Karen Duve über Annette von Droste-Hülshoff

Fräulein Nettes kurzer Sommer

Annette von Droste-Hülshoff, Dichterin und Komponistin, eine der großartigsten deutschen Dichterinnen, in jeder deutschen Literaturgeschichte präsent. Geboren am 12. Januar 1797 als Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff auf der uralten Burg Hülshoff bei Münster, wo sie auch  aufwächst, gestorben am 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg am Bodensee.

Wochen zu früh kommt "dieser weibliche Wurm" zur Welt, kränkelt zeitlebens. Dennoch ist Annette lebhaft, liest leidenschaftlich, dichtet,  komponiert, mineralisiert, botanisiert, ist gefürchtet wegen ihrer scharfen Zunge Eine "Nervensäge"!, das übereinstimmende Urteil.  Solcherlei Allüren ziemen sich nach damaliger Konvention nicht für junge adelige Fräulein. "Der  Unterricht von  Mädchen bestand normalerweise darin, sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln", erklärt die Erzählerin, welche unverhohlen ihre Sympathie für die Protagonistin zeigt. "Fleiß und heitere Fügsamkeit" als weibliche Bestimmung. Ein Leben lang lehnt Annette sich gegen die zugedachte Rolle auf, um sich dann doch zu fügen, wirkt dadurch nicht selten zerrissen.  

Karen Duves neuer Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" erzählt auf 500 Seiten über fünf Jahre im Leben der jungen Dichterin. Gleichzeitig entsteht  ein farbiges Sittengemälde jener Zeit des Umbruchs. Getragen wird damals die staubige Perücke der untergehenden Feudalzeit wie der altfränkische Rock der Deutschtümler. Nicht nur das "Nationale" blüht auf, sondern auch der  moderne, völkisch-rassistische  Antisemitismus. So erzählt der Roman von Ausschreitungen gegen Juden in ganz Deutschland.

Zeit im Wandel

Die Industrialisierung beginnt. Allerdings, obgleich der Adel an Bedeutung verliert, bestimmt noch das feudale Herr­schaftssystem Leben und Alltag der Bauern, die nach wie vor zu Arbeitsdiensten verpflichtet sind. So müssen sie während der Erntezeit alles stehen und liegen lassen, um die herrschaftliche Ernte einzubringen. Was aber 1816 nicht nötig ist, denn durch den gewaltigen Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora 1815 kommt es weltweit zu Katastrophen. „Achtzehnhundertunderfroren“, nennen Zyniker dieses Jahr.  Hagelstürme, sintflutartige Regenfälle, Überschwemmungen lassen die Ernte auf den Feldern verfaulen. Die Folge: Hungersnöte und soziale Unruhen.  

Die Münsteraner  wissen zu jener Zeit noch, was sich schickt: "Die Menschen verbeugten sich, wenn sie der freiherrlichen Familie von Droste zu Hülshoff begegneten, und gingen noch eine ganze Weile gebückt so weiter." Mit außerordentlichem Kinderreichtum ist der Adel gesegnet. Für die Familie von Droste zu Hülshoff bedeutet das mehrtägige Rundreisen zu Schlössern, Herrenhäusern und Burgen der zahllosen Verwandtschaft, deren Lebensart wie Marotten detailliert geschildert werden. Die Karen Duve schließlich aufgrund der jahrelangen Recherche vertraut geworden seien wie eigene Verwandte, erzählt sie in einem Interview NDR Kultur 06.09.2018). Überrascht sei sie gewesen, wie viele Quellen über das Leben der jungen Frau berichten. Wie es auch keine Erfindung sei, dass die Gelehrten und Dichter einander mehr oder weniger gut kannten.

Wenn Adel und Bürger sich treffen

Mal heiter, mal bissig ist Duves Erzählton, durchweg ironisch gefärbt. Brillant wechselt die Autorin Stilebenen, um Protagonisten wie Situationen  zu charakterisieren. Wunderbare authentische Dialoge spiegeln über Seiten hinweg das Selbstbild romantischer Größen wie Wilhelm und Jacob Grimm. Auch Heinrich Heine, der "letzte Romantiker", Freund Straubes, kommt vor. Ein Literaturverzeichnis von dreizehn Seiten  als Anhang beweist auch, wie historisch fundiert der Roman ist, wie gründlich  sich die  Autorin in diese  bewegte Epoche eingearbeitet hat. Und von der sie so detailreich wie amüsant erzählt. Ein wahres Leseerlebnis. Wenig habe sie frei erfunden. Im Wesentlichen beruhe ihr Roman auf tatsächlichen Gegebenheiten und Personen, so Duve.

