"Was uns betrifft" - das neue Buch von Laura Vogt

 Webt jede ihre Geschichten selbst?

Mit „Was uns betrifft“ hat Laura Vogt den zweiten Roman vorgelegt. Die  1989 geborene Schweizer  Autorin veröffentlichte ihren Erstling "So einfach war es also zu gehen“  2016. Was es heute für eine moderne junge Frau heißt, Mutter zu werden und zu sein, thematisiert nun ihr neuer Roman. Denn Schwangerschaft, Geburt des Kindes, dessen Bedürfnisse verändern  das Leben komplett. Keine soziale Bindung, die ein Mensch eingeht, ist so intensiv wie die Bindung an das Kind.

Drei Frauen -  Verena und ihre erwachsenen Töchter Rahel und Fenna  - stehen im Mittelpunkt. Verena ist hochschwanger mit der zweiten Tochter, als  sie von Erik verlassen wird, der keine Kinder haben will, schon gar keine Töchter. Wie  ihn auch  ihre lesbische Nebenbeziehung stört.  Die Jazzmusikerin Rahel, die älteste inzwischen 27 jährige Tochter,  kann selbst als Erwachsene ihre Mutter „schlecht ertragen“. Den Verlust des Vaters hat sie nie überwunden. Für die zahlreichen Affären - geschildert mit drastischen Worten -  mit Männern aus den umliegenden Dörfern verachtet Rachel  die Mutter. Ebenso deren albernen „Dämlichabende“ mit  Eierritualien als Reminiszenz an die Weiblichkeit.

Für Rachel ist die  Mutter das Gegenmodell! Als Rachel schwanger wird,   „eine kurze Affäre, trotz Kondom“,  will sie alles anders machen als die Mutter: „Immer für ihr Kind  da sein.“

Da ein Kind schlecht zu vereinbaren sei mit dem Leben einer Jazzerin, macht sie sich auf die Suche nach einem Mann.  Bei Boris, einem fürsorglichen Schriftsteller, in dessen Haus auf dem Land, kommt sie unter.  Rasch entwickelt Rachel eine neue Sicht auf die Welt: Auf die Familie will sie sich konzentrieren, kochen, putzen, im Garten arbeiten. Nach dem kleinen Rico  kommt Leni zur Welt. „Sie hatte tatsächlich eine Tochter geboren, ihr wird speiübel bei der Vorstellung.“  Sie kann sie nicht stillen, berührt sie nicht. Eine postnatale Depression oder doch eher weiblicher Selbsthass, biographisch bedingt? Auf jeden Fall eine Art Identitätskrise. Boris, ein  engagierter liebevoller Vater, ermuntert Rachel, inzwischen seine Frau,  ihre Träume nicht aufzugeben. Rachel wird immer unglücklicher, will fliehen. In der Beziehung kriselt es. „Ein Haus, ein Mann, ein Sohn, eine Tochter, ein Stück Garten und dann doch auf einmal diese Leere.“  Sie will wieder singen, texten, kreativ sein.  

Die  zweite Seele in Rachels Brust verkörpert ihre „schöne freie Schwester Fenna“, die gar nicht so „frei“ ist, sich durchs  Leben treiben lässt. Welche das Leben der Mutter eher kopiert.   Zu anstrengend die Arbeit als  Primarlehrerin, lieber jobbt sie in einem Altstadtcafé, gerät immer an den falschen Mann. Fenna wird schwanger von  Luc, einem „Meditationsgockel“ auf Dauersinnsuche. Für den sie jedoch zu viel Verständnis hat: Selbst als er sie vergewaltigt, redet sie sich das schön. Im Unterschied zu Rachel ist sie der Ansicht, für ein Kind keinen Vater zu brauchen. Als Fenna und die durch eine Brustkrebserkrankung geschwächte  Mutter Rachel besuchen, verreist Boris mit den Kindern, sodass sie die Möglichkeit habe, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Laura Vogts  unkonventioneller wie  kluger Roman  „Was uns betrifft“ kommt  nicht mit vorschnellen Schlüssen daher. Es geht der Autorin nicht um Schuldzuschreibungen, sondern sie beleuchtet Einstellungen und Verhaltensweisen, ohne zu werten. Die in ihrer Rolle verunsicherten weiblichen Charaktere zeigen Sprünge und Brüche. Entgegen der Botschaft der Gegenwart, welche verkündet, dass  die moderne Frau wie die moderne Mutter sich permanent zu optimieren hätten: attraktiv, beruflich erfolgreich, rundum perfekt.

