Isabelle Lehn, Trägerin des "Förderpreises zum Schubart-Literaturpreis 2017", veröffentlicht ihren neuen Roman "Frühlingserwachen"

Muss ich alles wollen, was möglich ist?

(AK) Nach ihrem preisgekrönten Debüt  „Binde zwei Vögel zusammen“ veröffentlicht die Schriftstellerin Isabelle Lehn nun den zweiten Roman „Frühlingserwachen“.

„Ich glaube an den Verstand, den freien Willen und die Kraft der Gedanken. Ich glaube an Biochemie, Serotoninmangel und erhöhte Entzündungswerte. Ich glaube an Alkohol und Penetration, an die Sehnsucht nach Selbstaufgabe und die Würde des Scheiterns. Ich glaube an die Wirksamkeit von Psychopharmaka – und sogar daran, ein schönes Leben zu haben.“

Damit ist im Grunde genommen alles gesagt.

Protagonistin des Romans ist die Ich-Erzählerin  „Isabelle Lehn“, eine 36jährige Schriftstellerin, die  unter einer Schreibkrise leidet. Ein launiger  Kunstgriff der namensgleichen  Autorin, welche  damit die heutige  Kultur des Voyeurismus bedient, um ihr schlussendlich den Spiegel vorzuhalten.

Was ist Realität, was Fiktion? Fragen, die sich sicher  nicht wenige  Leserinnen und Leser  stellen werden. Die reale  Isabelle Lehn, promovierte Rhetorikerin,  Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, preisgekrönte Autorin,  ist eine erfolgreiche Frau.  Obwohl…?   Was fehlt …? Vielleicht …?

„Alle Dialoge in diesem Buch sind erfunden. Alle Gedanken in diesem Buch sind erdacht“, stellt allerdings die 1979 geborene Autorin  deutlich klar. 

 „Ich“-„Ich“-„Ich“ –  ein häufig vorkommendes Wort im Roman.

In  endlosen Gedankenschleifen kreist die Protagonistin  um sich selbst, sich und ihr Dasein bespiegelnd:  Wie das Leben sein könnte, wenn es nicht so wäre, wie es ist.  Erzählt  mit extremer Offenheit von Ängsten, Wünschen, Vorlieben. Auch von höchst Intimem.  Auch das  ihres privaten wie beruflichen Umfelds. Die Sprache lebensnah, witzig. Mit ganz viel Selbstironie. Und einem Augenzwinkern.

 „Isabelle Lehn“ lebt ein Leben aus zweiter Hand. Was ihr widerfährt, unterfüttert sie mit  passenden Zitaten. Misst sich an Literaten wie Virginia Woolfe, an Max Frisch, an Thomas Stearns Eliot.  Um  nur einige zu nennen. Darunter geht es nicht.

 „Isabelle  Lehn“ repräsentiert Hipster-Lifestyle mit anspruchsvollem Selbstkonzept. Sie googelt leidenschaftlich, lässt sich seitenlang aus über psychische Erkrankungen, verpasst sich selbst die Diagnose „manisch“.  Ist enttäuscht, denn ihr Therapeut „findet nicht, dass ich manisch bin.“  Sondern, dass sie sich selbst pathologisiere. Die Schreibkrise sei in Wirklichkeit eine Lebenskrise. „Das Identitätsprojekt sei ein lebenslanger Prozess.“  Identitätsarbeit gleiche dem Umbau eines Schiffes auf hoher See. „Morbus google“ oder „Cyberchondrie“ nennen Fachleute  inzwischen die  moderne Variante der Hypochondrie. Ausgelöst durch fortwährende Beschäftigung mit Gesundheits- oder besser Krankheitsfragen im Internet.

La dépression, c’est moi aussi?

Alles was hipp ist, steht auf  „Isabelle  Lehns“ Agenda. Selbstbestimmtes Sterben, veganer Kuchen,  Yoga, gern allerdings mit abgekürzter Stunde, des Gläschens Sekt wegen.  Flüchtlinge. Verwickelte  Liebesbeziehungen.  Gegen ihre psychischen Probleme - tatsächlich oder eingebildet - schluckt sie Psychopharmaka. Dazu tickt die biologische Uhr. Sie ist „unfruchtbar“. Beneidet  „Frauen, die Karriere machen, teure Frisuren tragen, nach Feierabend mit ihren Kindern Vokabeln lernen, während sie schnell noch einen Applecrumble in den Ofen schieben, weil der gut zu Rosésekt passt.“  Perfektionistinnen, Selbstperformerinnen allesamt!

Zurück bleibt Frust!  Erfolglos wird so ziemlich alles ausgetestet, was die Reproduktionsmedizin zu bieten hat. Schließlich: Ein Pflegekind?!  Ein außergewöhnliches natürlich. „Die Schuld des Scheiterns. Und die Scham, nicht wie andere zu sein“, plagt sich „Isabelle  Lehn“. Mit klugen angelesenen Sentenzen wie „Manche Menschen sind nicht mehr zu retten“ oder „Menschen, die Ablehnung erfahren, empfinden dies als elementare Bedrohung ihrer Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Kontrolle und einer bedeutungsvollen Existenz“, versucht sie sich zu beruhigen .

Dann wieder: „Wo verläuft die Grenze zwischen der Krankheit und mir? La dépression, c’est moi aussi?“ Nach der Heilung der Welt  sehne sie sich. Nach dem Guten und Schönen. Und wohin soll der Abstieg führen, wenn schon das Gipfelkreuz in einer Ebene steht?“

Wie das Leben gut wird

Jede kann alles erreichen, vorausgesetzt sie will, lautet die Botschaft der Gegenwart. Angesagt ist  die moderne Multitasking-Frau: perfekte Mutter, Hausfrau, Liebhaberin und Karrierefrau. Und schön obendrein. In die Zange genommen durch gesellschaftliche Erwartungen und vor allem durch die eigenen Ansprüche.  Nicht selten mit täglicher  Selbstüberforderung.

Was „Isabelle  Lehn“ begreifen muss:  die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, Nicht alles zu wollen, was möglich scheint oder was  frau sich vorstellt. Nur so ist das  Leben  „gut“. Vielleicht könnte auch Kollege Rilke von Nutzen sein: "Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben.“

Was nicht nur für das Schreiben gilt.

Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“ - ein  witziges wie kluges Buch.  

 

Isabelle Lehn

Frühlingserwachen

S.Fischer Verlag

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Aalener Kulturjournal