Anfang des 19. Jahrhunderts existieren die Standesschranken noch, werden aber durchlässiger. Adel und Bürgertum pflegen geselligen Umgang. So ist laut Annettes Onkel August von Haxthausen auf Gut Bökerhof  der "westfälische Geistesadel", zu welchem dessen bürgerlichen Freunde gehören,  zu Gast; man spricht über  Kunst und Politik, vergnügt sich gemeinsam. Auch wie viel Geist eine Frau überhaupt haben dürfe, steht ständeübergreifend schon mal zur Debatte. Achim von Arnim ist einer der vielen Freunde Augusts, der nicht nur die Grimms bestens kennt, sondern auch das einstige Enfant terrible Clemens  Brentano, nun ein Frömmler.  Wie sich Bürgerliche und Adlige auch in studentischen Burschenschaften zusammenschließen. "Eine wilde und rohe Bande", welche   sich als  Befreier Deutschlands sehen würde,  so die Erzählerin.  Haben sie doch an den Befreiungskriegen gegen Napoleon in den Jahren 1813 bis 1815 teilgenommen.  

Vor den Augen seines vierjährigen Kindes wird der konservative Publizist August von Kotzebue von dem Burschenschaftler Karl Ludwig Sand mit dem Ausruf „Verräter des Vaterlandes“ erstochen.  In Folge kommt es zu den Karlsbader Beschlüssen: Burschenschaften werden verboten, liberale und nationale Hochschullehrer, Journalisten, Schriftsteller und Studenten als "Demagogen" verfolgt. Im Roman kenntnisreich dargestellt.

Von teuflisch schöner Sprache

Im Sommer  1820 sind Annette und  der Rechtsstudent Heinrich Straube, "ein abgerissener, hässlicher, kleiner Kerl", ein   Mann "niederer Sitten", auf Gut Bökendorf zu Gast. Wie auch  der "gut aussehende junge Freiherr von Arnswald". August von Haxthausen unterstützt den verarmten Bürgerlichen finanziell. Heinrich Straube sei das "größte Genie nach Goethe", so die Meinung des Freundeskreises. Während Annettes Dichtkunst in der Familie gering geschätzt wird, denn für eine Dame von Stand gehöre es sich nicht, ernsthaft dichten zu wollen. Annettes Wunsch, den sie in einem Brief äußert, nämlich nach hundert Jahren gelesen zu werden, geht allerdings in Erfüllung. Mehr noch: Als Dichterin ist sie unsterblich. So wird ihr  die große  Lyrikerin Sarah Kirsch,  deren  literarisches Vorbild Annette von Droste-Hülshoff ist, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts,  gar eine "großartige Intensität", eine "teuflische Schönheit" von Sprache und Vorstellungskraft  bescheinigen.

Zu Straube, der sie als Dichterin ernst nimmt, fühlt sich Annette, die von vielen Männern  umworben wird, hingezogen.  "Herzensfreunde" nennen sie sich, denken über eine gemeinsame  Zukunft nach.  "Straube und eine Droste-Hülshoff" - undenkbar! Eine üble Familienintrige unter Beteiligung des "schönen Arnswaldt" zerstört die Liebesaffäre. Annette und Straube werden einander nie wiedersehen. So gemein, so schrecklich, sei ihr mitgespielt worden, sagt Duve. Das Ereignis, das sich 1820 auf Bökendorf abspielt, geht in die Literatur  als "Jugendkatastrophe" der Droste, die wohl nur in diesem einen Sommer ihres Lebens glücklich ist, ein. Als Straube 1847 stirbt, findet sich in seinem Nachlass eine Locke Annette von Droste-Hülshoffs.

 

Karen Duve, "Fräulein Nettes kurzer Sommer"

Galiani, Berlin

25 Euro

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Aalener Kulturjournal