Karin Kalisa: "Radio Activity"

Alle sollen es wissen!

Nora Tewes kehrt aus New York zurück, um ihrer Mutter Annabel, die im Krankenhaus liegt,  beizustehen. Mit den Freunden Tom, Grischa und Djamal gründet Nora,  die eigentlich Ballerina von Beruf ist, den Sender 100.7,  „Tee und Teer – Meer Radio“, einen Heimatsender anderer Art.  Eine bunt zusammengewürfelte Crew, Charaktere mit Ecken und Kanten, Figuren, die leben.

Karin Kalisas fast 400 Seiten starker Roman „Radio Activity“ , als  Triptychon mit den umfangreichen Kapiteln „On“, „Stay“ und „Off“, erzählt am Beispiel von Annabel Tewes vom lebenslangen physischen und psychischen Leiden von Missbrauchsopfern.

Mit knapp fünfzig Jahren  verstirbt Annabel überraschend, um vorher noch mit ihrer Tochter über das Trauma ihrer Kindheit zu sprechen. Eingebettet ist  die Handlung in den turbulenten Alltag des  Radiosenders.

Ein politisch höchst brisanter Roman. Nimmt doch nach einer aktuellen Studie des Universitätsklinikums Ulm (2017) die sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland zu. Von einem zunehmenden Trend müsse man leider sprechen, stellt der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Jörg Fegert fest. Die meisten Missbrauchsopfer sind Mädchen. Sexuelle Gewalt wirkt sich auf die Gesundheit aus. Oft leiden die Opfer als Folge im Erwachsenenalter unter starkem Übergewicht,  haben häufiger Diabetes, Bluthochdruck, Krebs und erleiden häufiger einen Herzinfarkt. Selbstverletzungen und Suizidversuche sind ebenfalls nicht selten.

Im ersten Teil kreisen  Noras Gedanken um die tote Mutter, die als Kind sexuell missbraucht worden ist. Sie verzweifelt, verzehrt sich vor Hass und Trauer, stellt sich Fragen, auf die es keine Antwort gibt, martert sich mit der Vorstellung, dass die Täter immer zu leicht wegkämen, meist Bewährung erhielten. „Zweieinhalb Jahre keine Hand unter den Rock kleiner Mädchen, und sie sind raus aus der Sache.“  Während die Opfer lebenslänglich haben. Ganz  dicht geht die Sprache der Autorin an die Protagonistin heran.

Wo beginnt Selbstjustiz?

Nora spürt den  inzwischen über neunzigjährigen Vergewaltiger auf, einen unauffälligen Biedermann, der  unter dem Deckmantel des freundlichen  Nachhilfelehrers nicht nur ihre Mutter missbraucht  hat. Karin Kalisa erspart einem Details, nicht aber die Verzweiflung des Mädchens. Ihn macht Nora verantwortlich für deren frühen Tod, den fehlenden Vater,   fehlende Geschwister, für alles, was in ihrem  Leben und dem der Mutter schief gelaufen ist. Obwohl sie weiß, dass solche Überlegungen „fragwürdig“ sind.

 „Und wenn er das immer noch tat?“, so ihre Furcht. Sie will den Täter mithilfe des Senders in die Enge treiben, da ihre  Anzeige abgelehnt wird: Verjährt. Von Nora als Versagen der Justiz empfunden, sodass sie selbst Gerechtigkeit herstellen will.  „Wir kommen. Mach dich auf was gefasst.“  Ihr sarkastischer Antwortbrief an die Justiz:  „Verjährung“, schreibt sie, „welcher Täter-Verein ist auf diese Idee gekommen, diese Verbrechen verjähren zu lassen? Welche Missbrauchs-Lobby hat beschlossen, die Täter laufen zu lassen, wenn sie sie sich über die Jahre retten?“ Starke Sätze, mit denen die Autorin ihre Protagonistin eindeutig Position beziehen lässt.

 Nora, „eine Naturbegabung als Moderatorin“,  übt mit ihrer „perfekten Radiostimme“  Macht aus über die Hörer, mobilisiert  den  Mob, beginnt ein Spiel mit dem Feuer,   spürt jedoch, dass eine Gesellschaft, die Selbstjustiz praktiziert und akzeptiert,  sich entzivilisiert. Sich  selbst eingeschlossen.

