Ljudmilla Ulitzkaja: "Jakobsleiter"

Wir stehen auf der Leiter der Erkenntnis - 

hinter uns die Vorfahren, vor uns die Nachkommen.

"Jakobsleiter", so der Titel des nun ins Deutsche übersetzten Romans der Moskauer Schriftstellerin Ljudmilla Ulitzkaja, der Grande Dame der zeitgenössischen russischen Literatur, die zu den wichtigsten kritischen Stimmen Russlands gehört.

Im Alten Testament wird erzählt, dass Jakob auf seiner Flucht in einer Traumvision eine Treppe sieht, welche Himmel und Erde verbindet.  Im  Roman Symbol für die russische Familie Ossetzki. Auch ein Wortspiel, heißt doch der Großvater Jakob, russisch "Jakow".  "Es ist eine Leiter der Erkenntnis, der Erweiterung des Horizonts, ob wir dies wollen oder nicht. Wir alle stehen auf dieser riesigen Leiter, hinter uns stehen unsere Vorfahren, vor uns unsere Nachkommen", so die Autorin. Eingebunden in den Strom des Lebens, Ewigkeit im Gegenwärtigen. Von ihrer Protagonistin Nora wird dieses Bild ins Spiel gebracht bei der Inszenierung eines Musicals, welche  zu einer Auseinandersetzung mit ihrer halbjüdischen Herkunft führt.

Die Geschichte wechselt zwischen mehreren Erzählsträngen, beginnt 1975 mit dem Tod Maria Ossetzkajas, der Großmutter, spannt sich bis zum Ende der Sowjetunion, bis zur Ära Gorbatschow, Jelzin, der postsowjetischen Zeit. Der Afghanistankrieg, im Kaukasus, in Georgien brodelt es. Das Jahr 2000: "Der zweite Tschetschenienkrieg war in vollem Gange." Gespiegelt wird ein Jahrhundert der Gewalt im Leben der Protagonisten. Ausführliche Rückblenden in die Zeit des Zarismus, der russischen Revolution, des Stalinismus beleuchten die Vergangenheit.  Die zweite Zeitebene erzählt von deren Enkelin Nora, Bühnenbildnerin, von deren gescheiterten Beziehungen, ihrem Sohn Jurek, der so lange nicht  Tritt fassen kann. Die ihr Leben nach dem Ende der Sowjetzeit, als  Russland sich zu öffnen beginnt, neu erfinden muss. Sie ist die Kristallisationsfigur des Romans, umkreist von allen Geschehnissen. Nora erbt von ihrer Großmutter, mit der sie sich aufgrund politischer Differenzen entzweit hat, eine Truhe mit rund 500 Briefen. Jahre später erst, als "alle  gestorben sind, die ihre Fragen hätten beantworten können", wertet sie die Briefe aus.  Stolz und elend habe die Großmutter gelebt, in "ideologisch motivierter Armut." Gesinnungsgenossin von Nadeschda Konstantinowna Krupskaja, russische Politikerin, Revolutionärin und als Ehefrau Lenins einflussreiche Pädagogin in dessen Reich.

Individuelle Freiheit in Zeiten des Wandels?

Maria Ossetzkaja, 1890 geboren, aus einer Schweizer Uhrmacherdynastie stammend, ist halbjüdisch. 1905 in Kiew fällt sie fast einem Pogrom zum Opfer. "Die Familie verarmt, langsam, aber stetig."  Zionismus, soziale Ideen kommen auf zu jener Zeit, die junge Generation sympathisiert damit. Maria, Marussja genannt, studiert Reformpädagogik, modernen Tanz, ist überzeugte Kommunistin. Bei einem von Sergej Rachmaninov dirigierten Konzert lernt sie 1911 Jakow Ossetzki kennen, einen universell gebildeten Wirtschaftswissenschaftler, "schlank, schön, elegant gekleidet". Ein Schöngeist, Freigeist und Humanist. Sie verlieben sich leidenschaftlich, stimmen "in den tiefsten Seelenregungen" überein, heiraten. Allerdings kommt es bereits nach der ersten Liebesnacht zu Verstimmungen, da Marussja  Jakow vorwirft, er stamme aus einer "bourgeoisen Familie", um im Brustton der Überzeugung zu bekennen: "Ich bin Marxistin." Jakow hingegen betont den Wert der individuellen Freiheit, die  der  Marxismus unterdrücke. Zwischen Marussja und Jakow beginnt "ein Briefwechsel, der von 1911 bis 1936 währt, ein Vierteljahrhundert ihrer Liebe, ihrer Freundschaft, ihrer Ehe". Politische Ereignisse werden gestreift, wie das  Attentat im Jahr 1911 auf den  Minister und Reformer Stolypin, die Emanzipation der Frau. "Ohne Frauenbildung fehlt der Weltkultur vieles."

