Schmidt Kathrin: Kapoks Schwestern

Große Geschichte aus kleinen Verhältnissen

Mit ihrem  Zeitroman "Kapoks Schwestern"  entrollt Kathrin Schmidt ein ganzes Jahrhundert. 

In dessen Zentrum stehen die Nachbarsfamilien Kapok und Schaechter.   Zwei Familien, deren Schicksal über drei Generationen hinweg spannend erzählt wird. Die Väter Joachim Schaechter und Kurt Kapok schreiben in der Redaktion einer ostdeutschen Gewerkschaftszeitung die Welt so zurecht, wie sie der Partei gefällt.

Die Schaechters sind Intellektuelle jüdischer Herkunft. Die Kapoks hingegen Proletarier, der Vater ein linientreuer engstirniger Parteisoldat.     Der Sohn Werner Kapok und  die Schaechter-Mädchen Barbara und Claudia wachsen in der kleinen Bauhaus- Siedlung "Eintracht" direkt an der Berliner Mauer im Osten der Stadt auf. Werner gründet eine Familie, die rasch scheitert, wird Professor für Marxismus-Leninismus, was nach der Wende nicht mehr gefragt ist, lebt "entrückt" und "verrückt" in Mecklenburg. Mit der Vergangenheit bricht er.  Zweieinhalb Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung taucht er auf, besucht ab und an die im  Elternhaus lebende Schwester Renate. Die Schaechter-Schwestern sind  wieder in der weltabgeschiedenen Siedlung, renovieren den Gropiusbau, wie das Elternhaus genannt wird. Nebenbei legen sie auch ihre Familiengeschichte frei. 

Exzentrisch elegant, unverheiratet und kinderlos. Claudia, zu DDR-Zeiten eine anerkannte Kostümbildnerin, schneidert inzwischen  für Berliner Boutiquen. Die Drei verbindet nicht nur eine Kinderfreundschaft, mit beiden Schwestern macht Werner seine ersten sexuellen Erfahrungen. Was ihn  aber nicht hindert, als IM der Staatssicherheit die Schaechters zu bespitzeln. Die Stasi und ihre Spitzel,  immer wieder ein Thema in Kathrin Schmidts Büchern.

Die Vergangenheit holt sie ein, als  Werner auftaucht, längst vergangen geglaubte Konflikte brechen auf . Hinzu kommt Werners verlorener Sohn Henry, der sich im Stricher- und Drogenmilieu bewegt. Was der Roman allerdings nicht weiter verfolgt.

Kathrin Schmidt erzählt nicht chronologisch.  Die Zeitebenen wechseln zwischen Vergangenheit und Erzählgegenwart, raffiniert verknüpft durch verschiedene Erzählstränge. 2014 an einem Augusttag beginnt die Handlung,  springt zurück und wieder vor.  Sodass die Historie eines ganzen Jahrhunderts  - von den Anfängen des 20. bis zu den Anfängen des 21. -  sich entfaltet.   Kriege, Verfolgung, das geteilte Deutschland, Aufbaujahre in der DDR, der 17. Juni 1953, die "Wende". Um nur einige Schlüsselereignisse zu nennen. Gesellschaftliche Umwälzungen mit all ihren Verwerfungen. Eine Reise durch die deutsche und europäische Geschichte. 

Nicht der Wechsel DDR zu BRD steht im Fokus der Autorin, sondern sie zeigt mithilfe exemplarischer Lebensentwürfe, wie Menschen sich darin einrichten, sich immer wieder in den Widersprüchen verstricken, „Die Zeit ist eine Dampframme, der nichts widersteht“, heißt es im Roman. Was nichts anderes bedeutet, als dass Gegenwart ohne Vergangenheit nicht denkbar ist, dass Menschen immer das Ergebnis ihrer Vergangenheit sind.

Distanziert und mit  feiner Ironie schildert die sprachmächtige Berliner Schriftstellerin Kathrin Schmidt  sowohl die Geschehnisse wie auch das schillernde Figurenensemble. Gerade auch die Westtypen. Sie ist auch eine Meisterin der Anspielungen.  Während der "Tauwetter"-Periode , als der "Übervater" Stalin "zerfleddert" wird, leben  die politisch eher skeptischen Schächters,  die  - "wären sie in Berlin gewesen, das Pendel hätte wohl eher in Richtung Westen ausschlagen können " -  im "Auge des Zyklons" in der SU recht gut. Glauben an "Staublindheit " zu leiden, kommen dann wieder zurück auf  die "helle Zukunft" . Beschönigendes Parteivokabular. 

Wunde Punkte", an die nicht gerührt werden sollte, sind  die Verbrechen im Dritten Reich an den Juden. Auch über  eine jüdische Herkunft  zu sprechen, ist wenig ratsam. Weder in der DDD noch in der SU oder in Polen, wo der kommunistische Staat  die "jüdische Herkunft der Aufwiegler" bei Studentenprotesten herausstellt. Zu DDR-Zeiten erleben die  Schaechters den Alltagsantisemitismus, so werden sie von dem proletarischen Nachbarn Kapok schon mal als "jüdische Großkotze"  beschimpft.  Auch  erzählt Cilly ihrem späteren Mann Joachim, dass ihre Familie "verloren gegangen" sei, eine Umschreibung für den Tod im Gas von Auschwitz. Er wiederum weiß, dass er nicht weiter fragen darf. Über allem wacht der "innere Zensor".

Ein Erzählstrang, der über hundert Jahre zurückgeht, berichtet von den Vorfahren, osteuropäische Juden, die zuerst vor NS-Diktatur, dann vor der Stalins fliehen müssen. Antisemitismus ideologieübergreifend. Stationen der Flucht: Berlin, Wien, Prag, Moskau.  Joachim Schaechter marschiert dann  gar als Sowjetsoldat in Berlin ein.

 Eine jüdisch-kommunistische Familien, die  von einer "besseren Welt" träumt, auch für Juden.  Bis nach Bosnien, Indien und Israel schlägt Kathrin Schmidt ihren Bogen, verschollene Familienmitglieder tauchen auf, so die Anfang der 1930er-Jahre auf der Flucht in Wien zurückgelassene jüngste Schwester Lea von Joachim Schaechter. Geschichten vom inneren und äußeren Exil.  Oft höchst  überraschende Zufälle. Gestützt sind die Erinnerungen durch alte Fotografien, Filme, Briefe und ganz modern durch Facebook.

Die zahlreiche Nebenfiguren, von denen  jede genügend Stoff für einen  Roman böte, und  die vielen Schauplätze verlangen vom Leser durchaus Aufmerksamkeit, damit der Überblick nicht verloren geht. 

Mit "Kapoks Schwestern" ist Kathrin Schmidt ein  richtig guter Roman gelungen.

Die 1958 in Gotha geborene Kathrin Schmid  arbeitete als Psychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Für ihre literarischen Arbeiten bekam sie zahlreiche Preise, darunter den Leonce-und-Lena-Preis 1993. Ihr 1998 erschienener Roman »Die Gunnar-Lennefsen-Expedition« wurde mit dem Förderpreis des Heimito-von- Doderer-Preises und dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1998 ausgezeichnet. Für ihren Roman »Du stirbst nicht« erhielt sie 2009 den Preis der SWR-Bestenliste und den Deutschen Buchpreis.

 

INFO

Kathrin Schmidt: Kapoks Schwestern.

Kiepenheuer & Witsch. 448 Seiten, 22,60 Euro.

 

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