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Maria Lazar:  Die Eingeborenen von Maria Blut

Provinzfaschismus - nicht nur "Made in Austria"

Übergangen, totgeschwiegen, aus  Anthologien verbannt. Positioniert hat sich Maria Lazar außerordentlich hellsichtig bereits Anfang der 30er  Jahre gegen den aufkommenden Faschismus, verlässt deshalb mit ihrer kleinen Tochter schon 1933 Österreich, um über Dänemark nach Stockholm ins Exil zu gehen.

Aspekte, welche der Rezeption ihres Oeuvres in den ersten Jahrzehnten nach dem Ende der Nationalsozialismus nicht gerade förderlich sind. Obgleich sie vor der Emigration bestens vernetzt ist mit der damaligen österreichischen Kulturszene, mit Hermann Broch, Elias Canetti, Oskar Kokoschka, um nur einige zu nennen.

Seit 2014 jedoch erlebt  die in Wien geborene, aus einer zum Katholizismus konvertierten großbürgerlichen jüdischen Familie stammende Schriftstellerin und Journalistin Maria Lazar      (1895–1948) eine Renaissance.

Ihr Debüt „Die Vergiftung“, ein  autobiographisch grundierter Sittenroman,  schreibt sie bereits 1920,  1932 den Identitätsthriller „Leben verboten!“. In einer aktualisierten Neuausgabe erscheint nun der 1935 im dänischen Exil entstandene, erstmals 1958 gedruckte  Widerstandsroman  „Die Eingeborenen von Maria Blut“. Dass die drei Romane, welche  nur ein Ausschnitt von Maria Lazars Schaffen darstellen, neu aufgelegt worden sind, ist dem Wiener Verleger Albert C. Eibl zu verdanken. 

Schauplatz des Romans „Die Eingeborenen von Maria Blut“  ist 1932 der fiktive Wallfahrtsort Maria Blut, das österreichische Lourdes, in der Provinz gelegen  „eine D-Zugstunde von Wien“. Das Figurenpanorama: Honoratioren der Stadt, Adlige, Kleinbürger, Proletarier.

Wenn Dummheit, Lüge und Bosheit triumphieren

Scharfsichtig zeichnet die Autorin ein Bild der österreichischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit,  die schleichende Nazifizierung, den sich ausbreitenden Antisemitismus.  Juden und Andersdenkende werden ausgegrenzt. Dummheit, Lüge und Bosheit triumphieren. Ein Konglomerat von Wahnideen, Blütezeit für Betrüger und Wunderheiler, auch für politische.

Auch in Maria Blut spüren  die Menschen die Folgen des Ersten Weltkrieges:  Das Geld ist immer weniger wert,  viele sind arbeitslos, hungern. Existenzen gehen zugrunde. Alles wackle, die ganze Welt gehe Pleite, heißt es im Roman, der die wirtschaftlichen Unsicherheiten in einen deutlichen Zusammenhang stellt mit  der zunehmenden politischen Radikalisierung.

Hauptfigur ist der Arzt Gustl Lohmann, ein Außenseiter, schwach und resigniert, unfähig zum Widerstand,  verrufen als „Roter“, der den Pfarrer hinauswirft, als dieser seiner sterbenden Frau die letzte Ölung erteilen will. Bösartigste Gerüchte werden über ihn gestreut. Im „roten Wien“ habe er gar eine jüdische Geliebte, habe seine Frau von einem jüdischen Arzt töten lassen. Der Pfarrer, ein Genussmensch, zu „lax“, laut Bischof, nimmt nichts ernst, will seine Ruhe haben, kommt mit dem neuen „volkhaften“ Abt nicht zurecht. Nicht der einzige Hinweis im Roman, der an reale Begebenheiten und Personen anknüpft,  auf die umstrittene Rolle der katholischen Kirche Österreichs während der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus.

