Diese Seite wird neu eingerichtet!
Diese Seite wird neu eingerichtet!

Maria Regina Kaiser: "Annette von Droste-Hülshoff"

Dichterin zwischen den Feuern

„Denn in hundert Jahren möcht' ich gelesen werden", wünscht sich Annette von Droste-Hülshoff. Ihr Wunsch geht in Erfüllung, gilt sie doch heute als eine der großartigsten deutschen Dichterinnen. In jeder Literaturgeschichte präsent. „Die Dichtung der Annette ist in Wahrheit eine Verdichtung: Aus tausend Blumenblättern ist ein Tropfen Wohlgeruch gepreßt“, charakterisiert Ricarda Huch so treffend deren Werk. 

Geboren am 12. Januar 1797 als Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff auf der uralten von Wasser, Moor und Wäldern umgebenen Burg Hülshoff bei Münster, wo sie Kindheit und Jugend verbringt. Ein „seltsam schlummerndes Land“ nennt  die Lyrikerin diesen Landstrich. Hineingeboren in eine der ältesten katholischen Adelsfamilien Westfalens. Gestorben am 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg am Bodensee.

Maria Regina Kaisers Romanbiografie „Annette von Droste-Hülshoff. Dichterin zwischen den Feuern“ erzählt chronologisch geordnet deren Lebensgeschichte in einer Epoche voller Brüche. „Überall flackern die Feuer der Revolution.“ Eng folge sie den Quellen, erklärt die Autorin im  kenntnisreichen wie informativen Nachwort.  

Sieben Wochen zu früh auf die Welt gekommen, kränkelt Annette von Droste-Hülshoff zeitlebens. Sie ist ein lebhaftes empfindsames Kind, hochmusikalisch, liest leidenschaftlich, mineralisiert, botanisiert. Die Mutter zupackend, der Vater, eher ein weicher Mann, ein Feingeist. In der für die damalige Zeit liberalen Erziehung der Kinder, zwei Mädchen und zwei Knaben, werden zunächst keine Unterschiede gemacht. Früh werden sie an die Musik, die Literatur herangeführt. Engen Kontakt pflegt die Familie zu der zahlreichen  Verwandtschaft, ist doch der Adel mit außerordentlichem Kinderreichtum gesegnet.

Annettes Dichttalent zeigt sich bereits früh. Ihr Onkel Werner von Haxthausen sieht in der Siebenjährigen „eine zweyte sapho“, ein „dichter Genie". In den Jahren 1812 bis 1819  fördert sie der Juraprofessor und einstige Stürmer und Dränger Anton Mathias Sprickmann, von der Mutter arrangiert, literarisch. „Ihr Geist ist unweiblich, so scheint es mir“, attestiert ihr später jedoch offen ein junger Mann. Ein „Verstandesmensch“. Zu hoch wolle sie hinaus.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts werden die  Standesschranken durchlässiger. Adel und Bürgertum pflegen geselligen Umgang. Auf Gut Bökerhof, dem Besitz Augusts von Haxthausen, Annettes Onkel mütterlicherseits, trifft sich der "westfälische Geistesadel", um über Kunst und Politik zu debattieren, sich gemeinsam zu vergnügen. Zu  dem Freundeskreis zählen Achim von Arnim, Clemens  Brentano, die Grimm-Brüder. Dem „blassen“ Wilhelm Grimm ist Annette nicht sympathisch. Zu unkonventionell verhalte sie sich. Auf dem Gut zu Gast sind im  Sommer 1820  Annette, der junge  attraktive Freiherr von Arnswaldt und der Rechtsstudent Heinrich Straube, ein verarmter Bürgerlicher, das „größte Genie nach Goethe", so die Freunde. Annette und Straube fühlen sich zueinander hingezogen, nennen sich „Herzensfreunde". Gewagt, in einer Zeit, in welcher ein „Du“ bereits kompromittiert. Eine „Liebesprobe“, eine üble Intrige unter Beteiligung von Arnswaldt  und Onkel August zerstört die Liebesaffäre. Das Ereignis geht in die Literatur als "Jugendkatastrophe" der Droste ein.  Annette und Straube werden einander nie wiedersehen. Annette, deren Ruf beschädigt ist,  meidet jahrelang Bökendorf. Als Straube 1847 stirbt, findet sich in seinem Nachlass eine Locke Annette von Droste-Hülshoffs.