Mutterbilder haben eine lange Tradition. Historisch neu ist die intensive, Jahre dauernde Mutter-Kind-Beziehung, entstanden durch den Aufstieg des Bürgertums im  19. Jahrhundert. Viele  Gesellschaftsschichten  konnten sich das indes schlichtweg  nicht leisten, mussten doch Bauern-, Handwerker- und Arbeiterfrauen durch ihre Arbeit zur Existenzsicherung der Familien beitragen.

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verändert sich langsam die  Rolle der Frau, seit  den neunziger Jahren gar existiert kein vorherrschendes Mutterbild mehr. Was jedoch bleibt ist die Biologie:  vom Eisprung bis zur Geburt. Ausführlichst im Roman, der sich auf diese Phase konzentriert,  in bildreicher Sprache abgebildet. Das traditionelle Bild „Papa liest und Mama kocht“ hat sich gewandelt: Die Frauen wollen die Welt und die Kinder mit den Männern teilen, die Rollen flexibler besetzen. Ende des 20. Jahrhunderts  beginnen sich unterschiedliche Lebensformen zu entwickeln: alleinerziehende Mütter, Väter, unverheiratet zusammenlebende Paare. Dennoch werden die jungen Mütter  in die Zange genommen durch gesellschaftliche Erwartungen wie die eigenen Ansprüche. Mit der Geburt eines Kindes erleben sie, wie dessen Bedürfnisse sich in den Vordergrund schieben, wie Individualismus und Selbstverwirklichung damit kollidieren.  Gerade weil das Mutterbild immer einem kulturellen Wandel unterliegt, stellt sich jede Generation die  Frage, was unter einer „guten“ Mutter zu verstehen ist, aufs Neue. Wissen, das hilfreich sein kann, wenn die jungen Mütter sich neu definieren, das Kind ins Leben integrieren müssen.

Zwischen Selbstsucht und Selbstverleugnung. Erfahrungen, welche die Autorin Laura Vogt mit ihrer Romanfigur Rachel teilt. „Der Raum für das eigene Denken ist mit einem Kind viel kleiner. Früher konnte ich am Morgen schreiben, am Nachmittag spazieren. Das war mit Kind nicht mehr möglich. Diesen Raum musste ich mir als Autorin wieder neu schaffen“, erklärt sie in einem Interview.

Was im Leben zählt,  thematisiert der Roman „Was uns betrifft“:  Familie,  Beziehungen, Selbstverwirklichung, Sexualität?  Zum ersten Mal sprechen  Verena, Rachel und Fenna, welche lange vor sich weggelaufen sind, offen miteinander. Von der  schmerzlichen Suche nach Halt, den zugefügten  Kränkungen, den Überforderungen. „Jede webt ihre Geschichten aus ihren Erfahrungen und trägt sie anders“, lautet der Schlüsselsatz.   Indem die Frauen einander zuhören, können sie versuchen zu verstehen. Um das prägende Mutter-Tochter-Verhältnis, das entscheidend die Basis bildet für die weibliche Selbstakzeptanz,  kreist der Roman,  um das   Verhältnis der Frauen zu sich selbst, die lernen müssen, sich wertzuschätzen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und dafür einzustehen.

 

Laura Vogt

Was uns betrifft

Roman

210 Seiten

Zytglogge-Verlag

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Aalener Kulturjournal