Jakob Hein: Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis

Mehr als nur ein eingebildeter Kranker

Der Berliner Schriftsteller Jakob Hein, Autor zahlreicher Romane unterschiedlicher Genres, im Hauptberuf jedoch  seit mehr als zwanzig Jahren Kinder- und Jugendpsychiater, erzählt  in seinem neuen über 230 Seiten starken Buch „Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis“ zum ersten Mal von seinem medizinischen Alltag, über seine Rolle als Arzt, seine Beziehung zum Patienten, über Therapien, Placebos und Medikamente. Zudem nimmt er mit auf einen interessanten „Ausflug in die Grundlagen medizinischer Diagnosestellung“. So nebenbei erfährt man noch allerlei Persönliches.

Gleich zu Beginn stellt Jakob Hein klar, welch „plumpe Ressentiments“ in der Gesellschaft  über den Beruf Psychiater  und über psychische Erkrankungen verbreitet sind. Zum Schaden der Patienten und Patientinnen, welche ,wie  Jakob Hein betont, ganz „normale Menschen“ seien wie „du und ich“. Mit Essstörungen, Alkoholproblemen, Beziehungsproblemen zum Beispiel. Bereits als Jugendlicher habe er Psychiater werden wollen. Mit dem Spezialgebiet „Kinderpsychiatrie“, da sich Kinder den „Witz“ noch nicht abgewöhnt hätten.

Eine Eigenschaft, welche nebenbei erwähnt den Autor im besonderen Maß auszeichnet. Ein Psychiater sei weder ein „Irrenarzt“, ein „Zauberkünstler“ noch ein „Orakel“.   Seine Aufgabe sei,  im Gespräch die richtigen Fragen zu stellen, um  gemeinsam mit dem Patienten „verborgen liegende Lösungen“ für dessen Probleme zu finden. Ungeschehen könne man nichts machen, jedoch – wenn alles gut läuft - Distanz und neue Sichtweisen entwickeln.

 

Aber: „Nicht jeder Arzt passt zu jedem Patienten.“

 

Freundlich  nicht freundschaftlich müsse der Psychiater sich verhalten, aufrichtig, empathisch und dem jeweiligen Patienten angepasst. „Ein schwebendes Miteinander.“ Grenzenloser Optimismus auf die Zukunft gerichtet sei die einzig richtige therapeutische Haltung.  Den Wörtern „müssen“ und „die anderen“  bringt Jakob Hein  großes Misstrauen entgegen, da nichts alternativlos sei  und „die anderen“ ins Spiel zu bringen, sei oft nur eine andere Art zu sagen, man selbst wolle nichts unternehmen.

 Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die psychischen Erkrankungen. Dass seelische Störungen  kulturspezifisch und Ausdruck des Zeitgeistes sein können, erläutert der Autor mit zahlreichen teils amüsanten Beispielen aus verschiedenen Kulturen. Wo denn all die Ohnmächte geblieben seien, welche einst bei uns recht verbreitet waren unter dem weiblichen Geschlecht. Wie auch  Jahrhunderte lang die Hysterie als weiblich galt, eine Erkrankung,  von der Gebärmutter verursacht und die Frauen "verrückt“ machend. Mittlerweile existiert der Begriff in der medizinischen Terminologie zurecht nicht mehr.  „Hochbegabung und Hypersensibilität“  seien indes  in der Gegenwart geradezu zu einer Epidemie geworden. „Burn-out“ war Anfang der 2000er  Jahre populär,  klang einfach besser als Depression, die sich nicht selten dahinter verbirgt.  

Ein wichtiger  Teil der Behandlungskunst sei allerdings auch für den Arzt selbst die eigene psychische Stabilität zu erhalten, betont der Autor. Auch ganz profane, jedoch wichtige Aspekte wie die höchst eigene  „Realität der Kostenträger“ werden im Buch nicht ausgelassen.

Mit seinem Buch „Hypochonder leben länger“  vermittelt Jakob Hein anschaulich und unterhaltsam Wissen über den Beruf des Psychiaters und über alles, was damit zusammenhängt. Aufklärung im besten Sinne. Jeder Satz offenbart seine positive, humorvolle Haltung, mit welcher er dem Menschen begegnet. Sodass man sich wünschte, falls man je einen  Psychiater bräuchte, Patient oder Patientin sein zu dürfen bei Jakob Heim.

 

Jakob Hein,

„Hypochonder leben länger und andere gute Nachrichten aus meiner psychiatrischen Praxis“

Verlag Galiani Berlin

 
Noch ein Jakob-Hein-Buchtipp
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Aalener Kulturjournal