Nach dem Tod des Vaters 1826 zieht Annette  mit Schwester Jenny und Mutter Therese Louise auf deren ländlich, still und abgeschieden gelegenen Witwensitz Rüschhaus, um bis 1846 dort unterbrochen von Reisen zu leben. In ihrem „Schneckenhäuschen“, so nennt sie Wohn- und Arbeitszimmer, entstehen die sogenannten Rüschhauser Balladen, zum Beispiel „Der Knabe im Moor“, „Der Weiher“ und ihre Novelle „Die Judenbuche“. Empfindungen, die sich ihr aufdrängen. Dunkel, unheimlich, naturmagisch wie die meisten Texte der Droste. Des weiteren Teile  des „Geistlichen Jahres in Liedern“.

 

Obgleich erwachsen, bleibt Annette abhängig von der Familie. Für alles, auch für die Veröffentlichung ihrer Werke, braucht sie die Genehmigung der Mutter, vom Bruder erhält sie eine Leibrente. Tatkräftige Unterstützung bei der Kinder- und Krankenpflege erwartet die Verwandtschaft von der unverheirateten Tante Annette. Ein für jene Zeit typisches Frauenschicksal, nur herausgehoben durch ihren Status als Adlige und ihre Begabung. Letztlich ist die Lyrikerin keine Rebellin, sondern fügt sich. „Mein Stand, die Familie.“ Ganz anders die unkonventionelle Archäologin Sibylle Mertens-Schaaffhausen, eine bestsituierte Bankierstochter, mit welcher die Dichterin sich auf Reisen nach Bonn und Koblenz anfreundet. Die „Rheingräfin“, wie sie genannt wird, führt einen der angesehensten Salons des Rheinlandes. Unglücklich verheiratet mit dem 16 Jahre älteren Bankier Joseph Ludwig Mertens, laut Annette von Droste-Hülshoff eine „Ehehölle“. Ausführlich schildert Maria Regina Kaiser die Ereignisse. Dort  lernt Annette Adele Schopenhauer und Goethes Schwiegertochter Ottilie kennen.

Regelmäßig zu  Gast ist Annette bei ihrer Schwester Jenny und ihrem Schwager, dem   Schriftsteller Joseph von Lassberg. Ein Jahr lang 1835/36 in der Schweiz auf Schloss Eppishausen, das 1837 verkauft wird, um die  Meersburg zu erwerben. „Auf der Burg haus´ ich am Berge / unter mir der blaue See.“

Ab 1838 übernimmt Annette von Droste-Hülshoff, eine Jugendfreundin von Levin Schückings Mutter Katharina Busch-Schücking, nach deren Tod für den 17 Jahre jüngeren Mann die Mutterrolle. Eine tiefe „Liebesfreundschaft" entsteht, welche aufgrund des Standes- und Altersunterschieds verheimlicht werden muss. „Wenn ich träume, du liebst mich, / So magst du vergeben./Sei gegen den Traum nicht entbrannt, / Im Traum  nur vermag deine Liebe zu leben, / Ich erwache und weine - sie schwand.“  Der hervorragend vernetzte Schücking sorgt  indes für die Publikation ihrer Arbeiten. Vom großzügigen Honorar, das ihr der Verleger Cotta für die Ausgabe ihres zweiten Gedichtbandes zahlt, kann sie das Fürstenhäusle nahe der Meersburg kaufen.

 

Einsamkeit und  Krankheit bestimmen die letzten Lebensjahre Annettes. Zum Bruch mit Levin Schücking kommt es 1846, dessen Roman „Die Ritterbürtigen“ die Dichterin als Verrat betrachtet. „Schücking hat an mir gehandelt wie mein grausamster Todfeind", klagt sie.

Maria Regina Kaiser ist es gelungen, in ihrer Romanbiographie „Anette von Droste-Hülshoff“ einfühlsam und facettenreich das Leben der Droste und die Quellen ihrer Kunst darzustellen. Nicht nur eine geniale Poetin wird lebendig, sondern auch eine hochtalentierte Musikerin und Komponistin, was lange vergessen gewesen ist. Ihr Leben lang  tauscht sie sich  aus  mit  zeitgenössischen Intellektuellen, auch mit dem berühmten Künstlerpaar Clara und Robert Schumann.

Im Anhang finden sich Porträts Annette von Droste Hülshoffs wie Abbildungen ihrer Wohnorte. Dazu eine Zeittafel und ein Glossar. Aufschlussreich runden Skizzen zum Leben von „Annettes Menschen“ das schön geschriebene Buch ab.

 

Maria Regina Kaiser

Annette von Droste-Hülshoff. Dichterin zwischen den Feuern

Romanbiografie

Oktober 2021

Südverlag

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal