Julie von Kessel  -  "Altenstein"

Die wechselvolle Geschichte einer ostpreußischen Familie

"Altenstein", der  Debütroman Julie von Kessels, erzählt die wechselvolle Geschichte der fiktiven ostpreußischen Adelsfamilie von Kolberg.  Der zeitliche Rahmen: Von den Kriegswochen 1944/45 bis ins Jahr 2005. Die Lebenswelt der Junker, die bis ins Mittelalter zurückreicht, geht unwiederbringlich verloren. Auf den nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzug im Osten folgt die Flucht vor den Russen in den Westen. Die meisten Güter liegen jenseits der Oder-Neiße-Linie. In der Sowjetischen Besatzungszone wird der Rest enteignet unter der Parole "Junkerland in Bauernhand!"  
Gräfin Agnes, eine harte Frau, auch sich selbst gegenüber, Mutter einer zehnköpfigen  Kinderschar aus drei Ehen, lebt nach der Flucht in äußerst bescheidenen Verhältnissen bei Bonn. Solange sie am Leben ist, bleibt sie die bestimmende Persönlichkeit in der Familie, selbst als die Kinder schon längst erwachsen sind. Kuno, der Vater, fällt in den letzten Kriegswochen. Agnes´ Selbstbild: "Du bist wie eine Blume und die Kinder sind deine Blütenblätter". Die Abbildung auf dem Buchumschlag spielt übrigens darauf an. Im Zentrum des Romans stehen Konrad und Marie, Nona genannt, die Jüngsten der Kinderschar. Umgeben von den übrigen Geschwistern. Geschildert werden in acht umfangreichen Abschnitten deren Lebenswege mithilfe zweier Erzählstränge, die  Vergangenheit und Gegenwart gekonnt verbinden: die alten Zeiten auf dem ostpreußischen Gut Mohrungen, dem brandenburgischen Altenstein, die Nachkriegsjahre im Rheinland, die Zeit bis ins Jahr 2005. Dazu kommen diverse Orte, in denen die Kinder, die auch als Erwachsene eng zusammenhalten, leben. Vielleicht auch als Folge einer  recht lieblosen hartherzigen Erziehung, die aber zu jener Zeit nicht nur beim Adel üblich ist. "Eines Tages werden wir wieder nach Altensteig zurückkehren",  glaubt die Mutter. Wie auch weder Krieg noch Armut ihren Adelsdünkel zerstören können. Konni, der ersehnte zweite Junge, Mädchen, die wenig zählen, überwiegen in der Familie, ist der "Augapfel"  der Mutter,  in Wirklichkeit ein Versager, der aber größten Wert auf seine adlige Abstammung legt, mit einer Neigung zu Größenwahn und Depression. Dem die Mutter immer wieder die Frage stellt: „Was hast du heute schon für deine Unsterblichkeit getan?“ Und deren Erwartungen er nicht erfüllen kann.

Wer wir waren. Wer wir sind.

Nach der Wende kämpft  Konrad  um die Rückübertragung des Gutes Altenstein in den Familienbesitz. Das Geld sollen die Schwestern beisteuern.  Was die achtzigjährige, reich verwitwete Bobby auch tut, um sich dann aber anders zu verhalten, als ihr Bruder erwartet. Konnis Söhne meinen dazu: "Altenstein - die alte Leier."

Zwischen den Geschwistern brechen Konflikte auf, die nicht nur den Rückerwerb des Familienbesitzes betreffen. Moritz, der Älteste, bricht mit der Familie, da  er  nichts damit  zu tun haben will. Auch wegen der Erbregelung im Testament von seinem Vater beziehungsweise der Mutter. "Ach, Familie. Ich weiß nicht, was das bei uns überhaupt bedeutet. Die einen reden nicht mehr miteinander, bekriegen sich wegen des bescheuerten Guts, die anderen sind der Überzeugung, dass die Familie von der Stasi durchsetzt ist…", kommentiert Alexa, Nonas Tochter.

