Lesen Sie gerne und wenn ja, was?

Ich möchte mit dem zweiten Teil Ihrer Frage beginnen und bin mir sicher, dass Sie das erstaunen wird –ich lese so gut wie keine Krimis! Zwar beginnen sich die Regalbretter meiner Bücherregale langsam aber sich durchzubiegen, fünf Mankell, zwei Camilleri, zwei Chandler, ein Palermo-Krimi von Santo Piazesse, ein langweiliger Venedig-Krimi, dreimal Jörg Juretzka sowie ein Conan-Doyle aus Jugendzeiten sind doch eher ein recht dürftiger Bestand an Kriminalromanen. Eric Ambler ist ebenfalls mit zwei Exemplaren vertreten, was für mich jedoch in das Genre politischer Thriller geht (hervorragend!!!)

Generell kann ich mir eine Welt ohne Lesen, aber vor allem ohne Bücher, nicht vorstellen. Wieso nun differenziere ich zwischen Lesen und Büchern? Auch, wenn es wie oben bereits erwähnt, mit dem Platz langsam eng wird, der eReader ist eigentlich nicht mein Ding. Für mich ist beim Lesen die haptische Komponente sehr wichtig. Ein Buch in der Hand zu halten, zu fühlen oder auch der Geruch, der von einem Buch ausgeht, ist etwas ganz Eigenes, was für mich eben auch zum Lesen dazugehört.

Ich glaube, damit beantworte ich auch bereits den ersten Teil Ihrer Frage. Ich lese gerne! Derzeit habe ich mich etwas verheddert. Parallel warten Steffen Kopetzky Grand Tour, Ruth Ozeki Geschichte für einen Augenblick und Klaus Modick Bestseller auf mich. Ich muss mich endlich für eine Reihenfolge entscheiden…

 

Und wie kommen Sie darauf, eigene Bücher zu schreiben?

Tja, das ist nun wirklich erstaunlich. Eigentlich kann ich es manchmal selber nicht richtig glauben. Während eines Südfrankreich-Italienurlaubs lagen wir am Strand (meiner Ansicht nach in Menton, meine Frau behauptet steif und fest, es sei Ventimiglia gewesen) und mein Blick fiel auf das dem Meer abgewandte Gebirgsmassiv. Bereits die zwei vergangenen Jahre davor, war ich dort oben mit meinem Sohn und einem Freund für je eine Woche in Breil-sur-Roya. Innerlich sah ich den Fluss vor mir, wie er sich reißend durch die Schlucht frisst. Ich musste das aufschreiben, zu Papier bringen. Gott sei Dank, hatte unsere Tochter einen Schreibblock und Kugelschreiber dabei!

Der Beschreibung des Flusses folgte auch schon wenig später ein Toter, der „unbemerkte Leichentransport“, wie ich ihn eingangs in “Tödliche Triplette“ schildere. Ich, nicht Krimileser, hatte die ersten Zeilen meines Buches zu Papier gebracht. Und dann ließ mich das Schreiben nicht mehr los – bis heute. 

Wäre es für Sie als Ellwanger nicht interessant, mal ein Buch über die Ellwanger Stadtgesellschaft zu schreiben? So eine Art Heimatkrimi, bestückt mit allseits bekannten Persönlichkeiten.

Nein, eigentlich habe ich kein Interesse an einem Ellwangen-Krimi, der den Focus auf die dort lebenden Menschen richtet. Das Städtchen bietet natürlich genug an Kulisse und, würde man entsprechend recherchieren, sicherlich auch das ein oder andere Päckchen „Sprengstoff“. Doch ich glaube, man sollte das getrost der Schwarzen Schar überlassen. Als gebürtiger Ellwanger, der dort eine wunderbare Kindheit und Jugend erlebt hat, sind mir die Menschen dort auch zu sehr ans Herz gewachsen.

 

Was treibt Sie literarisch in die "Fremde"? Warum nach Frankreich?

Mal abgesehen von dem “Impuls“, den ich Ihnen eingangs geschildert habe, liebe ich die südfranzösische Landschaft und auch die dort herrschende Lebensart. Sicherlich könnte der ein oder andere scharfe Kritiker mir vorwerfen, ich hätte zu viel Klischeehaftes in meinem Roman verbaut, persönlich bin ich jedoch davon überzeugt, dass ich diesen wunderschönen Streifen Frankreich der Realität entsprechend geschildert habe. (Ohne ein einziges Lavendelfeld J!)

