Laura Barnett: Ein Leben aus leuchtenden Tagen

Dreißig Jahre lang gehört Cass Wheeler zu den Großen der Musikszene. Aufgrund eines Schicksalsschlages gerät sie in eine Lebens- und Schaffenskrise, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück, um zehn Jahre später mit ihrem Best-of-Album zurückzukehren.

Die britische Bestsellerautorin Laura Barnett ­schildert in ihrem Roman "Ein Leben aus leuchtenden Tagen" detailliert und mit großem Einfühlungsvermögen das Leben ihrer 1950 geborenen Protagonistin  Cass Wheeler. Von Geburt an bringt ihr die Mutter weder Zärtlichkeit noch Mitgefühl entgegen, stattdessen emotionale Kälte. Unnahbar und launenhaft. Kurz nach Cass´ zehntem Geburtstag verlässt sie die Familie, um mit ihrem Geliebten  in Kanada ein neues Leben aufzubauen. Der Vater aber geht am Zerbrechen seiner kleinen Familie zugrunde.

Ein Umstand, der Narben in Cass´ Seele hinterlässt. Innerlich  sehnt sie sich nach mütterlicher Liebe und Bestätigung, zweifelt an sich, stellt sich die Frage, welche Schuld sie selbst am Verhalten der Mutter trägt. Eine Reaktion, die Cass´ weiteres Leben, - auch noch als Erwachsene - belastet. "Ihre Selbstreflexivität, diese verfluchte Neigung, eher in sich hineinzuschauen als nach außen in die Welt: Sie hat ihr alles gegeben und alles genommen",  wird sie später feststellen. Diese Gabe ist allerdings gleichzeitig die Inspirationsquelle für ihre Kunst. Vietnamkrieg, Bürgerrechtsbewegung, Irland - Themen  anderer Sänger, kommen in ihren Songs nicht vor, sie schreibt vielmehr über ihr eigenes Leben: das Drama ihrer Kindheit, ihre Ehe mit dem Musiker Ivor Tait, über ihre Tochter Anna.

 

Der Soundtrack des Lebens

 

Sex and Drugs sind die Devise der Musikszene der  70er, die Zeit, in der die Ausnahme-Musikerin Cass Wheeler berühmt wird. Ivor Tait, ihr Mann, seelisch genauso beschädigt wie sie, neidet ihr jedoch die Karriere. Demütigungen, Drogen, Alkohol und Gewaltexzesse bestimmen den Alltag des Paares. Opfer in diesem Ehekrieg ist  Tochter Anna. Als kleines Mädchen noch ein Energiebündel, gerät sie völlig aus der seelischen Balance, verschließt sich, lässt die Mutter nicht mehr an sich heran, entwickelt ähnliche Reaktions- und Verhaltensmuster wie einst diese. Unsicher und ängstlich sucht sie sich die falschen Freunde, die falschen Männer. Der Unterschied: Die Gesellschaft hat sich in all den Jahren verändert. Während Cass noch Halt findet bei der unkonventionellen Schwester ihres Vaters, wächst Anna hingegen in  einem lebensfeindlichen selbstzerstörerischen Umfeld heran, landet schließlich gar in der Berliner Hausbesetzerszene. Ein Leben am Rande des Abgrunds. Und Anna stürzt ab, kehrt am Ende zum Sterben dünn nach England zurück.

Rückblenden verschränken sich im Roman mit  der Erzählgegenwart. Jedem Kapitel stellt  Laura Barnett  einen Song voran, insgesamt 16, welche Gefühle und Erfahrungen ihrer Protagonistin spiegeln, das Bild ihrer vergangenen Jahre zusammensetzen. Auch Erkenntnisse, die erst kommen, als es zu spät ist. Was Cass akzeptieren muss, um am Ende eine liebevollere Art zu leben zu lernen. Nur so gibt es eine Zukunft für sie.

Im Anhang erläutert die Autorin, wie intensiv sie sich  in das Thema des Buches eingearbeitet hat.  Zahlreiche Künstlerbiographien habe sie gelesen, sich Einblick in das  Musikgeschäft verschafft und sich mit den Ursachen wie der Therapie von Essstörungen auseinandergesetzt. Ein Umstand, den man dem bewegenden Roman deutlich anmerkt. Laura Barnett weiß, wovon sie  spricht. Die von ihr verehrte Musikerin  Kathryn Williams hat die Liedtexte aus dem Roman in Noten gesetzt, veröffentlicht im  Album "Songs from the Novel Greatest Hits".  Den "Soundtrack" ihres Lebens und des ihrer Protagonistin habe sie geschrieben, erklärt Laura Barnett.

 

INFO

Laura Barnett

Ein Leben aus leuchtenden Tagen

Roman

Aus dem Englischen von Barbara Ostrop

 

Kindler Verlag

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Aalener Kulturjournal