Joseph Roth: Hotel Savoy

 

Vergangenheit ist kein  abgeschlossenes Kapitel, sondern gibt Denkanstöße für die Gegenwart. Nationalismus, Rassismus, religiöser Wahn zeigen wieder ihr hässliches Gesicht, lösen Fluchtbewegungen aus, wie es sie im 20. Jahrhundert gegeben hat.

In Joseph Roths "Hotel Savoy" trifft im Herbst 1919 Gabriel Dan, Sohn russischer Juden, aufgewachsen in Wien, Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg, auf Menschen mit verschiedensten kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen. Dan, der Ich-Erzähler,  der eigentlich Schriftsteller werden wollte, kommt aus russischer Gefangenschaft, passiert "die Tore Europas". In einem kleinen polnischen Städtchen nahe der russischen  Grenze steigt er im Hotel Savoy ab.  

Das "Riesenhotel Savoy mit 864 Zimmern", in dem der Protagonist sich einquartiert, beherbergt die unterschiedlichsten Menschen. "Wie die Welt war dieses Hotel Savoy, mächtigen Glanz strahlte es nach außen, Pracht sprühte aus sieben Stockwerken, aber Armut wohnte drin in Gottesnähe." Im Hochparterre wohnen die Herrschaften, im siebten und letzten Stockwerk armselige Menschen, die von der Hand in den Mund leben. Je höher gelegen, desto schäbiger. Eine zwielichtige Nachkriegswelt mit ihren entwurzelten und gescheiterten Existenzen.

 

Merkwürdige Gestalten


Gabriel Dan bezieht sein Zimmer, das er sich nur leisten kann, da ihn sein reicher Onkel Phöbus Böhlaug, "ein reicher Mann mit kleinem Herz", mit einem abgetragenen Anzug und Geld ausstaffiert. Vor allem im letzten Stockwerk  lernt Gabriel merkwürdige Gestalten kennen: die Variété-Tänzerin Stasia, den Clown Wladimir Santschin, dem der Ich-Erzähler sich verbunden fühlt, obwohl er ihn nur flüchtig kennt, oder den Juden Hirsch Fisch. In der Bar des Hotels, in der junge Mädchen als Nackttänzerinnen auftreten müssen, verkehren die reichen Industriellen der Stadt. Gabriel Dan teilt sein Zimmer mit Zwonimir, einem anarchischem Kommunisten, der "stärkste Mann im Hotel Savoy", laut und unberechenbar.  Die Welt ist aus den Fugen. In Russland tobt die Revolution, das alte Europa zerbricht. Ein Streik von Fabrikarbeitern eskaliert, während der Strom der Heimkehrer weiter anschwillt. Schließlich bricht in der Stadt noch Typhus aus.

Die ganze Stadt wartet auf den Milliardär Bloomfield aus Amerika, einen Sohn der Stadt, wie auf einen Messias. Um der zahlreichen Bittsteller einigermaßen Herr zu werden, stellt er den Protagonisten Dan als zweiten Sekretär ein. In Wirklichkeit kommt Bloomfield regelmäßig in die alte Heimat, um das Grab seines Vaters Jechiel Blumenfeld zu besuchen, nicht um den Menschen Gutes zu tun. „Ich bin ein Ostjude, und wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben".
Es wird Bloomfields letzter Besuch sein, denn Europa versinkt im Chaos. Als die Gewalt eskaliert, geht am Ende das Hotel in Flammen auf. Gabriel Dan verlässt ebenfalls mit dem erstbesten Zug die Stadt.

 

Fliehender und Suchender

 

„Hotel Savoy", einer der ersten Romane  des großen Erzählers Joseph Roth, erschienen 1924. Roth betrachtet die Menschen aus der Zwischenkriegszeit, die in einen ziellosen Strudel geraten sind, mit kritisch-liebevollem Blick. Innere Monologe der Figuren wechseln mit lakonischen, pointenreichen Dialogen. Immer aus der Distanz, mit heiterer Melancholie. Eben typisch Joseph Roth! So wie auch in seinem Protagonisten Gabriel Dan Roth sich selbst spiegelt. Ein Fliehender und Suchender sei er seit dem Ersten Weltkrieg gewesen, wie er einmal sagte.

Roth, 1894, in einem winzigen Nest in Wolhynien", am Rande der Donaumonarchie von einer jüdischen Mutter geboren, in Lemberg und Wien aufgewachsen, Kriegsfreiwilliger der österreichischen Armee, nach 1918 Mitarbeiter bedeutender Blätter wie dem "Vorwärts" oder  der "Frankfurter Zeitung", 1933 zu Emigration gezwungen, war einer der letzten großen österreichischen Erzähler. Bei seinem Tod in einem Pariser Armenhospital 1939 hinterließ er 14 Romane und Erzählungen. Der Dichter Joseph Roth, "der das Wort Gottes und die Menschenrechte wörtlich nahm" (H. Kesten) nannte sich  stolz einen "Sohn des humanen Jahrhunderts, das aus dem Schoße der Aufklärung entsprungen ist".

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Aalener Kulturjournal