Klaus-Jürgen Neumärker: Biografie  Karl Bonhoeffer   

Kritischer Kopf und selbstständiger Denker    

Karl Bonhoeffer, geboren am 31. März 1868 in Neresheim, gestorben am 4.Dezember1948 in Berlin. Zwei Gedenktage im Jahr 2018 - der 150. Geburtstag und der 70. Todestag - sind für  Klaus-Jürgen Neumärker Anlass, um mit einer fundierten wie lesenswerten Biographie an den berühmten deutschen  Psychiater und Neurologen zu erinnern.

Neumärker geht chronologisch vor, beschreibt die Lebensstationen von der Geburt bis zum Tod. Immer im Kontext der Zeit, so sein Anliegen. Karl Bonhoeffers Mutter Julie, einer liberalen schwäbischen Juristen- und Theologenfamilie entstammend, ist in der damals aufkommenden Frauenbewegung aktiv. Der Vater Friedrich, königlich-württembergischer Landgerichtspräsident, kommt aus einer Schwäbisch Haller Pfarrersfamilie; entfernt verwandt mit Hegel, Mörike, Büchner, Hölderlin, Schiller und sogar Goethe. Karl Bonhoeffer wird "maßvoll, tolerant und gerecht erzogen", eine Haltung, die er an die eigenen Kinder weitergeben wird. Nach dem Abitur 1886 studiert er in Tübingen Medizin aus "Neigung zu den Naturwissenschaften und aus Interesse an der Psychologie".

 

Verwerfungen der Zeit spiegeln sich in der Psychiatrie

Während des Studiums tritt  "sein Interesse für Psychiatrie und Neurologie mehr und mehr in den Vordergrund", er fällt  rasch auf als "kritischer Kopf und selbstständiger Denker".  Wie ihm auch eine "glänzende Qualifikation" bescheinigt wird. Folgerichtig entschließt sich Bonhoeffer zu einer wissenschaftlichen Karriere, wird rasch Direktor der  Psychiatrischen Klinik in Breslau, habilitiert sich für das Fach Psychiatrie. "Sowohl in der Psychiatrie  wie in  der Neurologie wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit." Bereits in  Breslau  erforscht Bonhoeffer die körperlichen und seelischen Folgen des chronischen Alkoholismus, lenkt hierbei  den wissenschaftlichen Blick auf das Verhältnis von Umwelteinflüssen und genetischen Faktoren bei der Entstehung von Sucht und psychischen Krankheiten. Begründet so seinen Ruf als Wissenschaftler. Nach einem Jahr in Königsberg wird er  im Alter von nur 36 Jahren Nachfolger des berühmten Emil Wilhelm Georg Magnus Kraepelin in Heidelberg, 1912 schließlich bis zur Emeritierung 1936 Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie an der Berliner Charité. Eine Karriere während des Kaiserreichs, der  Weimarer Republik und des Hitlerismus. Vor dem Hintergrund großer politischer, sozialer und gesellschaftlicher Verwerfungen, welche sich, wie Neumärker ausführlich zeigt, in der Geschichte der Psychiatrie spiegeln. 

Tolerant, rücksichtsvoll, gerecht  

 Die euphorische Kriegsbegeisterung beobachtet Bonhoeffer bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges distanziert aus der Sicht des Wissenschaftlers, spricht von "Massenpathopsychologie", nimmt kritisch Stellung zu psychiatrisch-neurologischen  Erkrankungen als Kriegsfolge, zum Beispiel zu den sogenannten "Kriegszitterern", heute als posttraumatische Erkrankung anerkannt, damals häufig als Drückebergerei abgetan.

In seiner Biographie vergisst der Autor nicht den Privatmenschen Bonhoeffer als Ehemann und Familienvater. 1898 heiratet dieser Paula von Hase, Tochter des bekannten Breslauer Theologieprofessors Karl Alfred von Hase und der Gräfin Clara von Kalckreuth. "Durch sie wurden Werte und Haltungen eingebracht, die fortan das Wesen der rasch anwachsenden Bonhoefferschen Familie mitbestimmen sollten." Acht Kinder kommen zur Welt. Privat ist Bonhoeffer ein stiller gelassener Mensch, von großer Naturverbundenheit, der seinen Kindern  eine nicht weltfremde, aber in sich ruhende,  undoktrinäre, alles Individuelle fördernde Erziehung habe angedeihen lassen. "Toleranz, Rücksichtnahme und Gerechtigkeit gegenüber anderen waren in der Tat nicht nur Grundpfeiler erzieherischer Praxis, sondern entsprachen der allgemeinen Grundhaltung Bonhoeffers."

Rassenwahn wird zur Pseudowissenschaft

Während der Zeit des Nationalsozialismus  verfasst Karl Bonhoeffer als Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie an der Berliner Charité - auch noch nach seiner Emeritierung im Jahre 1936 - Gutachten zu Fragen der Erbgesundheit von Patienten, wird deshalb nach dem Zweiten Weltkrieg kontrovers diskutiert. Neumärker erläutert in diesem Zusammenhang, dass die Eugenik, die  "Erbgesundheitslehre" beziehungsweise  "Rassenhygiene" nicht erst mit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten Eingang in die medizinische Diskussion gefunden habe. Englische, französische, deutsche Vordenker, die den Boden bereiten, finden sich bereits im 19. Jahrhundert. Die eine unheilvolle pseudo-wissenschaftliche Mixtur von Rassenwahn, Germanenkult, Führerprinzip nebst Antisemitismus zusammenbrauen, welche in Deutschland zusammengeht mit der  nationalsozialistischen Rassenhygiene mit dem Ziel der "Erhaltung und Fortpflanzung der biologischen Rasse unter den günstigsten Bedingungen", der "Verbesserung" des Volksbestands durch die Mittel der "Auslese" und "Ausmerze".

