Jakob Hein: Die Orient-Mission des Leutnant Stern 

Wie eine Zirkustruppe den Lauf der Geschichte ändern sollte  

Der Roman beginnt 1914 im noblen abgelegenen Badeort Coxyde an der französischen Grenze. Belgier, Deutsche, Engländer, Franzosen verbringen "am schönsten Ende der Welt"  den Sommer. Sie ahnen nicht, dass  bald ein Krieg ausbricht, der die europäischen Völker sich in einem Bruderkrieg zerfleischen lässt. Unter ihnen Edgar Stern, Sohn einer Frankfurter jüdischen Unternehmerfamilie.

Jakob Heins  literarischer, historischer Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ erzählt die wahre Geschichte des jungen Leutnants Edgar Stern, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront und im Nahen Osten eingesetzt ist. "Manche Geschichten würde einem der Leser nicht abnehmen, weil sie zu fantastisch, zu bizarr und zu konstruiert klingen. Aber diese Geschichte ist so passiert", erklärt der Autor.

Stern,  vor dem Krieg journalistischer Mitarbeiter des  Reichstagsabgeordneten Gustav Stresemann, kennt sich bestens aus in der Kolonial-und Flottenpolitik, tritt weltgewandt auf. "Ungestüm und tatendurstig, voller Pläne und ohne Rücksicht auf Vorschriften und Gegebenheiten",  ist er der richtige Mann, um einen skurrilen Plan umzusetzen. Das Ziel: Die ganze muslimische Welt soll sich unter der Führung des türkischen Sultans zu einem Aufstand erheben. "Die Briten in Indien, die Franzosen in Nordafrika, die Russen mit ihren Tartaren -  die ganze Entente hätte ein riesiges Problem!"  Die Gegner wären gebunden. 

Abenteuerliche Reise ins Ungewisse

Kaiser  Wilhelm II., "ausgewiesener Freund aller Muslime", hingegen wäre der Sieg  gewiss.

14 muslimische Gefangene sollen, getarnt als Wanderzirkus - Sterns Idee - unauffällig nach Konstantinopel gebracht, feierlich dort freigelassen werden, um die Unterstützung des Sultans für den Dschihad  zu erhalten. Eine "abenteuerliche Reise ins Ungewisse". Durch Österreich-Ungarn, Rumänien. Auch durch "Feindesland". In Konstantinopel wird die Truppe begeistert empfangen. Sind doch Deutschland und das Osmanische Reich Verbündete. Allerdings läuft die Mission etwas anders als geplant.

Das Hintergrundrauschen des Romans kündigt das Ende einer alten und den Beginn einer neuen Epoche an. Mit dem  Ersten Weltkrieg als Zäsur.  Spürbar die Kriegseuphorie von 1914, deutlich vernehmbar antisemitische und nationalistische Töne. Was auch Stern erleben muss. Rasante technisch-industrielle Entwicklungen verwandeln die Welt. Chaos auf den Straßen Berlins: Automobile, Straßenbahnen, Pferdebusse, bäuerliche Pferdefuhrwerke - Alt und Neu nebeneinander.  Dazu Fahrräder und Fußgänger. Ein ängstlicher Mensch müsse  leicht um sein Leben fürchten, ist zu lesen.

Fantastisch, bizarr, konstruiert - aber wahr!

Von einem Vorgesetzten wird Stern aufgeklärt über  "moderne Kriegsführung". Konkret heißt das, die "Todfeinde des Gegners" stärken. Die "Kriegswaffe": ein gewisser Herr Uljanow, besser bekannt unter dem Namen "Lenin", "schärfster Gegner von Zar Nikolaus".   Dass auch die deutsche Monarchie von der Revolution hinweggefegt werden würde, war sicher nicht Teil des Plans. Stern, in Begleitung deutscher Diplomaten und Politiker, wird Zeuge der  Gräueltaten an den Armeniern, der christlichen Minderheit im Osmanischen Reich. Für die Herren wohl nicht mehr als ein Kollateralschaden. Zudem sind die Beamten des Kaiserreichs "königlich untergebracht", versorgt mit orientalischen Frauen. Wenn auch die Klage zu hören ist, dass "bürgerliche Emporkömmlinge" sich in die erste Reihe schöben auf Kosten der Aristokraten. Vereint sind die Deutschen auch mit den Muslimen im "gemeinsamen Hass auf die Juden". Bei allem bleibt Stern distanzierter Beobachter.

Die im Roman dargestellten Gewaltexzesse entsprechen der historischen Wirklichkeit und wurden - wie von Hein beschrieben - mit der damals zur Verfügung stehenden Aufnahmetechnik festgehalten. So entstand der erste türkische Stummfilm, wie im Buchkapitel "Paralipomena“ (auf  Deutsch "Nachträge“) zu lesen ist. Hier finden sich auch kurze Darstellungen zum weiteren Leben der Protagonisten.

 

Jakob Hein, Autor zahlreicher Bücher,  Psychiater,  Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, ist ein brillanter Erzähler, der Schicksale und Zeitkolorit fesselnd schildert.

"Die Orient-Mission des Leutnants Stern" - ein starker Roman!

 

INFO
Jakob Hein, Die Orient-Mission des Leutnant Stern

Galiani Verlag Berlin

18 Euro

 
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Aalener Kulturjournal