Dann der Erste Weltkrieg. 1916 kommt Sohn  Genrich zur Welt. Sturz des Zarismus. "Der Krieg ging in die Revolution über, die Revolution in den Bürgerkrieg."  Obendrein der Zweite Weltkrieg. Immer wieder  streut die Autorin Briefe, die dem Leser Aufmerksamkeit abverlangen, ein, welche Marussjas und Jakows Haltung zu den Veränderungen deutlich machen. Oft auch Exkurse in die Literatur, Philosophie, Musik.  Teils handelt es sich um Originalbriefe, teils sind sie inhaltlich verändert beziehungsweise neu erfunden.

Jakow  engagiert sich nach der Februarrevolution politisch. Die Mitglieder des Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrates sind ungebildet, viele Analphabeten, "wild" und "furchteinflößend" als Masse. Ein Mann seiner Bildung findet in diesem Gefüge keinen Platz. Jakows  Vorschläge zur Umgestaltung von Industrie und Verwaltung werden misstraut.  Wie er auch als Jude und Intellektueller von vorneherein unter Verdacht steht. Eine "gerechte" Ordnung zu schaffen, heißt für die neuen Machthaber "Enteignung", was Jakows Vater, einem Mühlenbesitzer, sofort widerfährt. Marussja bleibt beharrlich eine "begeisterte Anhängerin der neuen Macht".  Repressalien bestimmen den Alltag, auch Künstler sind permanent der Willkür seitens inkompetenter und flegelhafter Parteiführer ausgesetzt, mitunter mit tödlichem Ausgang. 

 Menschenleben ohne Wert

Da die Pläne zur  Turboindustrialisierung Russlands in der vorgegebenen Zeit nicht so umsetzbar sind, wie die Machthaber es sich vorstellen, werden Schuldige gesucht. Den Beschäftigten der Bergbaubetriebe - Jakow gehört dazu - wird "Sabotage" und "Spionage" vorgeworfen, überall werden "Schädlinge" entlarvt. Ab  1931 wird Jakow zu Lagerhaft verurteilt,  erst 1956 nach Stalins Tod "rehabilitiert", darf sich aber nicht in Moskau aufhalten; die Auflage: eine "Bannmeile" von 100 Kilometern.

1,5 Millionen Sowjetbürger sind ab 1937, dem Jahr des "Großen Terrors" angeklagt. 700.000 werden hingerichtet, 500.000 in Straflager  verschleppt. Zwischen  Marussja und Jakow kommt es zur Entfremdung, sie wirft ihm vor, im "kleinbürgerlichen  Sumpf" zu stecken,  beantragt heimlich eine Fernscheidung, um Repressalien zu entgehen. "Briefmarken halten keine Ehe zusammen", schreibt er in Briefen aus Sibirien. Jakows allerletzten Brief 1954 beantwortet Marussja, die ab 1941 als Dramaturgin in  Moskau arbeitet, nicht mehr.

Dreizehn Jahre verbringt Jakow in verschiedenen Lagern. "In den Lagern saß der zur Vernichtung bestimmte Teil einer ganzen Generation. Wissenschaftler, Künstler, Dichter - herausragende russische Intellektuelle, vom Gründer des großen Sowjetstaates `Scheiße der Nation´ genannt."  Das letzte das entsetzlichste, ein "Lager für geschwächte, arbeitsunfähige Häftlinge aus den Kohlebergwerken". Massengräber, in denen "Freunde und Feinde der Sowjetmacht, Analphabeten und Hochgebildete, Dumme und Kluge, Weltberühmte und Namenlose liegen. Unter Pfählen mit Nummern." Acht Monate nach seiner Entlassung stirbt Jakow an einem Herzinfarkt. Seinem Sohn Genrich begegnet er nur noch ein einziges Mal. Erst die Enkelin Nora wird aus den KGB-Akten erfahren, dass Genrich, der  fürchtet, sein Leben wäre als Sohn eines "Volksschädlings" ruiniert, den Vater denunziert und damit dessen Ende  besiegelt hat.  "Meine politischen Überzeugungen stehen über meinen verwandtschaftlichen Gefühlen." 

Die Wahrheit ist manchmal schwer zu ertragen.

2011 beginnt Nora, welche viele Gemeinsamkeiten mit ihrer Schöpferin Ljudmilla Ulitzkaja hat, sich mit den  Briefen des Großvaters aus dem Jahr 1911 zu beschäftigen. Inzwischen Großmutter eines kleinen Jungen, der den Namen Jakow trägt. Im selben Jahr wie die Autorin, die in einem Interview erzählt, dass sie lange Zeit nicht gewagt habe, die Briefe anzurühren, weil sie gefürchtet habe, unangenehme Dinge über ihre Angehörigen zu erfahren. Im Jahr 2011 habe sie sich ein Herz gefasst und sie gelesen. Ein Jahrhundert, nach dem der erste Brief geschrieben worden ist.  "Die Wahrheit über sich selbst, über die eigene Familie, die eigenen Zeitgenossen und Vorfahren ist manchmal schwer zu ertragen. Man möchte dieses Wissen aus dem Gedächtnis streichen, möchte bewusst darauf verzichten, um sich die Gegenwart nicht zu verdüstern. Auch ich bin solchem 'unbequemen' Wissen lange ausgewichen."