Bald nach der Machtübernahme 1933 treten 44,84 %  aller "reichsdeutschen Ärzte" - "doppelt so viele wie in der Gruppe der Lehrer" - der NSDAP bei. Karl Bonhoeffer hingegen ist nie Mitglied.

 

Echte Wissenschaft unerwünscht

Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, welches  die Zwangssterilisierung von angeblich "Erbkranken", von Menschen mit körperlichen Missbildungen oder schwerem Alkoholismus beschließt, tritt zum 1. Januar 1934 in Kraft, vorbereitet schon vor der NS-Machtergreifung. In der Praxis ein  Sterilisationsgesetz. Im medizinischen Bereich gilt Anzeigepflicht. Nach eigener Aussage habe Bonhoeffer nach Inkrafttreten des Gesetzes keinen einzigen Patienten gemeldet; in Kursen analysiert er die im Gesetz genannten Krankheiten kritisch, versucht zu zeigen, wie schwierig eine präzise Diagnose, wie groß die Verantwortung des Arztes ist. Wissenschaft versus Ideologie. Die Kurse werden vom Innenministerium untersagt. Denn Wissenschaftlichkeit ist nicht mehr erwünscht.  Ab September   1939 folgt die Ermächtigung zur Vernichtung von sogenanntem "lebensunwerten Leben", die Erwachsenen- und Kinder-"Euthanasie". Ob und in welchem Umfang Bonhoeffer informiert gewesen sei über das Ausmaß der Verbrechen während der NS-Zeit im Bereich der Medizin, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen, so Neumärker. Bonhoeffer hat aber auch Kontakt zu den Gegnern des "Euthanasie"-Programms.

 

Psychiatrie unterwirft sich der NS-Ideologie 

Nachfolger von Bonhoeffer als Professor für Psychiatrie und Neurologie sowie Direktor der Nervenklinik der Charité wird 1938  Max de Crinis, seit 1936 Mitglied der SS,  befreundet mit NS-Größen wie Heydrich; unterstützt durch die NS-Dozentenschaft. Bonhoeffer und die Fakultät sind gegen dessen Ernennung. De Crinis, einflussreichster NS-Psychiater, beteiligt an der Planung und Durchführung der nationalsozialistischen Kranken- und Behindertenmorde, entzieht sich nach dem Ende des "Dritten Reiches" durch Selbstmord der Verantwortung.

Das "Gesetz zur  Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"  vom 7.April 1933  leitet eine Kampagne gegen jüdische Ärzte ein, um sie aus der Medizin zu vertreiben. Karl Bonhoeffer versucht seine jüdischen Kollegen zu halten. Als er die Entlassung nicht mehr verhindern kann, besorgt er einigen Arbeitsstellen in den Vereinigten Staaten.

Im Haus der Bonhoeffers kommen Kritiker des  NS-Regimes zusammen. Seine Söhne Klaus, ein Jurist, und Dietrich, Theologe und Vertreter der Bekennenden Kirche,  die Schwiegersöhne Rüdiger Schleicher und Hans von Dohnanyi, beide Juristen, werden als Widerstandskämpfer grausam hingerichtet. Deren Motivation, Handeln wie  Verbindung zu unterschiedlichen Kreisen des  deutschen Widerstandes sind in dem Buch eingehend beschrieben.

Kadavergehorsam statt Zivilcourage  

Die wenigen Jahre nach Kriegsende bis zum Tod 1948 wird sich Bonhoeffer wissenschaftlich auseinandersetzen mit der "Persönlichkeit Hitlers und der seiner Massengefolgschaft im deutschen Volk", mit der "Schuldfrage des Einzelnen und der Gesellschaft", beleuchtet, wie  unterschiedliche Beweggründe zur Unterstützung des Regimes führten. Eine der Haupttriebfedern für die blinde Gefolgschaft sei  die "durch die letzten Jahrhunderte gehende militaristische Erziehung des gesamten Volkes". "Kadavergehorsam" statt "Zivilcourage".

Historisch höchst fundiert beleuchtet der Autor Klaus-Jürgen Neumärker, selbst  Neurologe und Psychiater, sowohl Karl Bonhoeffers   Lebensgeschichte wie auch die Entwicklung der deutschen Psychiatrie. "Neue vielfältige Materialien  zu und über Karl Bonhoeffer, über die Medizin, die Euthanasie und den Holocaust im Nationalsozialismus" öffnen den Blick für eine neue Sichtweise.  Dazu kommt ein umfangreiches, teils bisher unbekanntes Fotomaterial zu Bonhoeffer, dessen Familie und Umfeld. Der  biographische Aspekt und die  Wissenschaft  halten sich die Waage.  Das Ergebnis: ein fesselnd geschriebenes Standardwerk, welches zudem einen bemerkenswerten Menschen und Wissenschaftlers würdigt.

Klaus-Jürgen Neumärker

Biografie

Karl Bonhoefer

Steffen Verlag 

ISBN 978-3-95799-044-0

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Aalener Kulturjournal