Iwan-Michelangelo D´Aprile: Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung

Bis die Mischung stimmt!

Im Jahr von Theodor Fontanes (1819–1898)  200. Geburtstag veröffentlicht Iwan-Michelangelo D'Aprile, der an der Universität Potsdam als Professor für Kulturen der Aufklärung lehrt, eine originelle Biographie. Der  Titel "Fontane. Ein Jahrhundert in Bewegung" macht sofort deutlich, dass den Leser mehr erwartet. Nicht nur das Leben des  „Apotheker-Literaten“ Fontane, der das ganze Jahrhundert durchlebt, Zeitgenosse ist von Bismarck, Wagner, Zola und Tolstoi, sondern die ganze Epoche, die „wechselseitige Verschränkungen  von Epoche, Biographie und Werk“ wird thematisiert. "Fontane ist ganz klar ein Kind seines Jahrhunderts und auch ein sehr genauer Beobachter dieser doch sehr rasanten Umbrüche des 19. Jahrhunderts", so D‘Aprile. Gegliedert ist das Buch in  drei Lebensabschnitte: Apotheker, Journalist und Romancier.

Fontanes Eltern sind gutsituierte Hugenotten, der Vater Apotheker, dessen Spielsucht ist für den familiären  Niedergang verantwortlich. Der dadurch bedingte Ehekrieg  liefert später das Portfolio für die Ehe- und Familienzwistigkeiten in Fontanes Romanen.  Theodor absolviert seine  Ausbildung zum Apotheker bei den besten Adressen, macht einen exzellenten Abschluss, der Bankrott des Vaters verbaut ihm jedoch den Weg.  

Geprägt vom Vormärz

Jahrelang laufen notgedrungen Schriftsteller- und Apothekerexistenz nebeneinander her. Als Nicht-„Studierter“, der sich Allgemeinbildung und literarische Bildung autodidaktisch aneignet, ist er ein Außenseiter unter den „bourgeoisen Großliteraten und Meinungsführern“ seiner Zeit.  Das erkläre auch Fontanes Sympathie für Außenseiter und seine Abneigung gegen jegliche Dünkelhaftigkeit.  Fontanes Anfänge als Schriftsteller wie als Politik- und Kulturjournalist liegen in der  Vormärz-Zeit mit den Vorbildern  Heinrich Heine, Ludwig Börne und Georg Herwegh. In den 30er, 40er Jahren lebt er in Berlin, Leipzig und Dresden, ist Teil des pulsierenden kulturellen Lebens, bekannt mit der Schriftstellerin und Vorkämpferin für die Frauenbewegung Louise Franziska Aston. Netzwerke werden geknüpft, die teils ein Leben lang halten. Im Buch finden sich auch interessante Abbildungen, von denen eine den jungen unkonventionellen Fontane, der  sich  erst allmählich zum preußischen Konservativen entwickelt, zeigt.

Wie in der Vormärzzeit nicht selten experimentiert auch er mit Beziehungen, indes in der typischen Fontaneschen „Versteckspiel-Art“, wie  D' Aprile mit trockenem Humor anmerkt.      Vater zweier unehelicher Kinder wird Fontane, was mit Erfolg vertuscht wird, auch noch später von seiner Familie. In den 1830er Jahren lernt er seine Ehefrau Emilie Rouanet-Kummer kennen, die er im Herbst 1850 heiratet.

Die Chancen der Moderne

Von der Moderne ist Fontane grundsätzlich fasziniert. Die  Eisenbahn preist er als "die großartigste Erfindung unserer Tage", schreibt  Gedichte über Eisenbahnunfälle und Dampfschiffe,  erhofft sich vom Eisenbahnzeitalter eine Demokratisierung der Gesellschaft. Für Frauen ergeben sich aufgrund des neuen Verkehrs- und Kommunikationssystems unerwartete Chancen: Sie können zum Beispiel alleine verreisen. „Das gründerzeitliche Berlin in Fontanes Romanen ist eine Stadt der Frauen.“ Fontanes literarische Frauengestalten sehnen sich nach einem Leben frei von  Zwängen. Melusine,  „Dame“ und „ Frauenzimmer“ aus dem letzten Roman „Der Stechlin“ darf  dieses führen.

Der Geistliche Thomas Cook gründet das gleichnamige Reiseunternehmen, wird zum Pionier des Massentourismus. 1844 nimmt Fontane an einer der ersten Pauschalreisen  von Hamburg nach London teil. Ab 1848 - England ist auch hier Vorreiter - gibt es die ersten telegrafischen Büros. Von Fontane natürlich verwendet.