In einem Interview (Brigitte 20/20117)  erzählt Ljudmila Ulitzkaja nicht nur die Geschichte ihrer Großeltern, sondern wie der Roman "Jakobsleiter" entstanden ist.  Ganz im Bann dieser Briefe sei sie gewesen. Ihr  Großvater, den sie nur einmal im Leben gesehen habe, sei in der Familie totgeschwiegen worden. Aus seinen Briefen habe sie  viel über ihre Familie erfahren, Geheimnisse, Tabus. Jede Familienvergangenheit sei gleichzeitig die Vergangenheit ihres Landes. Fast jede Familie habe Angehörige, über die man schweige. Vom stalinistischen Terror sei kaum eine Familie nicht betroffen gewesen. Weiße und schwarze Flecken fänden sich in jeder Familie. "Die weißen stehen für die Dinge, über die man nichts weiß. Aber es gibt auch schwarze Flecken. Ereignisse, über die die Familie schweigt." Insgesamt 28 Millionen Menschen fielen dem stalinistischen Terrorregime zum Opfer. Deportiert, ermordet, verschollen. Der Terror war überall. Jeder konnte Opfer werden, selbst die linientreusten Parteigenossen. Die erlebte politische Gewalt wirkt bis heute fort in der Gesellschaft.

Löst sich das Böse in der Zeit auf?

"In Russland war ein Menschenleben noch nie etwas wert. Das ist eine vorrevolutionäre Tradition", erzählt Ulitzkaja. Während sie die Liebesbeziehung des jungen Paares auch fiktional gestaltet, lässt sie zu Jakows Schicksal vor allem die KGB-Akten, von Nora aus den Archiven besorgt,  und die Briefe sprechen.  

Viele der tragischen Ereignisse, die Ljudmila Ulitzkaja schildert, haben einen biografischen Hintergrund. Ulitzkaja berichtet, dass sie aus dem Material das Leben ihrer Großeltern habe rekonstruieren wollen, allerdings sei sie auf so viele nicht zu schließende Lücken gestoßen. Der Grund, warum sie keinen Dokumentar-Roman geschrieben habe, auch keinen durchgängig autobiographischen Roman. Politische Gewalt sei  in Russland im 20. Jahrhundert allgegenwärtig gewesen. Das Lebensthema Ljudmila Ulitzkajas.
Im letzten Kapitel lockt ein "wundervoller Gesang" Nora in eine Kirche. "Plötzlich musste sie weinen. Sie war nicht religiös, mit der Orthodoxie hatte sie nichts zu tun, ebensowenig wie mit irgendeiner anderen Religion. Doch ihr Herz reagierte auf Töne." Und weiter: "Plötzlich brach sie in hemmungsloses Weinen aus, und es war, als weinte nicht sie, sondern der kleine Genrich in ihr. (…) Würde sein Kummer nie enden, nie erkalten, nie vergehen, würde er ihn und Nora und den kleinen Jakow, der gerade erst geboren und noch vollkommen unschuldig war, immer weiter quälen? Löst sich etwa all das Böse, das wir begehen, nicht in der Zeit auf, schwebt es weiter über jedem nächsten Kind, das aus dem endlosen Strom der Generationen auftaucht?" Die Antwort findet sich im Epilog: "Alles geht gut aus. Auf das Happy End folgt der Tod."  Eine lapidare wie wahre Antwort, die sich all die barbarischen "Volkserzieher" merken sollten. An das Ende des Lebens zu denken, ordnet alles in die Wirklichkeit ein, eine Wirklichkeit, die jedem Lebewesen gewiss ist. Und dass es darum besser ist, das Leben in Frieden mit sich und seinen Mitmenschen zu verbringen.

Ein zu Herzen gehender Roman einer klugen russische Autorin, wunderbar ins Deutsche übertragen von Ganna-Maria Braungardt. 

Bevor Ljudmila Ulitzkaja zu schreiben anfing, war sie Genetikerin am Akademie-Institut in Moskau, verlor 1969 in der Sowjetunion ihren Beruf, weil sie unerwünschte Literatur verbreitet hatte. Sie arbeitete dann beim Jüdischen Kammermusiktheater, veröffentlichte 1983 erstmals. Seit den Neunzigerjahren ist sie weltweit mit ihrem Werk präsent.

 

 


Ljudmila Ulitzkaja: "Jakobsleiter" 
Übersetzung aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. 
Carl Hanser Verlag
640 Seiten, gebunden, 26 Euro

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Aalener Kulturjournal