Wie aus dem realen Leben gegriffen

Mit Lohmann  spielt der alte jüdische Anwalt Meyer-Löw Schach.  Von allen Figuren, die den Roman bevölkern, hat dieser den größten Durch- und Weitblick.  „Die Welt ist meschugge.“ Der Hass auf die Vernunft sei älter als das Mittelalter, erklärt er dem Arzt. In nichts würden sich die Einheimischen von Maria Blut, von ihm die „Eingeborenen“ genannt, von irgendwelchen „Wilden“ unterscheiden. Auf einen Messias würden sie warten. Grausame Jahre prophezeit er indes. Den  Aufstieg faschistischer Gesinnung sieht er im  direkten Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg. Junge Männer, dabei Gustl Lohmanns ältester Sohn Adalbert, der ihm wie der jüngere Sohn längst entglitten ist, ziehen marodierend durch die Straßen von Maria Blut. Ihre Umtriebe werden als „Lausbübereien“ verharmlost. 

Der aus verarmtem Kleinbürgertum stammende Kellner Vinzenz, „Pimperl“ genannt,  fühlt sich zu Höherem berufen, scheitert in Wien als Musiker, glüht vor Hass auf Kommunisten und Juden, schwelgt über Seiten hinweg in Größenphantasien, sieht sich als Erlöser von „Millionen schmachtender Volksgenossen“. Während seine Schwester Notburga aus ihrem Unglück in eine fanatische Religiosität flüchtet, Resl von Konnersreuth nacheifert, einer  Bauernmagd, bekannt durch blutende Wundmale und Visionen. Über Jahrzehnte soll sie  sich nur von Hostien ernährt haben. Von den einen als Heilige, von den anderen als Betrügerin gesehen. Je nach Einstellung. Beste Satire liefert die Autorin, welche  sich als Journalistin tatsächlich mit der realen „Resl“ beschäftigt hat, als sie die „Eingeborenen“ über diese beim Bestellen eines  Schnitzels nachsinnieren lässt.

 Vom Oberlehrer Reindl, einem „Hakenkreuzler“, wird Vinzenz, unverkennbar eine gelungene Karikatur des sogenannten „Führers“, ideologisch unter die Fittiche genommen, mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“ versorgt. Reindls Schwester Fräulein Mitzi, Hausnäherin, nach eigenem Bekunden als Frau politisch unbedarft, trägt bei hausinternen Zusammenkünften „braune Kuchen in Hakenkreuzform“ auf, scharwenzelt aufgebrezelt um des Bruders Gesinnungsfreunde herum. In Feierlaune träumt man schon mal davon in Wien das Parlament abzufackeln.

Brauner Kuchen in Hakenkreuzform

Und dann gibt es noch einen Fememord. Der einzige  Lichtblick unter den Jüngeren ist Lohmanns mutige und aufrichtige Tochter Hanni. Abgehalfterte Kaiserliche Hoheiten und Exzellenzen kommen vor, Relikte der k. und k.-Monarchie, geplagt vom „unwürdigen Geldgeschichten“, welche die „Saurepublik“ verabscheuen, der Monarchie nachtrauern, vom Nationalsozialismus aber nicht begeistert sind. Dennoch: Alles, was in der Zeitung zu lesen ist, sei „Schwindel“. Erlogen von Journalisten und Juden. Das Verbindende der Einwohner von Maria Blut unterschiedlicher politischer Haltung ist die  antidemokratische und antisemitische Grundeinstellung.

Die Autorin verschließt auch nicht die Augen vor dem Elend der Frauen aus engen Verhältnissen: abgearbeitet, erschöpft von Schwangerschaften, wenig wertgeschätzt.  Die Geschlechterbeziehung verroht.  „Dummes Frauenzimmer“, „blöde Kuh“ „die Hur“, so die Titulierungen, auch von Seiten der Frauen. Eine stirbt fast bei einer Abtreibung. „Die hat Blut wie ein Sau“, der Kommentar.  

