Dem "Statthalter der himmlischen Poesie auf Erden" zum Geburtstag   

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

 Am 28. August jährt sich Goethes Geburtstag zum 268. Mal. Im Fokus steht hier nicht der  "ganze"  Goethe, sondern einzelne Aspekte seines Lebens und seines Werkes.

Johann Wolfgang Goethe entstammt einer begüterten, bürgerlich-aufgeklärten Frankfurter Patrizierfamilie Sein Vater Johann Caspar Goethe ist  Jurist und Kaiserlicher Rat, die Mutter Catharina Elisabeth Goethe die Tochter des höchsten Beamten der Freien Reichsstadt Frankfurt. Geboren wird Goethe  in der verspielten Rokokozeit, als er stirbt, fahren die ersten Eisenbahnen. In Leipzig und Straßburg studiert er Jura. Während er  in Frankfurt als Anwalt praktiziert, schreibt er den "Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand", das Drama vom tapferen Ritter und "Selbsthelfer in wilder Zeit", der für  Unabhängigkeit und Freiheit kämpft.  Mit dem Roman "Die Leiden des jungen Werthers" , in dem Goethe literarisch die unglückliche Liebe zu Charlotte Buff, der Braut seines Freundes,  verarbeitet, wird er  über Nacht zum europäischen Kultautor.

 

Einladung nach Weimar

Der Herzog von Weimar, Karl August, lernt den Autor des "Werther" in Mainz kennen und lädt ihn wiederholt nach Weimar ein.

 1775  bricht  Goethe zu einem Besuch auf, wird r bald dem acht Jahre jüngeren Herzog unentbehrlich. Beide werden enge Freunde. Goethe tritt in dessen Dienste, wird geheimer Legationsrat, dann Geheimer Rat und schließlich  Staatsminister. Kaiser Joseph II.  verleiht ihm das Adelspatent. Fortan heißt er "von" Goethe, was dem bürgerstolzen Frankfurter Vater wiederum gar nicht gefällt.

Durch Goethe wird die kleine Residenzstadt Weimar zur Hauptstadt der deutschen Literatur, die Künstler und Wissenschaftler aus ganz Europa anzieht. Der Philosoph Wieland (1733-1813), Herder (1744-1803) und Schiller ( 1759-1805) sind neben Goethe die Sterne am Weimarer Himmel. Diese Weimarer Zeit ist eines der aufregendsten Kapitel deutscher Geistesgeschichte.

 

Der Minister

Nacheinander und zum Teil nebeneinander verwaltet Goethe Finanzen, Berg- und Wegebau und das Militärwesen. Er hat sogar den Mut, die Anzahl der Soldaten - der damaligen Herrscher liebstes Spielzeug - zu verkleinern, um das Geld in andere Projekte zu stecken. Als Naturwissenschaftler widmet er sich ernsthaft  der Mineralogie, Botanik, Anatomie, der Geologie, der Wetterkunde und schließlich der Farbenlehre. 1784 entdeckt er sogar den menschlichen Zwischenkieferknochen. Goethe ist eher ein Mann der Wissenschaft, des Geistes denn ein Machtmensch. Die Briefe und Tagebücher jener Jahre spiegeln seinen Zorn über das Elend der "kleinen Leute"  und die Selbstgerechtigkeit des Adels, der von der Ausbeutung lebt. Maximen für eine "gute Regierung" müssten beamtliche Pflichterfüllung, Korrektheit in der Verwaltung und Hilfe für die Unterprivilegierten  sein.

Charlotte von Stein und Christiane Vulpius

Sein "Engel", "geliebter Schutzgeist", die "tausendmal Geliebte", die verheiratete Charlotte von Stein, erzieht ihn zum weltkundigen Hofmann, der hin-und hergerissen ist zwischen Hochachtung und Liebe, und zwar 12 Jahre lang. Die tägliche Routinearbeit und die schmerzlichste Liebensbeziehung seines Lebens belasten den Künstler Goethe  so sehr, dass dieser 1786 bei Nacht und Nebel aus Weimar flieht, was Frau von Stein ihm nie verzeihen kann. Erst zwei Jahre später kehrt er zurück als tiefer Verehrer der klassischen Kunst.  Aus dem politischen Tagesgeschäft zieht Goethe sich mit Erlaubnis des Herzogs zurück und widmet sich fortan den Wissenschaften und den Künsten. Nach seiner Rückkehr lernt er Christiane Vulpius kennen, ein einfaches Mädchen, mit dem er zusammenlebt. 1816 stirbt sie mit 51 Jahren, Goethe überlebt sie um 16 Jahre. Von fünf  gemeinsamen Kindern bleibt nur der älteste Sohn am Leben.

