhändlern unterhalten, einen Herausgeber finden, einen guten ersten Titel auswählen.

Später hab ich dann den zweisemestrigen „Zertifikatslehrgang Buchverlag“ der Goldegg Medienakademie bei Elmar Weixlbaumer nachgeholt und dadurch sehr viel über die praktische Seite des Verlagswesens, seine Möglichkeiten und seine Begrenzungen gelernt.

 

Kann sich ein solch kleiner Verlag eigentlich behaupten?

Man muss eine Nische finden, in der die Konkurrenz nicht so groß ist. Das Alleinstellungsmerkmal muss mehr oder weniger gegeben sein. Man sollte eine Vision haben, die sich dann durch viel Arbeit und Ehrgeiz irgendwann einmal materialisieren kann. Natürlich geht das nicht ohne eine gehörige Portion Idealismus.

 

Ihr Verlag hat von Anfang an ein  eindeutiges Profil. Woher rührt Ihre Liebe gerade zu     vergessenen Romanen?

Eben daher, dass sie heute niemand mehr kennt. Viele sind schon lange aus dem Fokus des zeitgenössischen Kulturbetriebs verschwunden und haben damit auch keine Chance mehr, den Leser von heute zu erreichen. Das haben manche Werke zu Recht verdient. Viele großartige Werke früherer Epochen sind jedoch zu Unrecht vergessen.  Hier muss man ansetzen und „Verlagsarchäologie“ betreiben. Ein toller Begriff, wie ich finde, den erstmals Wolfgang Popp in seinem Verlagsportrait für das "Ö1 Kulturjournal" aufgegriffen hat.

 

Wie finden Sie die vergessenen Autoren  und Autorinnen? Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Vor allen Dingen eng mit meinen Herausgebern. Prof. Brigitte Spreitzer hat mich erstmals auf den „Heiligen Skarabäus“ aufmerksam gemacht, der im Oktober letzten Jahres erscheinen konnte und mittlerweile schon in die zweite Auflage geht. Und ohne Herrn Prof. Sonnleitner hätte sich die Wiederentdeckung von Maria Lazar und Marta Karlweis auch als schwierig gestaltet. Gleichzeitig betreibe ich natürlich auch meine eigenen Recherchen, sondiere Tagebücher und alte Feuilletons, gehe auf Jagd in alten Antiquariaten und hoffe darauf, neue Schätze bergen zu können.

 

Gibt es Epochen in der Literatur, die besonders ergiebig sind?

Die gibt es. Beispielsweise die österreichische Literatur der Zwischenkriegszeit, die erstaunlicherweise von vielen bis heute vergessenen Frauen mitgeprägt wurde. Maria Lazar und Marta Karlweis sind da nur zwei unter vielen, die damals das kulturelle Profil Wiens maßgeblich mitbestimmt haben.

 

Maria Lazars (1895–1948) "Die Vergiftung" war das erste Buch, das Sie veröffentlicht haben. Warum gerade dieser Roman?

Das Buch hat mich schon ab der ersten Lektüre unglaublich ergriffen. Eine so starke und unbeugsame Sprache hatte ich schon lange nicht mehr auf mich einwirken lassen. Und dabei war der Roman, das Debüt einer damals 21-jährigen, von einer so vitalen, zersetzenden Modernität, dass ich keine Zweifel hatte, dass auch ein modernes Lesepublikum daran gefallen finden würde. Der mediale Zuspruch gab mir darin Recht. Nicht nur die NZZ, sondern auch die FAZ, die Presse u. a. lobten die Neuauflage. 

 

Insgesamt vier Romane haben Sie in der Zwischenzeit dem Vergessen entrissen, alle von Frauen verfasst. Trifft dieses Schicksal Frauen in besonderem Maße?

Zumindest was die österreichische Zwischenkriegszeit betrifft, kann von einem fast schon skandalösen Wegsehen der Nachkriegsgermanistik gesprochen, besonders in Bezug auf schreibende Frauen. Hier muss in den kommenden Jahren noch vieles nachgeholt werden.

 

Welches war Ihr bisher größter Erfolg?

Die Wiederentdeckung von Maria Lazar, die medial sehr enthusiastisch aufgenommen wurde und in einer öffentlichen Präsentation mit anschließender Lesung Ende November 2015 im Literaturhaus Wien gipfelte. Rein von den Verkaufszahlen her, die Wiederentdeckung des „wichtigsten Rotlichtromans des 20. Jahrhunderts“ (Rolf Löchel), „Der heilige Skarabäus“ von Else Jerusalem.

 

Welche konkreten Projekte haben Sie für die Zukunft?

Für das Frühjahr bereite ich gerade mit Herrn Prof. Sonnleitner zusammen die Neuedition des letzten Romans von Marta Karlweis „Schwindel. Geschichte einer Realität“ von 1931 vor. Damit wollen wir die Wiederentdeckung auch dieser völlig zu Unrecht in der literarischen Versenkung verschwundenen Autorin neu befeuern. Ansonsten möchte ich bis Anfang des Sommers meine Masterarbeit fertig haben.

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal