Ismail Kadare  „Die Verbannte“

"Diktatur des Proletariats" bedeutet Gulag

Nahezu kafkaesk beginnt Ismail Kadares Roman „Die Verbannte“, der Ausgang des 20. Jahrhunderts in der Endphase  der "Diktatur des Proletariats" des kommunistischen  Albaniens handelt. Der Schauplatz: Tirana, die Hauptstadt der "Volksrepublik".  Die Hauptfigur, ein alternder Dramaturg namens Rudian Stefa, der sich mit dem Regime arrangiert hat, wird vom Parteikomitee einbestellt. Seine Reaktion: Angst, Panik, eine quälende Selbstbefragung, was er wohl  falsch gemacht haben könnte, warum er ins Visier der allmächtigen Partei geraten sei. Die Furcht lässt ihn reden und reden, ohne dass die "Genossen" Fragen stellen müssen.

 

Der Roman erzählt vom Schicksal einer jungen Frau in der "gottverlassenen Provinz" Albaniens, die von sich sagen muss: "Ich habe keinen einzigen Tag in Freiheit gelebt". Und er geht der Frage nach, warum sie sich das Leben nimmt. Bei ihr wird ein Buch gefunden mit der Widmung " Für Linda B."  Unterzeichnet  mit "Rudian Stefa", dem Namen des Dramaturgen. Der Geheimdienst will wissen, was der Autor mit dieser jungen  Frau zu schaffen habe.  Da sie aus einer adligen Familie, einer sogenannten deklassierten Familie, stammt, fürchtet das paranoide Regime, dass mit dem Selbstmord ein Zeichen gegen den Staat gesetzt werden könne. Vergleichbar mit dem Tod Jan Pallachs in der Tschechoslowakei oder Stefan Zweigs Selbstmord in Mexiko.  

Repressionen eines brutalen Regimes

Linda B. lebt als Verbannte auf dem Land, der Autor in der Hauptstadt Tirana. Begegnen werden sich die Beiden nie. Politisch nicht opportune Menschen, ganze in Sippenhaft genommene Familien lebten in der Verbannung, rechtlos, geächtet, mussten sich ständig bei den Behörden melden. Die Sippenhaft dient als Mittel politischer Einschüchterung der kommunistischen Diktatur, die in Albanien von 1945 bis 1990 dauert. So konnte es sein, dass die Menschen ein ganzes Leben lang ausharren mussten am Ort ihrer Internierung, und erst - wenn überhaupt - diesen im Sarg verlassen konnten.

Wie Linda B. im Roman, über die man lediglich erfährt, dass sie jung, klug, schön und aus einer verfemten Familie stammt. Ansonsten bleibt sie konturlos, so als ob sie nie existiert hätte, vielleicht nur als Kopfgeburt des Dramaturgen. Während die Geschichte des Schriftstellers wie die Machenschaften der Partei großen Raum einnehmen. Rudian Stefas Gedanken kreisen in erster Linie darum, was die Ermittler über ihn  denken, um  festzustellen: "Wir leben in verschiedenen Welten."

Falls die Internierten, die in einem Lager oder innerhalb eines Ortes eingesperrt sein konnten, je nach Laune der Partei, in die Hauptstadt reisten, drohte lebenslange Haft oder gar die Todesstrafe. Keine Fiktion, sondern  historische Realität. Auch kein Einzelfall. Nachzulesen in  dem informativen Nachwort des Übersetzers Joachim Röhm, das knapp und sachlich  die brutalen Repressionsmechanismen des Regimes aufzeigt. Tausende werden hingerichtet, Hundertausende verfolgt und interniert, ohne Prozess.  In den 1950er Jahren werden Politiker, Geschäftsleute, Journalisten, Schriftsteller, Lehrer, Ingenieure umgebracht. Die Elite ausgelöscht. 

Spitzel überall

Bis heute ist die Geschichte der Diktatur nicht aufgearbeitet, immer noch wirft der allmächtige  Despot Enver Hoxha, der gegen Ende  des Romans in einer Szene  auftaucht und mit wässrigen Augen  nach der Frau eines jungen Genossen giert, seinen langen  Schatten. So versteht sich Ismail Kadares Roman als Reise durch dessen Totenreich, spielt mit dem antiken Mythos von Orpheus und Eurydike. Orpheus steigt  nach dem Tod seiner geliebte Gattin Eurydike in die Unterwelt, deren Befreiung misslingt, sie ist endgültig verloren. Orpheus verzehrt sich in Trauer. Wie Rudian Stefa.  Anlässlich einer Lesung aus seinem Werk glaubt er, der toten Linda B. zu begegnen. "Würden Sie mir bitte eine persönliche Widmung hineinschreiben? Es gelang ihm nicht, aufzuschauen, als die Unbekannte einen Namen nannte: Linda B."

Allen "albanischen Mädchen die in  der Verbannung auf die Welt kamen, aufwuchsen und zu Frauen wurden",  widmet Kadare seinen Roman, der im Original bereits  2009 erschienen ist.  Vorbild für die Romanfigur Linda B. ist die 1958 geborene Drita Como, die als Zweijährige zusammen mit ihrer Mutter, einer in Ungnade gefallenen hohen kommunistischen Funktionärin, interniert wurde und die 23jährig im Lager starb.

Die Vergangenheit ist lebendig

Rund 60 000  Menschen waren im kommunistischen Albanien interniert. Nicht wenige junge Frauen entschieden sich für den Freitod als einzigem Ausweg, berichtet der Autor, dessen  literarisches Lebensthema  die Auseinandersetzung mit der albanischen Diktatur ist, in einem Interview. Zahllose Spitzel lieferten Informationen. Telefone, Kaffehäuser  sind nicht nur im Roman verwanzt. Das System war hervorragend vernetzt mit der Bevölkerung. Auch im Buch  kennt der Geheimdienst jede Gewohnheit Rudian Stefas, selbst dessen Lieblingsplatz im  Café. Sogar der Psychiater, den der Autor jahrelang wegen seiner Depressionen aufsucht, erstattet regelmäßig Bericht.

Bewundert hat Linda B. den Schriftsteller Rudian Stefa schon lange, aber nach der Widmung im Buch, die ihre Freundin Migena für sie besorgt, die dann dessen Geliebte ist, wird er zur Projektionsfläche ihrer Sehnsucht nach Liebe und Freiheit. Da es kein Entkommen gibt, vergiftet sich die junge Frau. Der Roman endet mit dem Sturz  der kommunistischen Diktatur, zurück bleiben zerstörte und gezeichnete Menschen. "Das Geheul der Menge wogte herauf."  Das monumentale Standbild des "Führers" stürzt unter den Füßen des Volkes, beobachtet Rudian Stefa .  "Die meisten sind unter der Erde, dachte er. Mit zerbrochene  Gliedern, blutverschmierten Gesichtern und Giftkapseln in der Hand. Mit ihnen   ins Reine zu kommen war fast unmöglich." Die Konturen der Verbrechen verschwimmen., doch ist die traurige Vergangenheit des Landes bis heute lebendig.

Der  1936 geborene Ismail Kadare, einer der größten europäischen Erzähler der Gegenwart, der heute vor allem in Paris lebt, gilt jedes Jahr als Kandidat für den Literaturnobelpreis. Seine Bücher sind in mehr als vierzig Sprachen übersetzt.

 

 

Ismail Kadare,  „Die Verbannte“

 S. Fischer, 208 S., 20 €

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm

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Aalener Kulturjournal