Jedes Verhalten speist sich aus einer Interaktion von Mensch und sozialem Umfeld. Desolate, instabile Zeiten führen zu einer  brutalisierten Gesellschaft, lassen hässliche Charakterzüge zum Vorschein kommen, die ihren Ausdruck in Ideologien der Gewalt finden. „Neue Kräfte regen sich. Man spürt es besonders hier auf dem Lande. Die Roten haben  bald ausgespielt.“ Die erzählte Zeit im Roman  endet vor 1933, das Schicksal der Ausgegrenzten bleibt am Ende ungewiss.

Literarische Feldforschung in der österreichischen katholischen Provinz

Maria Lazar beweist eine exzellente Beobachtungsgabe. Brillant, wie sie ihre Figuren darstellt, deren Verwicklungen und Verstrickungen plastisch vor Augen führt, diese wie Illustrationen zur Zeitgeschichte wirken lässt. Sarkastisch und bitterbös-schwarzhumorig. Glanzstücke sind die den Roman dominierenden Dialoge, in denen die Akteure sich selbst entlarven: Unvermittelt nebeneinander stehend erhellen sich Gesagtes, Gedachtes, Getanes gegenseitig. Naiv, verschlagen, vulgär, aggressiv – die ganze Bandbreite der Niedertracht zeigt das Figurenensemble. Im vermeintlich gemütlich klingenden österreichischen Idiom.  Der Roman versuche  zu ergründen, wodurch Menschen anfällig werden für den Faschismus, betont Prof. Dr. Johann Sonnleitner von der Universität Wien in seinem ausführlichen und fundierten Nachwort, welches auch Einblick gibt in das Leben der Autorin. 

Wilhelm Reich, Psychoanalytiker jüdischer Herkunft,  untersucht  in seinem 1933 zum erstmals erschienenen Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ die psychosozialen Hintergründe. Ob die Autorin Wilhelm Reichs  Analyse gelesen habe, sei jedoch nicht bekannt. Gleichwohl zeige der Roman  zahlreiche Berührungspunkte. 1935 nach der Fertigstellung des Romans bietet Maria Lazar  ihn österreichischen wie Schweizer Verlagen vergeblich  zum Druck. Aus Furcht vor herrschenden Repressalien, könne man die Herausgabe nicht riskieren, lautet die Antwort.

Der Roman  „Die Eingeborenen von Maria Blut“ widerspricht  auf 268 Seiten mit jedem Satz dem gern gepflegten  Mythos, Österreich sei das erste Opfer  und nicht Mittäter des Nationalsozialismus gewesen. Hierin liegt wohl ein wesentlicher Grund, warum die Autorin solange „vergessen“ worden ist.  Nicht nur in Österreich wurde die Gesinnung  erfolgreich der neuen Lage angepasst, um die kollektive Amnesie nicht zu stören.

Maria Lazars  „Die Eingeborenen von Maria Blut“  ist ein starker Roman, spannend zu lesen von der ersten bis zur letzten Seite. In der Zeitdiagnose, der politischen Substanz und Sprachmächtigkeit sollte der Roman seine Platz finden neben einer der größten deutschen Satiren des 20. Jahrhunderts: Heinrich Manns „Der Untertan“. Während  Heinrich Mann mit seiner Satire am Beispiel des Typus  Diederich Heßling die wilhelminische Epoche und die preußische Vorkriegszeit untersucht, betreibt Maria Lazar literarische Feldforschung in der österreichischen katholischen Provinz der Zwischenkriegszeit.  Mit ähnlichem Resultat. Brisante Aktualität ließe sich durchaus auch diagnostizieren,

 

INFO

Maria Lazar: Die Eingeborenen von Maria Blut.

Verlag Das vergessene Buch, Neuauflage: Wien 2020.

Hrsg. und Nachwort von Johann Sonnleitner  (Universität Wien)

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Aalener Kulturjournal