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  Judith Fanto: „Viktor“

Die dritte Generation nach dem Holocaust

„Dass ich jüdisch war, wusste ich von Kind an, nicht aber, was es bedeutete.“   Die 1969 geborene Juristin Judith Fanto erzählt in ihrem über 400 Seiten starken Debütroman „Viktor“, wie die junge Studentin Geertje, ihr Alter Ego, in der Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Familie  zu einer neuen Identität findet. Betitelt ist der Buch nach ihrem Großonkel Viktor. Das Gefühl, dem „Stamm der nichtjüdischen Juden“ anzugehören, sei ihr vermittelt worden, mit einem Makel behaftet zu sein, erklärt die Ich-Erzählerin. Nirgendwo dazuzugehören.

Für die Familie  gilt eine eigene Zeitrechnung: vor und nach dem Krieg. Dazwischen nur ein schwarzes Loch. Die aus Wien stammenden Großeltern, die den nationalsozialistischen Terror in einem flämischen Kloster überleben, sprechen nie offen über jene Zeit. So heißt es zum Beispiel von Laura, der personifizierten Schönheit, von  Otto, dem ewig jungen Musikvirtuosen oder dem unkonventionellen Viktor, dem schwarzen Schaf der Familie: „Die leben nicht mehr“. Dass sie  von den Nazis  ermordet worden sind, bleibt unaussprechbar. Diffuse Ängste und das Schuldgefühl, überlebt zu haben, existieren als Familienerbe, auch bei den Nachkommen. Doch Geertjes Generation, die dritte nach dem Holocaust, hat eine andere Perspektive.

Zwei umfangreiche Erzählstränge wechseln von Kapitel zu Kapitel: das Wien der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und das niederländische Nimwegen der 1990er-Jahre.

Die jüdische Religion spielt für die  großbürgerliche Wiener Familie keine nennenswerte Rolle, gepflegt wird stattdessen die Musik. Ihre Liebe gehört Gustav Mahler, einem Geistes- und Seelenverwandten. Von der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, vom eskalierenden Antisemitismus ist zu lesen. 1938 nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland werden die Rosenbaums endgültig zu Ausgestoßenen. Gedemütigt, verfolgt, des Berufes, Vermögens und schließlich des Lebens beraubt. 1939 flieht ein Teil der Familie nach Belgien, von Viktor freigekauft von den „Geiselnehmern“, wie Judith bei ihren Nachforschungen entdeckt. Rund  65.000 österreichische Juden werden ermordet.

Der zweite Handlungsstrang  erzählt von Geertje, von ihrer Suche nach einer eigenen Identität. Sie sucht eine Antwort auf die Frage, wer sie selbst sei. Auch, wer sie eigentlich ist ohne das Jüdischsein.     Letzteres als sie mutmaßt, nicht von einer jüdische Mutter geboren worden zu sein. Als Studentin  ändert sie den ungeliebten „Decknamen“ in Judith, tritt der jüdischen Gemeinde in Nimwegen bei.  Deshalb muss  Judiths Mutter Paulina, die aufgrund ihrer Lebensgeschichte immer Angst hat, als Jüdin erkannt zu werden, Rechenschaft ablegen über ihre Abstammung. Außer den Eltern, der Großmutter und dem Bruder habe niemand den Krieg überlebt, erklärt sie aufgebracht dem amerikanisch- niederländischen Rabbiner Lustig, den weder die Vergangenheit noch Judiths Motive  zu interessieren scheinen. Stattdessen hakt er bürokratisch ab. 

Judith  begibt sich gegen den Widerstand der Großeltern auf Spurensuche, nimmt Kontakt auf zu deren einstigen Helferin, spricht mit einer Nonne aus dem Kloster und findet im Familienarchiv verstörende  Aufzeichnungen ihres Urgroßvaters Anton S. Rosenbaum über Dachau. Auch Viktor Rosenbaums Schicksal entfaltet sich vor dem Hintergrund der NS-Zeit. Von seinem Vater Anton als Nichtsnutz gesehen, da seine Lebenseinstellung nicht dessen Erwartungen erfüllt, erkennt dieser am Ende, wie sehr er sich in seinem Sohn getäuscht hat. Im Jahr 1942 wird Viktor in dem Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk zugrunde gehen. Bei ihren Nachforschungen findet Judith, die sich  immer mehr dem 80 Jahre früher geborenen Viktor verbunden fühlt, den Deportationsbeschluss mit dem Siegel der Gestapo.

Die Frage „Wer bin ich?“ sollte  immer mit der Frage  „Was will ich?“ einhergehen

Mit leisem Humor und  voller Zuneigung  erzählt Judith Fanto den Roman ihrer Familie. Menschen mit höchst unterschiedlichen Temperamenten und Ansichten. Deutlich wird, wie sehr das Leben der dritten Generation nach wie vor durch die Shoah geprägt ist. Gegenwärtig scheint die „ Identität“ zu einem Kampfbegriff zu mutieren. Nebenbei gesagt, nichts Neues: Gruppenidentitäten, konstruiert aus  kulturellen, ethnischen, sozialen oder sexuellen Merkmalen, haben eine lange Geschichte. Und sind im Grunde nichts anderes als ein archaisches Stammesdenken mit Feindbildern. Im Widerspruch  zu den Idealen der Solidarität und des Universalismus. Die deutsche Vergangenheit zeigt, wohin ein pervertierter Identitätsbegriff führen kann.

In Judith Fantos brillantem  wie aufschlussreichen Buch geht es hingegen nicht um eine von außen kommende Einsortierung in ein Kollektiv. Sondern um eine subjektive Suche nach Zugehörigkeit. Aus diesem Grund will die Protagonistin Judith das verlorene Judentum - nach dem  Versuch die  europäischen Juden auszulöschen -  für sich wiedergewinnen. War für die Großeltern und Mutter  das Nichtjüdischsein überlebenswichtig, so entscheidet sich Judith bewusst, Teil einer Schicksalsgemeinschaft zu sein. Vielleicht auch als Liebesdienst  einer Nachgeborenen für die Ermordeten.  

„Kulturelle Identitäten“,  traditionelle Zuschreibungen, gleichgültig welcher Art, können durchaus ein  Unterdrückungsinstrument sein. Die Frage „Wer bin ich?“ sollte immer mit der Frage „Was will ich?“  einhergehen. Nur so kann der Mensch in einer modernen pluralen Gesellschaft erkennen, wer sie oder er wirklich ist. Und um ein gelingendes Leben führen zu können.

Erinnert sei  an Lessings „Nathan der Weise“. Lessing sieht die Religionen als historische Gegebenheiten, hofft, dass diese ihre Gegensätze nicht blutig austragen. „Vor Gott und den Menschen angenehm zu machen, sei ihre bedeutsame Aufgabe. In ihrer Verantwortung liege es, die Kraft der Religionen für eine friedvolle Welt zu nutzen.

 

Judith Fanto:

Viktor

Übersetzerin: Eva Schweikart

Verlag Urachhaus, Mai 2021

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Aalener Kulturjournal