 

Sind Sie dabei vielleicht ein wenig Kommissar Jules Maigret inspiriert worden?

Zu meiner Schande muss ich gestehen, ich habe keinen einzigen Maigret gelesen. Natürlich sind mir die Verfilmungen, vor allem mit Jean Gabin in Erinnerung geblieben, jedoch hatte ich diesen fast schon einzigartigen Charakter nicht vor Augen, als ich Paul Julian ins Leben rief.

 

Welchen Wert legen Sie auf das psychologische Motiv hinter der Tat?

Die Frage nach dem psychologischen Motiv, ist die Frage nach dem Warum. Wie kann es dazu kommen oder konnte es dazu kommen, dass ein Mensch zum Verbrecher wird? Für mich eine ganz zentrale Frage, die ich bei der “Triplette“ mit Hilfe der beiden Erzählstränge zu analysieren versuche und dem Leser die Möglichkeit gebe, die Handlungen der Täter nachzuvollziehen. Natürlich nicht, diese moralisch zu akzeptieren! Sehen wir uns Peppel, Otto und Albert an. Man entwickelt Sympathien, ist erstaunt und stellenweise auch amüsiert über deren Einfallsreichtum und Schelmenhaftigkeit. Doch mit dem Voranschreiten der Geschichte, wird dem Leser zusehends bewusster, dass der Weg, den diese Protagonisten eingeschlagen haben, kein gutes Ende nehmen wird. Räumlich und zeitlich versetzt, doch für den Leser parallel, ermittelt Paul Julian und versucht sich die Handlungsweisen seiner Antagonisten zu erklären. Er sucht nach dem psychologischen Motiv. Immer wieder lasse ich ihn zusammenfassen und reflektieren. Wie viel Wert ich darauf lege, geht beispielsweise auch aus Kapitel 15 hervor, in welchem Paul Julian die Psychologin Jeanne Marais aufsucht, ihr seine Spekulationen mitteilt, es zum Rollentausch kommt und Jeanne Pauls Gedanken verbalisiert. Wieso, weshalb, warum  - ergo, aus welchen Gründen agieren oder agierten die Protagonisten, um ihrem Ziel näher zu kommen oder es bereits erreicht zu haben.

Hier entwickelt sich für mich Spannung. Das reine Shocking-Szenario, möglichst viele Morde und immer perfidere Tötungsarten stoßen mich ab und sind mir zu flach. 

Warum wirkt in "Tödliche Triplette" die Vergangenheit so stark in die Gegenwart hinein?

Generell bin ich der Meinung, dass ein größeres Geschichtsbewusstsein, aber auch die Fähigkeit, historische Zusammenhänge zu vernetzen, ein wichtiges Bildungsziel wäre. Geschehnisse und auch Fehler in der Vergangenheit zu erkennen und beurteilen zu können, würde beträchtlich dazu beitragen erneutes Fehlverhalten oder unnötige Wiederholungen in der Gegenwart zu vermeiden. Hierzu zähle ich auch das Wissen um die eigene, beziehungsweise familiäre Vergangenheit.

 

Ist "Tödliche Triplette" Ihr erster Krimi?

Überhaupt mein erstes Buch.

 

Kommissar Julian wird aber nochmals ermitteln?

Nachdem das lektorierte und überarbeitete Manuskript in den Satz ging, wurde es mir tatsächlich etwas wehmütig ums Herz. Das sollte es nun gewesen sein? Abschied von meiner kleinen konstruierten Welt, die mich immerhin vier Jahre in Anspruch genommen und erfüllt hatte? Paul Julian, Chouchou und der Rest des Teams waren doch ein Stück weit Bestandteil meines Lebens geworden…

Ich glaube, ich sehe die Mordkommission Nizza bereits wieder ermitteln. Mehr wird nicht verraten ;)

 

Benötigt Ihre literarische Figur einen speziellen Charakter?

Ich bin eigentlich sehr zufrieden mit Commissaire Julian. Keine Depressionen, kein Suchtproblem (feiert und genießt), in der Lage sich zu verlieben, hie und da mal ein Hauch von Melancholie und ausreichend Einfühlungsvermögen und Spürsinn, um auch die dunkelsten Seiten des Daseins richtig anzugehen.

