Maria Lazar: Leben verboten!

Wenn das Leben, das man kannte, plötzlich unmöglich wird

Verfemt und zu Unrecht vergessen. Der Name Lazar kommt in Literaturgeschichten  nicht vor. Seit 2014 erlebt  die in Wien geborene Schriftstellerin und Journalistin Maria Lazar (1895–1948) jedoch eine Renaissance. Nach „Maria Blut“  und „Die Vergiftung“ erscheint nun ihr brillanter  Widerstandsroman „Leben verboten“ in der deutschen Originalfassung von 1932.

Ernst von Ufermann, ein Mann in den besten Jahren, Chef  eines alteingesessenen Berliner Bankhauses, leidet unter Alpträumen. 1931 hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise auch Deutschland fest im Griff: bankrotte Banken, Firmen schließen, Massenarbeitslosigkeit.  „Man hat kaum eine ruhige Stunde mehr, ohne daß  was Entsetzliches passiert.“

Ufermanns Gedanken kreisen um die finanzielle Lage der Bank, um ein bevorstehendes  Treffen  mit einem Frankfurter potentiellen Geldgeber. Da ihm auf dem Weg zum Flughafen die Papiere gestohlen werden, kann er den Flug nicht antreten. Statt  nach Hause zurückzukehren, irrt er durch die Stadt.  Unterdessen nimmt das  Schicksal eine Wende:  Das Flugzeug stürzt tatsächlich ab, alle glauben, er sei unter den Toten, er taucht unter. Seine Phantasie – Firma, Gattin, Mutter wären gerettet, wenn  das Flugzeug abstürzte, aufgrund einer immens hohen Lebensversicherung -  wird Wirklichkeit.

Die Identität des Herrn von Ufermann beginnt zu zerbröseln. Durch eine Prostituierte gerät er an  eine obskure Bande, für die er als Kurier „Edwin von Schmitz“ ein „kleines weißes Paket“ nach Wien bringen soll. Und gerät von der kriminellen  deutschen in die politische Wiener Unterwelt.  Völkisch national, gewalttätig und rabiat antisemitisch. Vier verkommene Burschenschaftler nehmen ihn in Empfang. In welcher Gefahr sich Ufermann, der das Ganze anfangs als „Räuber- und Soldatenspiel“ abtut, tatsächlich befindet, zeigt sich im Laufe der Handlung.

Den Boden unter den Füßen verlieren

 „Sie hören nicht ein fernes Grollen hinter all den Mauern – das sind die Raubtierstimmen aus der Urzeit. `Triumph der Bestie´ heißt ihr letztes Buch. Fürchten Sie nicht, daß  diese Bestie nun bald auch triumphieren könnte in einer Wirklichkeit, von der Sie und Ihre klugen Freunde gar  keine Ahnung haben?“,  fragt er später einen windigen Bestsellerautor, der seine Geschichte vermarkten will.

Rasch wechselnde  Perspektiven  beleuchten den Protagonisten, der kraftlos und zögerlich „wie ein  Blatt im Wind“ agiert. „Warum ist er denn plötzlich so  entsetzlich traurig!“  Von dem großen Geschäftsinhaber existiert nur noch die Erinnerung. Die erlebte Wertschätzung, auch seitens der Ehefrau und Freundin,   hat nicht ihm als Mensch, sondern seinem Status gegolten. Meisterlich gestaltete innere Monologe spiegeln  Gedanken und Wahrnehmungen der Figuren, rücken so manches  in ein anderes Licht. „Wien? Wien? Nur du allein? … sollst die Stadt meiner Träume sein?“ Schon oft war  Ufermann  in Wien, nie zuvor hat er allerdings den Schmutz, die Brutalität wahrgenommen.  Als „armer Ausgestoßener“ sitzt er in einem billigen Café, sich an die eleganten Wiener Cafés erinnernd, die er mit seiner Frau Irmgard besucht hat. Kontraste, welche ihm in seinem früheren Leben nie aufgefallen sind. Barbarische antisemitische Exzesse erlebt er, auch einen politischen Mord.  Vorbild ist die reale Ermordung des jüdischen Schriftstellers Hugo Bettauer (1872 – 1925). Zunehmend verliert Ufermann den Boden unter den Füßen. Wie auch die Zivilisation zerbröselt.

