Katharina Adler: "Ida"

Ein Plädoyer für die Wahrheit

Eine junge Frau kommt zu Sigmund Freud wegen Stimmverlust, depressiven Phasen, Selbstmordgedanken. Über 600 wissenschaftliche Arbeiten, unzählige Krankengeschichten  hat der Begründer der Psychoanalyse in seinem Leben geschrieben. Dennoch wird gerade diese junge Frau zu Freuds berühmtesten Patientin, geht als Fall "Dora" in die Psychologie-Geschichte ein. Ida Adler, mit Geburtsnamen Bauer,  ist „Dora“, das „hysterische Mädchen. 1905, fünf Jahre nach Abbruch der Behandlung, veröffentlicht Freud „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ ohne Einwilligung seiner Patientin.  Nun  setzt die junge Autorin Katharina Adler mit dem klugen umfangreichen Debütroman "Ida" ihrer Urgroßmutter ein literarisches Denkmal. 

Der Roman beginnt 1941 mit Idas Ankunft in New York, blendet zurück in  das Wien der Jahrhundertwende. Wie der ganze Roman nicht chronologisch erzählt wird, sondern mit schlüssigen  Zeit- und Ortssprüngen. In schöner schlichter Sprache. Ida Bauer, geboren am 1. November 1882 in Wien, entstammt einer großbürgerlichen assimilierten jüdischen Wiener Familie. Ihr Vater, der Textilfabrikant Philipp Bauer, Freuds Patient wegen einer Syphilis, die er sich vor der Ehe zugezogen hat. Die Mutter hat panische Angst vor Ansteckung,  entwickelt einen Wasch- und Reinlichkeitszwang, entzieht sich Mann und Kindern. Ida, Papas "Äuglein" und "Öhrlein", die ihr nichts recht machen kann, wird ständig gedemütigt. Bereits als Achtjährige muss Ida den Vater pflegen, da er wegen eines Krankheitsschubs bettlägrig ist. Das Kind ist überfordert, entwickelt früh psychosomatische Beschwerden.  Symptome, die im Laufe der Jahre zunehmen, ihr die Kraft rauben. Psychologisch subtil stellt die Autorin dar, wie sich die familiären Konflikte in psychosomatischen Reaktionen manifestieren. Der ein Jahr ältere Bruder Otto, dem Ida ein Leben lang sich eng verbunden fühlt, Mutters Liebling, ist selbstverständlich als  Junge außen vor. Später wird Otto ein führender Kopf des Austromarxismus,  1918/19 kurz Außenminister von Deutschösterreich. Jahrelang wird Ida von einem Freund der Familie, mit dessen Ehefrau der  Vater eine Liebesaffäre unterhält, was Ida herausfindet, sexuell bedrängt. Zum ersten Mal mit  vierzehn Jahren. Das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel, ein Tauschgeschäft zwischen den Männern, durchschaut die aufgeweckte Ida bald.

Weder Hysterikerin noch Ikone

Sechs Jahre hat Katharina Adler an dem Roman gearbeitet, in welchem sie als allwissende Erzählerin tief in die Seele ihrer Urgroßmutter blicken lässt. Ein halbes Jahrhundert umfassend. Durch Freud sei die Urgroßmutter einerseits zwar bekannt,  andererseits wisse man wenig über deren weiteres Leben. Unter dem Pseudonym "Dora" habe sich deren Geschichte verselbstständigt, anfangs als "abscheuliche Hysterikerin" verunglimpft, später von amerikanischen Feministinnen zur Ikone stilisiert. Weder die einen noch die anderen hätten sich für Ida als Mensch interessiert. Der Roman sei ein fiktionales Werk, unterfüttert mit Recherche, eine Mischung aus "Fundstücken und Imagination", erzählt die Autorin in  einem Interview (Zeit Online, Dezember 2017).  

Das erste Mal kommt Ida Bauer zu Freud in die Sprechstunde im Sommer 1898. Zwei Jahre später begibt sie sich auf Drängen des Vaters, der wünscht, Freud  möge sie auf "auf bessere Wege bringen", das heißt von ihrem Widerstand gegen sein Verhältnis abbringen, in psychoanalytische Behandlung, um  diese bereits nach elf Wochen abzubrechen. Freud unterstellt Ida, heimliche leidenschaftliche Gefühle für ihren Belästiger, für dessen Ehefrau, für den Vater zu hegen. Ihr Leiden sei Ausdruck geheimer verdrängter Wünsche, die Berichte Phantasie, erklärt er ihr.  

Viele Patientinnen Freuds erzählen von sexuellen Misshandlungen in der Familie. Noch 1896 vertritt Freud die sogenannte "Verführungstheorie": Hysterien gingen auf negative Sexualerfahrungen in der Kindheit zurück, die Betroffenen seien Opfer. Später rückt er von dieser Theorie ab, deutet die  sexuelle Gewalt an Töchtern als Phantasiegebilde, prägt damit  eine bis heute gültige Sichtweise. Nach Freud sind nun sexuelle Fantasien ursächlich für psychische Störungen wie Neurosen; eine Theorie, die damals bereits kritisiert wird.

Ida hat keine Chance, die Wahrheit zu erzählen. Freud "verhört" Ida mit dem Ziel, seine Theorie zu bestätigen. Historisch korrekt. Von Freud selbst ausführlich dokumentiert. So notiert er hocherfreut, als die Behandlung im Oktober 1900 beginnt, er habe wieder einen neuen für die vorhandene Sammlung glatt aufgehenden Fall erhalten.

Ida widersetzt sich dem Meister, der "alles verdrehte, bloß, um im Recht zu bleiben“, bricht abrupt ab. Freuds insistierende Fragen zu Sexualpraktiken verstören Ida, wirken auf sie wie ein erneuter Missbrauch.  In Freud sieht sie einen Komplizen des Vaters. Noch Jahre später wird  „das silbrige Klicken einer Uhrkette“, an die Freuds erinnernd, Beklemmungen auslösen. Den langen  szenisch erzählten Therapiesitzungen, Höhepunkt des Romans,  werden Passagen aus Freuds "Bruchstücken" vorangestellt:  berührend Idas Gedanken und Gefühle. "Niemand würde ihr jetzt mehr etwas einreden, nicht der Papa oder der Herr Doktor oder sonst irgendeine Macht", sagt sich Ida,  als sie die Praxis verlässt.

Der Halbgott Freud betrachtet den Abbruch der Therapie als persönliche Kränkung, erkennt nicht, wie sehr er sich selbst in den Fall verstrickt, verfasst seine „Bruchstücke", obwohl Ida nur kurz seine Patientin, deren Widerspruch fehlende Einsicht gilt, ist.  Ida ist für Katharina Adler mehr als der "Fall Dora". Mit dem Roman übt die Autorin keine späte Rache an Freud, sondern rückt die Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter konsequent aus deren Perspektive zurecht,  ohne schönzufärben oder herabzusetzen. Die seelischen Narben, verursacht durch den Missbrauch, verheilen nie, werden durch  Sigmund Freuds "Diagnosen" noch qualvoller. Der Herr Doctor werfe einen langen Schatten, wird Ida noch als ältere Frau sagen.

Nicht wenige Theorien Freuds sind heute umstritten. Indes ist sein bleibendes Verdienst, die  im  19. Jahrhunderts herrschende Sprachlosigkeit im Hinblick auf die Sexualität aufzubrechen; allerdings mit Fokussierung auf die männliche Wahrnehmung. Bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts bleibt kulturell gesehen weibliche Sexualität ein Tabu-Thema.

 "Hysterie", wie Ida unterstellt,  ist im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Frauenkrankheit schlechthin. Tausende sogenannter Hysterikerinnen, meist Frauen aus begüterten Familien, landen in den neu gegründeten Nervenheilanstalten. "Verrückt" geworden aufgrund der Lebensumstände oder für "verrückt" erklärt, wenn sie die Grenzen ihrer weiblichen Rolle nicht akzeptieren. Nach  1900 geht die Anzahl der "Hysterikerinnen" deutlich zurück, erobern sich doch die Frauen zunehmend Entscheidungsfreiheit und Bewegungsspielräume. Eine Möglichkeit, die Ida verwehrt bleibt. Aus der medizinischen Terminologie wird der Begriff erst in 1980er-Jahren gestrichen.  

Im weiteren Verlauf des Romans wird Ida zu einer harten selbstgerechten Frau mit widersprüchlichen Charakterzügen. Sie  heiratet einen wenig erfolgreichen Komponisten, führt mit ihm das Leben einer "Partylöwin", gründet einen Bridgesalon. Beider Sohn wird ebenfalls Musiker, jedoch erfolgreicher als der Vater. Ihren Bruder Otto, der  1934 nach Frankreich fliehen muss, unterstützt Ida, eine überzeugte Sozialistin, bei dessen politischem

Kampf.  Vieles wird verständlich, so die Autorin, wenn man ihre Geschichte kennt. Ida durchlebt eine Zeit gewaltiger politischer und sozialer  Umwälzungen: der Erste Weltkrieg, Verlust des Vermögens,  Zwischenkriegszeit, Aufstieg des Nationalsozialismus, Verfolgung. Von der Autorin in den Romanfiguren gespiegelt, was kein  einfaches Unterfangen ist. Mit einem der letzten Schiffe gelangt Ida 1941 nach monatelanger strapaziöser Flucht  in die USA,  dort erwartet von ihrem Sohn Kurt, der bereits 1938 ins Exil geht. 1945 stirbt Ida  in New York an Krebs.


Katharina Adler: Ida.

Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018,

512 Seiten, 25 Euro.

 

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Aalener Kulturjournal