Joseph Roth zum 123. Geburtstag 

 "Der Teufel regiert die Welt." 

Noch gibt es sie, die Briefe und Briefeschreiber. Auch wenn es schon eine Weile her ist: Vor 23 Jahren lag ein Brief aus dem schönen Österreich im dafür vorgesehenen Briefkasten. Und darauf - wie es sich gehört - klebte eine Briefmarke. Und was für eine, zeigte sie doch Joseph Roths Konterfei. Die Österreicher ehrten damit ihren schriftstellernden Landsmann zu dessen 100. Geburtstag. Geboren wurde Joseph Roth am 2. September 1894 in  Ostgalizien als Sohn  einer jüdischen Mutter.

Seine ersten feuilletonistischen Arbeiten und Gedichte veröffentlichte er während des Ersten Weltkrieges, danach arbeitete er für renommierte Zeitungen in Prag, Wien und Berlin. Als Jude und liberaler Journalist musste er 1933 verfolgt von den Nationalsozialisten nach Frankreich emigrieren. An einen französischen Freund schrieb er: "Die Welt ist sehr, sehr dumm, bestialisch. Ein Ochsenstall ist klüger."  Kommt einem doch irgendwie bekannt vor oder? Und an Stefan Zweig: "Der Teufel regiert die Welt." 

Lawinen des Krieges

Als Joseph Roth 1939  in Paris an den Folgen seiner Trunksucht starb, hinterließ er 14 Romane und Erzählungen, zahlreiche Essays, Feuilletons und Reisebilder. Er ist der letzte große österreichische Erzähler: heiter wie melancholisch, vernünftig wie liebenswürdig. Fasziniert war er von der Geschichtsträchtigkeit des alten Österreichs, welches mit dem Ersten Weltkrieg zugrunde gegangen war. Genauso fühlte  er sich zum Katholizismus hingezogen. "In einer einzigen Minute, die uns vom Tode trennt", sagte er vom Krieg, "brachen wir mit der ganzen Tradition, mit der Sprache, der Wissenschaft, der Literatur; mit dem ganzen Kulturbewußtsein. In einer einzigen Minute wußten wir mehr von der Wahrheit als alle Wahrheitssucher der Welt. Wir sind die auferstandenen Toten. Wir kommen mit der ganzen Wahrheit des Jenseits wieder herab zu den ahnungslosen Irdischen … Wie wenig weiß diese Welt von den Lawinen, die langsam heranrollen!"

Von Kriegskrüppeln erzählt der Roman "Die Rebellion" (1924), von  am Leben Verzweifelnden  "Die Legende vom heiligen Trinker" (1939). Der Roman "Hiob" (1930) vom frommen Juden Hiob, der Frau und Kinder verliert, um am Ende dennoch zum Glauben zu finden. "Der Radetzkymarsch" (1932) von feschen Leutnants der Donaumonarchie. Selbst ein  Getriebener im Zwischenkriegseuropa war Roth auf der Suche nach Frieden  wie seine entwurzelten Figuren. 

Die Welt vor schwarzen Tiefen bewahren  

Krank, alkoholabhängig, völlig verarmt, litt er unter dem zivilisatorischen Niedergang Europas. Klaus Mann, Thomas Manns Sohn, der Roth im Exil wiederholt begegnete, bezeichnete dessen Zustand als Selbstmord auf Raten. Überall sah er Leid und Verzweiflung. In seinen letzten Exiljahren hoffte Joseph Roth, die weltweite katholische Kirche möge ein Bollwerk sein, um die alteuropäische Kultur zu bewahren. Verglichen mit den Verbrechen der 20er und 30er Jahre erschien ihm das habsburgische Österreich  als Märchenland vergangener Humanität, eine rückwärtsgewandte Utopie. Die Monarchie als Rettung vor  der Tyrannei. In seinem Roman "Die Kapuzinergruft" (1938) schrieb er, Österreich sei "kein Staat, keine Heimat, keine Nation. Es ist Religion". Bis zu seinem verzweifelten Ende in einem Pariser Armenhospital hoffte er , dass die Menschheit "niemals, niemals hinunterfällt in schwarze Tiefen".

 

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Aalener Kulturjournal