Als Ufermann in  sein altes Leben  zurück möchte, wird ihm dies verwehrt. Die Bank ist saniert, sein ehemaliger Kompagnon Paul hat seinen Platz eingenommen, auch bei der „schönen, blonden“  angeblichen Witwe.  „Leben verboten!“  Ein Toter müsse er sein und bleiben für eine Welt, der er nicht länger dienlich sei. Sein  Kampf um Rehabilitation scheitert. Zu spät begreift er, dass er selbst die Ursache seiner Misere ist. „Die Feigheit ist es, die Gleichgültigkeit des Herzens.“  Nur wenige aufrichtige Menschen kommen in dem Roman vor. Kontrastfiguren sind zum Beispiel die kluge eigensinnige Gymnasiastin „Mutz“, Schwester eines der Burschenschaftler, Mr. Bell, der amerikanische Jurist der Versicherungsgesellschaft, der als einziger am Ende noch Ufermann glaubt, während die anfänglichen Unterstützer ihn aus Angst fallen lassen.  Oder der jüdische Professor Frey, der Drohbriefe erhält.  „Es ist ja immer wieder dasselbe Evangelium der Ausrottung, das sich hier kundtut. Verrecke, stirb, verschwinde. Das ist die Losung, mit der die Ware Mensch jetzt dezimiert werden soll. Darf man da schweigen?“, erklärt  er seinen  Töchtern, die um seine Sicherheit bangen.

Menschliche Abgründe

Maria Lazars alptraumhafter Roman „ Leben verboten“ ist nicht nur ein exzellenter Zeitroman über den moralischen Niedergang einer Gesellschaft und den aufkommendem Faschismus,  sondern auch eine Geschichte über einen Menschen, der sich verliert.  Nach Siegmund Freud, Maria Lazar hat sich unter  anderem in ihrem Einakter „Der Henker“ mit diesem auseinandergesetzt,  ist  Identität zunächst „ein Gefühl für die eigene Person“. Ein Mensch könne sich  nur entwickeln in der Abgrenzung von anderen. Ernst von Ufermann ist ein innerlich schwacher Mensch, der die Maske eines erfolgreichen Bankiers trägt, jedoch  in belastenden Situationen sich in frühkindliche Verhaltensweisen flüchtet. Aus besinnungsloser Angst vor dem, was kommen könnte, lässt er sich treiben, unterwirft sich „feige und gefügig“  manipulativen Einflüssen. Der Erkenntnisprozess, den er durchmacht, kommt zu spät.

 „Leben verboten“ ist ein Blick in Abgründe. In glasklaren Sätzen souverän erzählt.  Dicht mit  Realien vor allem der österreichischen Zeitgeschichte sei der Roman gesättigt, sodass er sich wie eine Parabel auf das krisengeschüttelte Österreich  der frühen 30er Jahre lesen lasse, stellt der Prof. Dr. Johann Sonnleitner  von der Universität Wien in seinem ausführlichen Nachwort fest, welches auch Einblick gibt in das Leben der Autorin.  Zudem sei der Roman zuweilen von geradezu bestürzender Aktualität, bemerkt Prof. Sonnleitner  treffend.

Maria Lazar, die  1933 mit ihrer Tochter Österreich verlässt und  über Dänemark nach Stockholm ins Exil geht, veröffentlicht diesen Roman unter ihrem Pseudonym Esther Grenen, welches sie ab  1930 verwendet und unter welchem sie internationale Erfolge hat. Weder österreichische noch Schweizer Verlage wollten jedoch  „Leben verboten“  drucken. Zu brisant erschien die Thematik, zu deutlich die Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus.

 

Maria Lazar

Leben verboten!

383 Seiten

Deutsche Erstausgabe

dvb Verlag

 

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Aalener Kulturjournal