Welche Macht Familienbande, die  Herkunft über den Menschen  haben,  ist das eigentliche Thema des Romans „Altenstein“. Wobei Julie von Kessel ausdrücklich betont, dass sie  keinen autobiographischen Roman geschrieben habe, gleichwohl gebe es Parallelen. Inspiriert habe sie ihre Großmutter Esther Gräfin von Schwerin. Eine Autorität sei sie gewesen, sehr religiös, sehr selbstbewusst. Die Autorin erinnert sich an die Sehnsucht des Vaters nach der verlorenen Heimat seiner Eltern und Großeltern. Sie selbst wolle nie in die schlesische Vergangenheit reisen, diese Form der romantischen Verklärung sei ihr  fremd. Geschichte eben.

"Altenstein" ist ein gelungener und lesenswerter Roman, still und nachdenklich von großer sprachlicher Klarheit.  Einfühlsam und lebendig erzählt er vom Niedergang einer adligen Familie über drei Generationen hinweg, ein Mikrokosmos und Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen. 

"Jeder musste in irgendeiner Form für das Dritte Reich büßen." 

Allerdings wäre es wünschenswert, dass  sich die Perspektive  der Schriftstellerin nicht so sehr auf die private Innenschau, auf das Erleiden von Geschichte konzentriert. Auf  der Flucht  erleben die Protagonisten Zerstörung und Tod. "Von links kommen sie, gehen fast lautlos die Straße entlang, immer zwei oder drei nebeneinander, sie tragen Sträflingskleider, grau-blau gestreifte Anzüge, die an ihren dürren Körpern herunterhängen. Männer mit hohlen Wangen und kurzrasierten Haaren, aber auch ein paar Frauen sind dabei, sie alle wanken schweigend in dieselbe Richtung."  Das Kindermädchen Frieda erklärt: "Sie müssen aus Sachsenhausen kommen, aus einem Lager hier in der Nähe." Sachsenhausen - ein   Konzentrationslager. Mehr nicht. Auch  zwischen Agnes und Kuno kommt es offensichtlich zu politischen Unstimmigkeiten, "in welche Richtung das Land steuert."  Oder  Moritz, der seinen Grafentitel ablegt, mit einer italienischen Adligen verheiratet ist, die  unverblümt sagt: "Jeder musste in irgendeiner Form für das Dritte Reich büßen. Und es ist ja nicht so, als hätten die Junker  sich mit Ruhm bekleckert. Das ist eben so, diese Güter sind enteignet." Konrad entgegnet: "Was ist das für ein hirnrissiger Stuss?" Hat sich die Familie nur als Opfer gesehen?  Hat man den gnadenlosen Rasse- und Vernichtungskrieg, der mit dem Überfall auf Polen begonnen hat, ausgeblendet? Und die Herrenmenschen-Allüren? Und die Rolle des Adels im Nationalsozialismus?  Graf Stauffenberg, der spätere Hitler-Attentäter, prophezeite Ende 1942, dass Deutschland dabei sei, "im Osten einen Haß zu säen, der sich einstmals an unseren Kindern rächen werde". Innerhalb des Adels gab es beide Seiten: glühende Nationalsozialisten wie  auch erbitterte Gegner.

Auch wenn der Schwerpunkt des Romans die Familienbande sind, so ist  der Umgang mit diesem   Aspekten vielsagend, was das Selbstverständnis der Familienmitglieder angeht. Und was wiederum prägend wirkt.

Übrigens: „Altenstein“ soll verfilmt werden. Die Ufa hat sich bereits eine Option auf die Filmrechte gesichert. Die Autorin Julie von Kessel arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Journalistin beim ZDF. Als Tochter eines Diplomaten wuchs sie in Helsinki, Wien, Zagreb, Bonn und Washington D.C. auf und lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Julie von Kessel; "Altenstein" (Roman)

Verlag Kindler

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