Während der Revolution von 1848/49 radikalisiert sich der „Dichter–Journalist“, wird Barrikadenkämpfer. Detailliert zeigt  D´Aprile den zeitgeschichtlichen Kontext nach der Niederschlagung der Revolution, die folgenden Repressalien.  Die Situation des „rot-verdächtigen“ Fontane ist mehr als prekär, bessert sich erst, als er 1849/50 die politische Seite wechselt, in den „“ zurückfindet. Nun kann Fontane sogar heiraten, eine Familie gründen.

Der "Regierungs-Schweinekerl“

Nahezu vierzig Jahre ist Fontane als Journalist tätig, führt ein Doppelleben. Im Auftrag der preußischen Regierung geht er heimlich als Presseagent nach London, vom Staat bezahlt, was ihm von Seiten der deutschen Exilanten die Bezeichnung  „Regierungs-Schweinekerl“ einbringt.  Nicht öffentlich  meint er: Zurecht.  Bis zu seinem Lebensende  erhält Fontane – selbst nachdem er den Staatsdienst verlassen hat - jeden Monat 400 Taler, genug für Miete und Heizung.

Ab den 1860er-Jahren arbeitet Fontane zehn Jahre lang als Redakteur der erzreaktionären einflussreichen „Kreuzzeitung“. Frühjahr 1870 kündigt Fontane, um bis Anfang der 90er Jahre als Theaterkritiker für die liberale „Vossische Zeitung“ tätig zu sein. Je nach beruflicher Anstellung sieht er sich als 1848-Revolutionär oder "Regierungs-Schweinehund", bleibt also auch politisch bei seiner „Versteckspieloption“.

Ab 1860 erscheinen Fontanes Balladen, die Kriegsbücher, die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, welche sich zwischen “Reiseführer und literarisierter Kulturgeschichte“  bewegen. Letztere recherchiert mit modernsten Methoden, "über die halbe Provinz hin zerstreute Mitarbeiter (...), die sich's nicht bloß angelegen sein ließen, mir den Stoff, sondern ebendiesen Stoff auch in der ihm zuständigen Form zu geben", so Fontane.

Den  deutschen Gesellschaftsroman begründet Theodor Fontane Ende des 19. Jahrhunderts, deutlich später als die Franzosen, Engländer und Russen. Für den Romancier sind die  Engländer Dickens und Thackeray literarisch das Maß aller Dinge, nicht etwa Tolstoi oder Flaubert. Die meisten Fontaneschen Romane spielen im großstädtischen Berlin, thematisieren gesellschaftliche Konflikte und überholte Moralvorstellungen.

Blick hinter die Fassade des Autors

Ausführlich gibt D'Aprile Einblick in die Arbeitsweise des „Romanciers der Hauptstadt“, der  17 Zeit- und Gesellschaftsromane verfasst.  Als Auftragsschriftsteller und Betreiber eines „Romanschriftsteller- Ladens“, der in „Kästchen und Schächtelchen“  unermüdlich Motive, Figuren, Szenen sammelt,  um daraus seine Werke bei Bedarf „nach Rezept“ „zusammenzuleimen“.  Fontanes „Zettelkastenprinzip“!   Zeitungsmeldungen liefern nicht selten die Idee für die Romane. Zuerst fertigt Fontane Entwürfe an, um sie  Zeitungen und Zeitschriften anzubieten; das fertige Buch erscheint dann portioniert als Fortsetzungsroman. Im 19. Jahrhundert durchaus üblich, selbst Tolstois „Krieg und Frieden“ sei als so veröffentlicht worden. Dickens habe sogar eine regelrechte „Romanfabrik“ gehabt, in der bis zu acht Autoren gearbeitet hätten, während Fontane die ganze Familie einspannt. Die Vorstellung vom „Genie, das aus seiner Individualität heraus sein Werk ‚organisch‘ hervorbringt, geht an Fontanes Schreibrealität vorbei“, so D'Aprile.

Ein anderes Buch über Fontane  habe er zu dessen Jubiläum schreiben wollen, erklärt             D 'Aprile.  Hinter die Fassade des großartigen Autors lässt er blicken, beleuchtet, wie sich in dessen Romanen gesellschaftliche Widersprüche spiegeln. Konflikte, die auch heute noch aktuell sind. Vom privaten Glück oder Unglück zum Beispiel.

Oder  Fontanes letzter Roman „Der Stechlin“ thematisiert, wie  Politik und Kulturpolitik Denken und Handeln beeinflussen.  „Unanfechtbare Wahrheiten" gebe es nicht, weiß Dubslav von Stechlin, "und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig". Hier spricht auch der kluge Weltbürger Fontane.

D' Apriles  Großessay „Fontane – Ein Jahrhundert in Bewegung“ ist ein intelligentes Buch. Dazu unterhaltsam und brillant geschrieben.

 

Iwan-Michelangelo D'Aprile

„Fontane – Ein Jahrhundert in Bewegung“

544 Seiten

Rowohlt-Verlag

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Aalener Kulturjournal