Klaus Modick:  Keyserlings Geheimnis

"Wenn es so Korrekturbogen - nicht wahr, so nennt man das? - Korrekturbogen des Lebens gäbe …"  

Klaus Modicks neuer Roman „Keyserlings Geheimnis“ erzählt von dem nahezu vergessenen rätselhaften Schriftsteller Eduard von Keyserling. Schlägt man das Buch auf, sieht man als erstes dessen Bildnis; 1901 malt Lovis Corinth den 46-jährigen baltischen Grafen, Dandy, Dichter, Flaneur, um nur einige Charakterisierungen zu nennen.

"Manchmal fragt er sich, wer eigentlich dieser Untote ist, der ihm da im Spiegel ins Auge blickt und hinter dem seine wahre Person immer unsichtbarer zu werden scheint",  denkt der Protagonist über sich selbst. Ein Wrack, verwüstet von der Syphilis, gleicht er der  "Inkarnation des zerfallenden Adels", erduldet jedoch mit der "nachlässigen Eleganz" der

Aristokratie seinen düsteren Zustand. Mit drastischem Realismus malt Corinth den kranken entstellten Keyserling; das Porträt hängt heute in der Neuen Münchner Pinakothek.  Immer höflich, stilbewusst und geistreich trägt Eduard von Keyserling sein Leiden mit Fassung. „Sein zu wollen, was man nicht ist, ist natürlich vulgär“, lautet sein Credo. 1918 stirbt er gelähmt und erblindet  63jährig in München.

Wenig Verbürgtes gibt es über Keyserling, seinen Nachlass lässt er vernichten, verwischt bewusst Spuren. Worauf der Autor Klaus Modick  in seinen Anmerkungen hinweist. Was bleibt, sind Äußerungen seiner Umwelt. Ausdrücklich betont der Autor, dass „Keyserlings Geheimnis“ als Roman Fiktion sei, aber auf Fakten der Biographie basiere, sofern  noch rekonstruierbar.

1874 beginnt Keyserling an der Universität Dorpat das Studium der  Rechtswissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie, wird 1877 wegen einer dubiosen „Inkorrektheit“ unehrenhaft ausgeschlossen, ist fortan gesellschaftlich geächtet. Was er sich genau zuschulden kommen hat lassen, lässt sich nur vermuten. Diese Leerstelle füllt Modick stimmig mit einer Affäre: Die aus einfachen Verhältnissen stammende Ada, heiratet den "Alten Fritz" von Cray aus noch älterem, baltischem Adel.

 Nach vielen Jahren begegnet sie Keyserling im Roman wieder, gesteht ihm ihre "fein gesponnene Intrige". Weggelaufen vor dem Skandal führt der Weg des Protagonisten über Dorpat, Riga, Warschau, Wien nach München, wo er sich 1895 niederlässt, rasch zum Mittelpunkt der dortigen Bohème des Fin de Siècle wird. Zu dem Kreis gehören außer dem Maler Lovis Corinth dessen Lieblingsmodell Charlotte Berend, der Schriftsteller Max Halbe nebst Frau Louise, Paul Cassirer, Frank Wedekind. Gemeinsam verbringen sie am Starnberger See den Sommer. In seinem feinen Künstlerroman "Keyserlings Geheimnis" lässt Klaus Modick  Realität und Fiktion zu einem schlüssigen Sittengemälde verschmelzen. Stilistisch ganz im Duktus jener Zeit. Die Geschichte spielt im Jahr 1901, sehnsuchtsvolle Rückerinnerungen des Protagonisten führen immer wieder in die versunkene baltische Welt. Kurt Tucholsky, einst als Soldat dort stationiert, stellt  fest: "Welch eine festgefügte Welt!  Land – das es nicht mehr gibt."

 Schwermütig ahnt der kurländische Adel, dass seine Lebensart dem Untergang geweiht ist, da deren Schönheit und Kultur zwischen den Zahnrädern der Industrialisierung zermalmt werden würden. "Die Zukunft gehörte den Industrien und Fabriken, den Stahl- und Kohlebaronen."

 

Die Romanfiguren brillieren in wunderbaren wie humorvollen Dialogen, wobei Keyserling sich durch feine Selbstironie auszeichnet. Die Erzählgegenwart spielt im Sommer, die Rückerinnerungen meist auch. In einer bemerkenswert schönen poetischen Sprache malt  Modick mit Worten, lässt innere Bilder entstehen. Mit Naturschilderungen, welche alle Sinne berühren. So "riecht es nach feuchtem Laub und süßlichen Lindenblüten". Im Winter ist das baltische Land "wie von Glas umsponnen", im Frühling "seufzten die Bäume im Tauwind", "glühende Sommertage", "blauer Feldblumenduft" und "der Duft von Kletterrosen schwebt durch die Dämmerung wie ein fast vergessenes Parfüm".

Modicks Erzählung kreist behutsam um die Frage, warum Keyserling sich in seinem Zustand habe malen lassen. "Es mach ja jut jemalt säin", sagt er leise und hört plötzlich in seiner Stimme den sanften Singsang der baltischen Mundart". Und ergänzt: "So aussehn mecht ich aber lieber nich." Um dennoch am Ende versöhnt mit Vergangenheit und Gegenwart  zurückzublicken.

Ganz  sicher weckt die Lektüre von Klaus Modick brillanter Geschichte Interesse an Eduard von Keyserlings Romanen, die "seltsam traumhaft und unwirklich" vom Verschwinden einer Epoche erzählen: "Wellen", sein berühmtester Roman, das Dorf "Dumala" oder  "Fräulein Rosa Herz".

 

Klaus Modick

"Keyserlings Geheimnis". Roman

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018.

 

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Aalener Kulturjournal