 

Freundschaft zu Schiller

Ab 1794 pflegen Goethe und Schiller  eine intensive literarische Freundschaft, die  1805 mit dem Tode Schillers endet. Sie verfolgen gegenseitig die Arbeiten, rezensieren die Werke  und fördern sich gegenseitig in der Kunst. Tief getroffen ist Goethe durch Schillers Tod (1805):" Ich verliere  nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins."

 

Ausgleich statt Revolution, Diskurs statt Dissens

Mit Wohlwollen beobachtet die geistige Elite Deutschlands zunächst die Ereignisse in Frankreich, "die neuerwählten Göttinnen, Freiheit und Gleichheit". Die anfängliche Euphorie kehrt sich allerdings um in Ablehnung nach den  Septembermorden, der Enthauptung Ludwigs  XVI., der Schreckensherrschaft. Goethe nimmt im Gefolge des Herzogs am Rheinfeldzug teil. "Es ist wahr, ich konnte kein Freund der Französischen Revolution sein, denn ihre Greuel standen mir zu nahe und empörten mich täglich. Ebensowenig aber war ich ein Freund herrischer Willkür". Er ist ein  Mann des Ausgleichs, nicht der Revolution, Diskurs statt Dissens. "Die Majorität besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt". 

Humanität statt Nationalismus

Davor will er warnen, denn der Mensch sei immer in Gefahr abzustürzen in die tiefste Barbarei. Sein  Drama "Iphigenie auf Tauris"(1787), eine Utopie, erzählt davon, wie Humanität inmitten des Barbarentums immer wieder neu zu erringen ist .  

Vom nationalistischen Treiben, das im Zuge der Befreiungskriege aufkommt, hältt er gar nichts Als Weltbürger, der er ist und bleibt, weigert er sich, Kriegslieder gegen Frankreich, dem er einen großen Teil seiner geistigen und literarischen Bildung verdankt, zu dichten. Aufgabe sei es hingegen, " an dem ewigen Bau der Menschheitsbildung zu arbeiten".

Ab den 1820er Jahren wird Goethe von der nachkommenden national gesinnten Generation diffamiert als Fürstenknecht, Philister, als Egoist. Für nationale Feierlichkeiten eignete und eignet sich Goethe mitnichten, sondern er misstraut solchem Gedankengut.

Heinrich Heine, der große Spötter, verehrt Goethe als "Statthalter der himmlischen Poesie auf Erden".  Dieser sei wie ein mächtiger Baum, der alle in den Schatten stellte und sie verkümmern ließ. Den Frommen war er zu heidnisch, den Moralischen  zu erotisch, den Demokraten zu aristokratisch. Seine Wipfel, verteidigt Heine ihn, wuchsen so hoch, dass man keine Jakobinermütze darauf stecken konnte.

 

"Solange man sich in Goethe vertieft, wird man zu seinem Zeitgenossen. Dann wieder ist beim Auftauchen der Abgrund spürbar, der uns von damals trennt. Und doch bleibt da etwas: der tröstliche Gedanke, dass ein solches Leben möglich war."

 

Am 22.März 1832 geht ein langes, über alle Maßen produktives Leben zu Ende.

Im Laufe dieses Lebens hat Goethe mehr als dreitausend Gedichte geschrieben: "Prometheus", "Erlkönig",  die Sammlung "West-östlicher Divan" - Klassiker, dem kulturellen Gedächtnis gegenwärtig. Mehr als zwanzig Dramen schrieb Goethe:" Götz von Berlichingen", "Egmont", "Tasso", "Iphigenie", "Faust I und II" - heute noch zum Repertoire der Bühnen gehörend. Sein Briefwechsel ist legendär: Erhalten sind 20000 Briefe, an ihn  gerichtet, 12000 von ihm verfasst. Der Briefwechsel mit Schiller ist eine Schatz für die deutsche Literatur. Dazu kommen philosophische Abhandlungen zu den unterschiedlichsten Themen, theoretische Schriften zur Literatur.

Goethe ist zudem ein begabter Zeichner, in seiner Jugend überlegt er sich, ob er die  Malerei zur Profession machen sollte.  Der Philosoph  und Schriftsteller Rüdiger Safranski stellt in seiner  äußerst lesenswerten Biographie fest :"Solange man sich in Goethe vertieft, wird man zu seinem Zeitgenossen. Dann wieder ist beim Auftauchen der Abgrund spürbar, der uns von damals trennt. Und doch bleibt da etwas: der tröstliche Gedanke, dass ein solches Leben möglich war."

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Aalener Kulturjournal