Paul Julian war nicht von vornherein konstruiert, Paul Julian hat sich mit jeder Seite weiterentwickelt.

 

Ihre Stärke ist die Entwicklung von Dialogen, mit welchen Sie die Geschichte vorantreiben. Wie bauen Sie diese auf? Wissen Sie, wohin Sie mit einem Dialog wollen oder entsteht er während des Schreibens?

Ihre Beurteilung freut mich, da ich die Qualität meiner Dialoge lange Zeit als eher durchschnittlich empfunden habe und immer wieder am überarbeiten war.

Da ich während des Schreibens gedanklich immer schon ein Stück weiter bin, dient der Dialog tatsächlich als Mittel zum Zweck, um die Geschichte auf die entsprechenden Gleise zu führen. Prinzipiell entwickelt er sich jedoch ebenfalls während des Schreibens.

 

Ihr Krimi spannt einen weiten Bogen - Frankreich, Deutschland, schließlich Indochina. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Immer wieder habe ich bei Boule-Turnieren (beispielsweise Grand Prix d´Allemagne in München), auch gegen vietnamesische Teams gespielt. Irgendwann kam natürlich die Frage auf, warum gerade so viele Vietnamesen Gefallen am Boule-Spiel gefunden haben. Ein Erbe aus französisch-kolonialer Zeit? Diese Frage war letztlich der Auslöser dafür, die Geschichte, bzw. Teile der Geschichte meines Onkels aufzugreifen. Im Erzählstrang Peppel, schildere ich sehr viele Erlebnisse aus dessen Lebensweg. (SS-Vergangenheit, Gefangenschaft, Heimatlosigkeit, Suche nach Verbliebenen in Schleswig, Bergwerk in den Cevennen, Marseille, Fremdenlegion, ergo Indochina). Dieser Teil des Krimis trägt also realistische, biographische/autobiographische Züge. Dann kamen die zwei Aufenthalte in Breil-sur-Roya hinzu. Boule-Urlaub mit meinem Sohn Nikolas und meinem Freund Norbert Strässle. Fantastisch waren die Spiele auf dem kommunalen Boule-Platz, bei denen wir mit und gegen die dort ansässigen alten, sehr alten Männer gespielt hatten. Ein weiterer Impuls, der die Entstehung des Krimis vorantrieb und zu einem runden und stimmigen Bild führte. 

Sammeln Sie reale Ereignisse aus Zeitungen, wie Isabel Allende dies tut, um sie als Inspiration für Teile in ihren Geschichten zu nutzen?

Nein, für mich steht hierbei eher das Radio im Vordergrund. So habe ich in der näheren Vergangenheit sowohl auf Bayern 2 oder auch auf hr2-Kultur sehr interessante Beiträge gehört, die ich mir auch als Podcast heruntergeladen habe. So fand ich beispielsweise einen Beitrag über Harry-Graf-Kessler außerordentlich interessant und inspirierend. Ebenso, und äußerst bemerkenswert, ein Kulturbeitrag bezüglich der Hauptstadtfrage, ergo, der Frage nach dem Regierungssitz der zu gründenden Bundesrepublik im Jahre 1949 … ein Krimi!!!

 

Moderne Krimis neigen dazu, schnell zur Sache zu kommen, in deftigen Gewaltausbrüchen zu schwelgen und fern jeder vorstellbaren Realität zu agieren.   Warum ermittelt Kommissar Julian langsam, überlegt und nachvollziehbar?

Meine Antwort auf Ihre Frage nach dem psychologischen Motiv (vgl. oben) beantwortet glaube ich auch diese Frage. Natürlich kann jeder das lesen, was er gerne möchte, mich stößt diese Form der Kriminalliteratur ab.

 

Eine allerletzte Frage: Wie steht es bei Ihnen um die Einsamkeit des Schriftstellers?

Ich bin generell sehr gerne alleine, brauche das und vermisse dabei auch selten etwas. Einsam fühle ich mich dabei nicht. Denn Einsamkeit ist für mich persönlich ein Begriff, der mit der Angst einhergeht, verloren zu sein, nicht gebraucht zu werden.

(siehe nächste Seite)

In meinem Alleinsein hingegen, bewege ich mich völlig frei in meiner Gedankenwelt, was mir, bezüglich des Schreibens und der Entwicklung von Geschichten, produktiv sehr entgegenkommt.

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Aalener Kulturjournal