Der Rechtsreferendar Simon Bernhardi, der Noras Anzeige bearbeitet, fühlt sich unbehaglich wegen der Antwort, die er aufgrund der Gesetzeslage geben muss. Er hört die Radiosendung und begreift etwas,  „was im Begriff war, sich zu einer sehr gefährlichen Sache zu entwickeln.“ Er warnt Nora: „Du kommst in Teufels Küche.“  Die Beiden, obwohl völlig verschieden, verlieben sich. Und Simon Bernhardi  gelingt es tatsächlich, mit seinem juristischen Knowhow Bewegung in die Angelegenheit zu bringen, wenn auch auf eine nicht legale Weise.

Für die Opfer gibt es keine Verjährung

Der Mittelteil, eine detaillierte Rückblende, blättert Annabels Leidensgeschichte auf. In quälenden Gesprächen zwischen der sterbenden Mutter und Tochter wird deren Ohnmacht und Einsamkeit offenbar. Ihre Verlorenheit, nicht nur als Kind. Was zu der Zeit niemanden interessiert hat.

Eine der Folgen des Missbrauchs: die Unfähigkeit, Beziehungen einzugehen, auch die  zu  Noras Vater, einem liebevollen Menschen, zerbricht an der Vergangenheit. Vergeblich sucht Annabel als Erwachsene Hilfe bei diversen Therapeuten, welche unterschiedliche Reaktionen zeigen: von schlüpfrigen Blicken bis zur Gleichgültigkeit.  Während der Täter sein Leben unberührt als angesehener Bürger weiterlebt. „Ein einziges Weh in der Welt“  ist das Gesicht der Sterbenden beim Erinnern.  Ihr gesamtes zerstörtes Leben spiegelnd.

Im letzten Kapitel kommt ein Verein gegen sexuelle Gewalt zu Wort,  dessen Vorsitzende, eine Richterin, die „Verlogenheit“ und „breitärschige Passivität der Politik“ anprangert. Ebenso erfahrene Juristen, die der  Ansicht sind, dass der sogenannte „Rechtsfrieden“  die Perspektive der Opfer zu wenig berücksichtige. Und dass es zu einem Wandel kommen müsse. „Verjährung verschafft den Gerichten Luft. Nur ist diese Luft verpestet.“ Wieder einer der starken Sätze der Autorin.

 „Gehörte nicht der gesamte Gesetzeskomplex reformiert,  wie andere Länder es gerade vormachten? Hatte nicht die Schweiz vor gar nicht langer Zeit für schwersten Missbrauch an den Jüngsten die  Verjährungsfrist komplett abgeschafft?“   Simon Bernhardi, der zu Beginn nicht gerade für seinen Beruf brennt, hat als Jurist sein Thema gefunden. Auch Nora Tewes wird am Ende einen anderen Weg einschlagen.

Kinderschutz als Daueraufgabe der Gesellschaft

 2013 verabschiedete der  Deutsche Bundestag ein Gesetz, nach dem Opfer sexuellen Missbrauchs ihre Ansprüche auf Schmerzensgeld künftig länger durchsetzen können sollen. Wie auch die strafrechtlichen Verjährungsfristen verlängert wurden. Jedoch hätte der Gesetzgeber mutiger sein können, Rechtsordnungen anderer Länder kennen eine Verjährung im Strafrecht überhaupt nicht,  erklärt die Rechtswissenschaftlerin und Rechtsphilosophin Professorin Tatjana Hörnle.

Mit ihrem Roman berührt Karin Kalisa  Fragen von Moral, Recht, Gerechtigkeit im Spannungsfeld Täter, Opfer und Gesellschaft. Geschichte wie Figuren sind Fiktion, betont die Autorin im Anhang, allerdings hat sie für ihren Roman gründlichst recherchiert, wie die genannten Quellen zeigen.

Der Roman lässt sich lesen als  flammender Appell, hinzuschauen auf das Leid der Opfer, sich an deren Seite zu stellen. Den Kinderschutz als Daueraufgabe der Gesellschaft zu betrachten.

Zu ergänzen sei: Sexuelle Gewalt gegen erwachsene Frauen  wird ebenfalls nicht selten bagatellisiert, relativiert, die Täter entschuldigt,   die Opfer beschuldigt. Von Politik, Justiz wie Gesellschaft oft nicht ernst genug genommen. Oder ideologische Grabenkämpfe werden auf dem Rücken der Opfer ausgetragen, das Opfer dadurch zusätzlich gedemütigt. Auch hier muss eine moderne aufgeklärte Gesellschaft Position beziehen.

Karin Kalisas „Radio Activity“  ist ein gewichtiges, noch dazu gut geschriebenes Buch, welches schwer zu verdauen ist.

 

INFO

Karin Kalisa

Radio Activity

Verlag C.H. Beck

 

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Aalener Kulturjournal